02.02.2010 · Auf den ersten Blick sieht das System gesund aus: Die Japaner des Landes gehören seit Jahrzehnten zu den weltweit Gesündesten, und sie leben länger als die Menschen in anderen Ländern. Doch wer genauer hinschaut, der sieht viele Probleme.
Von Carsten Germis, TokioAuf den ersten Blick macht das Gesundheitssystem Japans einen robusten und gesunden Eindruck. Die Bürger des Landes gehören seit Jahrzehnten zu den weltweit Gesündesten, und sie leben länger als die Menschen in anderen Ländern. Dabei geben Japaner deutlich weniger für ihre Gesundheit aus als zum Beispiel Deutsche oder Amerikaner. Der Anteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt belief sich 2006 - aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor - auf 8,1 Prozent und ist damit niedriger als in allen anderen hochentwickelten Industrieländern.
Doch wer genauer hinschaut, der sieht, dass auch das japanische Gesundheitssystem in der Krise steckt. Das staatliche regulierte System ist chronisch unterfinanziert. Die Krise läuft seit einigen Jahren in aller Stille ab, berichtet der Wirtschaftsforscher Seiri-tsu Ogura von der Hosei-Universität in Tokio. Es wird rationiert, Dienstleistungen verschwinden einfach, weil sie nicht bezahlt werden können. "Unsere Mittel sind knapp, weil wir nicht genug Geld in unser Krankenversicherungssystem gesteckt haben, um für den wachsenden Anteil Älterer in der Bevölkerung zu sorgen", sagt Ogura.
Heute schon machen die Ausgaben der Älteren mehr als ein Drittel der Gesamtausgaben aus - Tendenz stark steigend. Hinzu kommt, dass die Veränderung der Ess- und Lebensgewohnheiten auch in Japan ihre Spuren hinterlässt. Die Zahl der Übergewichtigen ist im internationalen Vergleich mit rund 3 Prozent zwar immer noch verschwindend gering, aber auch hier ändert sich das Bild langsam, und Krankheiten wie Diabetes nehmen zu.
Versichert sind die Japaner entweder über eine betriebliche Krankenversicherung, wenn sie arbeiten, oder bei einer kommunalen Krankenversicherung. Alle Krankenversicherungen bieten die gleichen Leistungen. Patienten können Arzt und Krankenhaus dabei frei wählen - und mit durchschnittlich 14 Arztbesuchen im Jahr gehören die Japaner weltweit mit in die Spitzengruppe, obwohl die Versicherten 30 Prozent der Kosten bei einem Arztbesuch selbst bezahlen müssen. Für Versicherte ab 75 gibt es seit einigen Jahren die "Krankenversicherung für die ganz Alten", die von den anderen Versicherungen subventioniert wird.
Die Höhe der Beiträge richtet sich nach dem Einkommen und ist nach oben gedeckelt. Bei den kommunalen Versicherungen liegt die Obergrenze bei 590000 Yen im Jahr (4673 Euro), der Mindestbeitrag beträgt 37200 Yen (296 Euro), bei den betrieblichen Kassen ist es ähnlich. Wie die Unternehmensberatung McKinsey 2009 in einer Studie feststellte, leidet Japans Gesundheitssystem vor allem daran, dass es kaum Qualitätskontrollen gibt. Nirgendwo bleiben Patienten so lange im Krankenhaus wie in Japan; Ärzte, die einmal ihre Zulassung bekommen haben, können lebenslang ohne weitere Fortbildung praktizieren. Dass Japans Gesundheitssystem reformiert werden muss, ist unumstritten. In Sicht ist eine Reform aber noch lange nicht.
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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