06.01.2008 · In Neapel türmt sich der Müll auf den Straßen. Die Region produziert jedes Jahr rund 2,8 Millionen Tonnen Müll, besitzt aber seit 1997 keine Deponie mehr und wartet auf Verbrennungsanlagen. Die Verwaltung sucht nach Notlösungen.
Von Tobias PillerIn Neapel und den Vorstädten türmt sich der Müll auf den Straßen. 2000 Tonnen sind es allein in Neapel, 100 000 Tonnen in der gesamten italienischen Region Kampanien. Da der Region noch immer ein Entsorgungskonzept fehlt, sucht die Verwaltung jetzt fieberhaft nach einer Notlösung. Dieses Mal will man eine Mülldeponie wiedereröffnen, die eigentlich vor elf Jahren geschlossen wurde. Entsprechend einem vielfach erprobten Drehbuch widersetzt sich die lokale Bevölkerung dieser Idee. Die Bürger setzen zum Teil auf Selbsthilfe: Sie verbrennen die Abfälle in wilden und gesundheitsschädlichen Feuern. Innerhalb eines Tages haben die Protestierer vier Stadtbusse angezündet und Polizeiautos angegriffen. In der Stadt hängen Puppen an den Bäumen, die den Regionalpräsidenten Antonio Bassolino und die Bürgermeisterin Rosa Jervolino darstellen sollen.
Schon 14 Jahre dauert der Müllnotstand, fast 2 Milliarden Euro wurden in dieser Zeit in Kampanien ausgegeben, ohne dass eine grundsätzliche Lösung in Sicht wäre. Während der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano beim Blick auf die Müllprobleme seiner Geburtsstadt von "gemeinschaftlicher Verantwortungslosigkeit" spricht, fordert die Opposition den Rücktritt des Regionalpräsidenten Bassolino, die Auflösung der gewählten Regionalregierung und die Einsetzung von Regierungskommissaren aus Rom.
Mülltransport in deutsche Müllverbrennungsanlagen
Kampanien produziert jedes Jahr rund 2,8 Millionen Tonnen an Müll, besitzt aber seit 1997 keine Mülldeponie mehr. Von den seit mehr als zehn Jahren geplanten Müllverbrennungsanlagen soll erst im nächsten Jahr die erste fertig werden. Nachdem in den vergangenen Jahren auch alle Behelfslösungen ausgeschöpft wurden, hat sich die Verwaltung nun dafür entschieden, den Müll in Ballen von 1,1 Tonnen zu verpacken und vorübergehend zu lagern. Doch auch die provisorischen Lagerstätten, zusammengenommen mit der Fläche von einem Quadratkilometer, sind nun vollgepackt mit 6 Millionen Tonnen Abfall. Vorübergehende Entlastung bringt immer wieder nur der Mülltransport mit Sonderzügen in deutsche Müllverbrennungsanlagen - zu stolzen Preisen.
Der derzeitige Regionalpräsident Bassolino hat dabei von Anfang an in der Müllpolitik der Region mitgewirkt. Er galt 1993 als Hoffnungsträger, als er zum Bürgermeister von Neapel gewählt wurde. Als sich dann 1994 abzeichnete, dass die Mülldeponien bis 1997 ausgeschöpft sein würden, galt der Abfall noch weniger als Problem, sondern mehr als eine willkommene Gelegenheit, mit großen Beträgen zu hantieren und viele Parteigänger mit Posten zu befriedigen. Um jeglichen Unbill um die Standorte neuer Mülldeponien zu entgehen, feierten sich die Lokalpolitiker als Reformer, die künftig auf jegliche Deponie verzichten könnten. Schließlich werde man den Müll durch Trennung auf einen Bruchteil reduzieren und dann den Rest verbrennen können.
„Regierungskommissar für den Müllnotstand“
Tatsächlich ließ Bassolino vor sieben Jahren 1800 zusätzliche Müllmänner einstellen, die sich um den Trennmüll kümmern sollten. Auch ein völlig neuer Fuhrpark wurde angeschafft. Doch mangels Organisation arbeiten die Fachleute für den Trennmüll auch sieben Jahre später noch immer nicht, obwohl sie schon jahrelang Gehalt für ihr Nichtstun erhielten.
Seit 1994 gibt es Versuche, eine Schneise durch den Dschungel aus italienischem Kompetenzwirrwarr und neapolitanischem Schlendrian zu schlagen. So wurde ein mit Sondervollmachten ausgestatteter „Regierungskommissar für den Müllnotstand in Kampanien“ ernannt. Doch bisher hat keiner der sieben Sonderkommissare die Probleme gelöst. Antonio Bassolino, seit 2000 Regionalpräsident, war selbst bis 2004 mit den Vollmachten des Sonderkommissars ausgestattet. Zuvor wirkten andere Regionalpräsidenten und diverse Stars aus der Führungsebene der italienischen Polizei. Selbst der in allen Krisen erfahrene Chef des italienischen Katastrophenschutzes, Guido Bertolaso, hat Mitte 2007 nach einem Jahr das Handtuch geworfen, nach Differenzen mit dem grünen Umweltminister in Rom und handgreiflichen Attacken von Bewohnern einer Vorstadt von Neapel, mit denen Bertolaso hatte diskutieren wollen. Der Nachfolger von Bertolaso blieb nur sechs Monate und wurde zum Jahresbeginn schon wieder abgelöst.
Proteste und Notstand haben in Neapel schließlich noch einen besonderen Beigeschmack: Das organisierte Verbrechen verdiente während der vergangenen Jahrzehnte Milliardensummen daran, Sondermüll aus Norditalien auf illegalen Deponien zu vergraben oder auf legale Deponien der Region zu schmuggeln. Auch das Transportgewerbe gilt als von der Camorra beherrscht. Deshalb stehen immer wieder Demonstranten im Verdacht, dass sie vor allem eine Dauerlösung verhindern wollten, damit die Camorra weiterhin am Notstand verdient.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,22 | +0,19% |
| Dow Jones | 12.529,80 | +0,27% |
| EUR/USD | 1,2534 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 106,75 $ | +0,56% |
| Gold | 1.568,50 $ | +1,26% |
Anonym bewerben? Ist das gut?