15.03.2011 · Das stärkste Erdbeben der japanischen Geschichte wird nach Einschätzung deutscher Ökonomen auf die hiesige Wirtschaft nur begrenzte Auswirkungen haben. Der deutsche Außenhandel mit Japan ist gering. Aber die Folgen eines Atom-GAU wären unabsehbar - auch für die Weltwirtschaft.
Von Philip Plickertppl. FRANKFURT, 14. März. Das stärkste Erdbeben der japanischen Geschichte wird nach Einschätzung deutscher Ökonomen auf die hiesige Wirtschaft nur begrenzte Auswirkungen haben. "Das Beben allein wird für einige Monate die Produktion in Japan beeinträchtigen, doch danach wird sie wieder hochgefahren", sagte Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrates. Der deutsche Außenhandel mit Japan ist gering: Nur etwas mehr als 1 Prozent des deutschen Exports geht nach Japan, nur knapp 3 Prozent des Imports kommt von dort. Chinas Handel mit Japan ist viel größer, auch die Vereinigten Staaten sind stärker verflochten. Aber selbst mit der möglichen indirekten Exportdämpfung sei die hiesige Konjunktur nicht gefährdet, sagte Franz. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft gab sich gelassen: "Die Auswirkungen der Katastrophe für die Weltwirtschaft können nach allem, was man derzeit weiß, als moderat eingeschätzt werden", hieß es. "Wenn es allerdings zu einer Nuklearkatastrophe kommt, kann man sich die Folgen kaum ausmalen", sagte Franz. Er wolle aber keine wirtschaftlichen Horrorszenarien malen.
Die menschlichen Leiden der Bevölkerung sind ungeheuer. Etwa eine halbe Million Japaner haben ihre Häuser verloren oder wurden evakuiert. Die vier Präfekturen in Nordjapan, die von den Beben und dem Tsunami am schlimmsten betroffen sind, machen aber insgesamt nur einen kleinen Teil von Japans Volkswirtschaft auf. Sie tragen nach Angaben des Statistikamtes etwas mehr als 6 Prozent zum jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, von der Industrieproduktion sind es gut 7 Prozent. Wenn die Produktion in der Region im März um 20 bis 40 Prozent zurückgefahren würde, bedeutete dies im Ganzen nur einen Produktionsausfall von 1 bis 2 Prozent des BIP, rechnen die Ökonomen der Citigroup. Wenn die Energieversorgung länger gestört bliebe, weil Atomkraftwerke abgeschaltet werden oder Strom rationiert wird, würden die Produktionsausfälle länger dauern und insgesamt höher ausfallen. Wegen des Wiederaufbaus rechnen die Citigroup-Ökonomen im zweiten Halbjahr aber mit einer stärkeren Konjunktur. Das Wachstum im Gesamtjahr könnte sogar größer sein als bislang erwartet - allerdings gilt dies nur, wenn zum Erdbeben nicht eine Atomkatastrophe hinzukommt.
Auch die Ökonomen der japanischen Investmentbank Nomura sahen wegen des Erdbebens noch keine Rezessionsgefahr für das gesamte Land. Dies sei eine "übermäßig pessimistische Prognose", hieß es von Nomura. Allerdings seien die aktuellen Schäden wohl größer als die des Bebens im Jahr 1995 in Kobe. Die damaligen Zerstörungen an Gebäuden, Industrieanlagen und Infrastruktur werden auf umgerechnet 100 bis 120 Milliarden Dollar geschätzt. Dies entsprach knapp 2 Prozent des japanischen BIP. Der Wiederaufbau brachte einen Investitionsschub, die Wirtschaft kam schnell wieder in die Gänge. Nach dem jüngsten Beben hält Nomura einen V-förmigen Verlauf der Konjunktur zwar für unwahrscheinlich. Im dritten oder vierten Quartal könne es aber wieder zu "solidem Wachstum" kommen.
Der Wiederaufbau der zerstörten Regionen wird immens viel kosten. Angesichts der öffentlichen Verschuldung von mehr als 220 Prozent des BIP beschleicht manchen Volkswirt ein ungutes Gefühl, ob Japans Staat noch höhere Defizite verkraften könnte. Die Ratingagentur Moody's sah aber am Montag keine Anzeichen für eine Finanzierungskrise. "Japan hilft, dass seine Staatsschuld fast ausschließlich von Inländern gehalten wird", sagte Franz. In der jetzigen Situation sei eine Steuererhöhung durch einen "Erdbeben-Solidaritätszuschlag" angebracht.
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