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Japan Das älteste Land der Welt

01.10.2011 ·  Bald schon wird jeder vierte Japaner älter als 65 Jahre sein. Das verändert auch die Wirtschaft. Die Gefahr ist groß, dass sich die Menschen in Stagnation und Deflation einrichten, weil es für wohlhabende Senioren bequem ist.

Von Carsten Germis, Tokio
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Ryuichi Yamaguchi ist ein erfolgreicher Mann. 63 Jahre alt ist er und seit diesem Jahr im Ruhestand. Dennoch geht er zwei Mal in der Woche in sein altes Unternehmen und berät die jüngeren Kollegen. „Ganz ohne Arbeit geht es nicht“, sagt er und lacht. Trotz der immer noch sommerlichen Hitze sitzt er im dunklen Anzug, die rote Krawatte fest gebunden, am Tisch im Cafe. Yamaguchi ist ein typischer Vertreter der Generation der Babyboomer in Japan. Viele der geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit gehen jetzt in Rente. Nach Berechnungen der japanischen Regierung wird die Zahl der Erwerbstätigen von jetzt gut 65 Millionen bis 2030 um mehr als zehn Millionen sinken. Gerade sind in Tokio die neuesten Zahlen veröffentlicht worden: 29,8 Millionen Japaner sind älter als 65 Jahre. Das entspricht 23,3 Prozent der gesamten Bevölkerung. Bei den Frauen liegt der Prozentsatz noch höher. Schon in wenigen Jahren wird die Hälfte der Japaner älter als 50 Jahre sein. „Na und?“, fragt Yamaguchi, „mir geht es gut, und jetzt habe ich endlich Zeit, das Leben ein bisschen zu genießen.“

Japans Babyboomer, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, sind die reichste Generation in der japanischen Geschichte. Wer über 69 Jahre alt ist, hat in Japan im Schnitt mehr als 10 Millionen Yen (96.000 Euro) auf der hohen Kante. Bei den 60 bis 69 Jahre alten sind es noch 8,6 Millionen Yen.

Davon können viele junge Japaner nur träumen. Nach amtlichen Statistiken kann jeder Dritte vom eigenen Einkommen kaum leben, geschweige denn für das Alter sparen. „Die japanische Babyboomer-Generation galt schon immer als enorm aktive und tatkräftige sowie auch konsumorientierte Bevölkerungsgruppe“, sagt Florian Kohlbacher, Ökonom am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Eine reiche, aktive Generation im Ruhestand, das müsse der Wirtschaft doch großen Schwung verleihen, erwarteten viele Wissenschaftler, auch Kohlbacher. 2007 gingen die ersten Babyboomer in Japan in Rente; doch die neuen Rentner ließen ihr Geld auf dem Sparkonto statt kräftig zu konsumieren. Und sie arbeiten weiter wie Yamaguchi. „Die Erwartung, dass der Markt von 2007 an richtig boomen wird, ist daher nicht eingetreten“, sagt Kohlbacher.

Japan ist schon lange kein Land des Aufbruchs mehr

Statt zum Vorbild dafür zu werden, wie auch eine alternde Gesellschaft wirtschaftliche Dynamik entfalten kann, droht Japan zum abschreckenden Beispiel zu werden. Das ostasiatische Land ist schon lange kein Land des Aufbruchs mehr. Gerade weil die Generation, die jetzt in den Ruhestand geht, so wohlhabend ist, machen die Arbeitseinkommen in den meisten Haushalten heute schon weniger als die Hälfte der Einnahmen aus. „Die Sicherheit der Pensionen und die Abwesenheit von Inflation sind schon lange wichtiger als Bemühungen, dynamisches Wachstum zu schaffen“, sagt Martin Schulz vom Fujitsu-Forschungsinstitut. Deswegen ist die Stagnation, die leichte Deflation, unter der das Land seit Jahren leidet, für die Senioren wie Yamaguchi auch kein Thema. Wer vom Ersparten lebt, beklagt sich nicht über sinkende Preise, und er ruft auch nicht lautstark nach Veränderungen und wirtschaftlichen Reformen. Im Gegenteil.

Heizaburo Akiyama, 74 Jahre alt und Unternehmer im vornehmen Innenstadtbezirk Ichibancho, bestätigt das. Als Unternehmer weiß er, wie fatal es ist, dass in einer alternden Gesellschaft, die sich in der Deflation einrichtet, die Produktivität nachlässt. Ihn ärgert das, aber auch er spart lieber und arbeitet weiter, als jetzt im Ruhestand zu konsumieren. Seit 140 Jahren betreibt seine Familie nahe dem Kaiserpalast einen Getränkeladen mit Cafe. Dazu kommt eine Gesellschaft, die den in 140 Jahren erworbenen Immobilienbesitz verwaltet. „Es ist leicht, als wohlhabender alter Mensch in einer deflationären Gesellschaft zu leben“, sagt Akiyama, der – wie die meisten Alten in Japan – deutlich jünger aussieht. „Das ist nicht gut, aber es ist bequem.“ Die Hälfte seines Lebens schon engagiert sich Akiyama in der Betreuung von Senioren in seinem Heimatbezirk. „Die gehen nicht mehr aus, mit über 70 ist shoppen einfach nicht mehr so wichtig“, berichtet er. Das seien seine Erfahrungen. Und die Menschen, die in Ichibancho wohnen, gehören nicht zu den Armen. Seine Bekannten sparten weiter, zumal man nicht wisse, was die Zukunft bringt, sagt Akiyama. Und die, die nicht so wohlhabend sind, planen sinkende Preise schon in ihre Planungen ein. „Wenn ich mir den neuen Kühlschrank erst im nächsten Frühjahr kaufe, dann ist er bestimmt noch billiger“, meint Shoko Ayoyama. Sie arbeitet als Hauswartsfrau für zwei Unternehmen, weil sie mit einem Job nicht über die Runden kommt. Deflation, sinkende Preise, Ayoyama stört das nicht. „Tokio ist immer noch teuer genug“, sagt sie.

„Es gibt einen Rückzug ins Innere“

Kohlbacher sieht einen Grund für die Konsumzurückhaltung der Japaner in der internationalen Finanzkrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Seitdem „verstärkt sich in Japan der Trend, zurück in die alten Häfen einer vermeintlichen Sicherheit zurückzukehren. Es gibt einen Rückzug ins Innere“, sagt er. Rentner Yamaguchi bestätigt das. „So einen italienischen Kaffee gönne ich mir natürlich“, sagt er und nippt an seiner Espressotasse, „mit meinen Freunden gehe ich auch gerne gut essen.“ Zwei geplante Auslandsreisen hätten er und seine Frau wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage aber erst einmal verschoben. Die Unsicherheit ist groß, nicht nur unter Japans Senioren. Tokio, das unbestrittene wirtschaftliche Zentrum des Landes, war zwar vom Erdbeben am 11. März, auch von der Atomkatastrophe in Fukushima, kaum betroffen. Dennoch sanken die Konsumausgaben um 15 Prozent.

Zudem müssen immer mehr Rentner ihre eigenen Kinder finanziell unterstützen. Jeder dritte junge Japaner arbeitet heute in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nach einer Studie des Arbeitsministeriums in Tokio verdient mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Japaner zwischen 15 und 34 Jahren nicht genug Geld, um den Alltag finanzieren zu können. Es helfen die Eltern. Dass schon in 20 bis 30 Jahren immer mehr Japaner im Alter ohne Erspartes und ohne üppige Rente dastehen, droht für das Land zu einer demographischen Zeitbombe zu werden. In der Provinz, fernab vom pulsierenden Zentrum Tokio, lässt sich schon beobachten, wie ein Japan ohne wirtschaftliche Dynamik aussehen könnte.

Die alternde Bevölkerung ist die mit Abstand wichtigste Wählergruppe

Nach Ansicht von Schulz hat die alternde Gesellschaft Japan stärker verändert als allgemein angenommen wird. Zwei Beispiele zeigen das seiner Ansicht nach deutlich: „Die Beharrlichkeit ineffizient gewordener Strukturen und Institutionen sowie Japans riesiger, unterbeschäftigter Kapitalstock.“ Die zwei Jahrzehnte Stagnation und Deflation in Japan führt er wesentlich darauf zurück, dass starke Wettbewerbsbeschränkungen im Inland während der exportgetriebenen Phase des starken Wachstums die Preise lange unverhältnismäßig hoch gehalten haben, bevor sie langsam abgebaut werden mussten. Zudem suchte sich der durch die hohen Investitionsraten aufgebaute Kapitalstock nach Investitionsmöglichkeiten im Lande. „Das führte zu einem halsbrecherischen Wettbewerb, der zu niedrigen Zinsen und zu fallenden Preisen führte“, sagt Schulz.

Verschärft wird das Problem dadurch, dass alternde Gesellschaften zum Beharren neigen. Effektive Reformen in der Binnenwirtschaft wagt die japanische Politik seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, obwohl sie ausgiebig über deren Notwendigkeit diskutiert. Die alternde Bevölkerung, mit Abstand die wichtigste Wählergruppe, verlangt schließlich vor allem nach Sicherheit. Also sprang in Krisenzeiten stets der Staat ein, garantierte Unternehmen das Überleben, die lange nicht mehr wettbewerbsfähig waren, baute überflüssige Straßen, Brücken und Museen – mit der Folge, dass Japan heute mit mehr als dem Doppelten seiner jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet ist.

In Japan zeigt sich heute auch, dass alternde Gesellschaften, die ihr Innovationspotential nicht nutzen, sich in eine Krise manövrieren können, aus der sie nur schwer wieder herauskommen. Investiert wird in Bau, in Dienstleistungen. Die Dienstleistungen aber, die mehr als 70 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachen, sind hier ineffizient wie in kaum einem anderen Land der Welt. Und die Bauindustrie ist überreguliert, es gibt zu viele Beschäftigte, sie bleibt in den Fesseln des heimischen Markts gefangen. Eine Zahl belegt deutlich, wie dringend Japans Binnenmarkt Veränderungen braucht: Obwohl Japan als Exportnation gilt, macht der Export nur 17 Prozent des Bruttosozialprodukts aus, in Deutschland sind es fast 50 Prozent. Und doch ist Japan exportabhängig. „Der kleine Außenwirtschaftsanteil trug in den letzten zehn Jahren zumeist mehr als 50 Prozent zum Wachstum der Gesamtwirtschaft bei“, sagt Schulz. Vom Binnenmarkt geht in Japan schon lange keine Dynamik mehr aus. Wie aber sieht die Strategie der Unternehmen aus, die in Japan ihren Markt haben? Die Antwort: Kosten senken, statt den Strukturwandel zu forcieren. „Cost Cutting, das ist die alternde, deflationäre Gesellschaft“, sagt Schulz.

Wird Japan für die anderen alternden Gesellschaften von Südkorea bis Deutschland also zum Beispiel, wie man es nicht machen sollte? Vieles deutet darauf hin, es gibt aber auch erste Zeichen, dass auch Japans Senioren verstanden haben, dass eine alternde Gesellschaft ihre Arbeits- und Finanzmärkte bewusst global öffnen muss. Investitionen im Ausland und eine behutsame Öffnung des immer noch abgeschlossenen Landes für eine junge, qualifizierte Zuwanderung aus Asien sind Wege, Japan auch in Zukunft Wohlstand zu sichern.

„Wir haben schon einmal umdenken müssen“, sagt Rentner Akiyama. Das war nach der Niederlage 1945. Damals war Japan der Industriestaat mit der jüngsten Bevölkerung und erstaunte die Welt mit seiner rasant wachsenden Wirtschaft. „Jetzt sind wir das älteste Land, wir werden uns also noch einmal anstrengen müssen“, sagt er und schiebt sich dabei energisch die Hornbrille in die Stirn. Dann greift er nach einem Japanischen Wörterbuch und zeigt auf zwei Wörter: Kiki, Krise, und kikai, Chance.

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Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

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