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Interview „Wir brauchen eine Rangliste für Pflegeheime“

 ·  Um die Pflege in Deutschland steht es nicht gut, so zeigt der neueste Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Die Betreiber weisen die Vorwürfe zurück, darunter der größte börsennotierte Pflegekonzern, die Marseille Kliniken. Die F.A.Z. sprach mit Klinik-Chef Axel Hölzer.

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Um die Pflege in Deutschland steht es nicht gut. Nach einem Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen hat sich die Situation zwar verbessert, aber noch immer sei die Arbeit vieler Heime und ambulanter Dienste desolat: Ein Drittel der Betreuten bekomme nicht ausreichend zu essen oder zu trinken, in jedem zehnten Fall seien gesundheitliche Schädigungen festgestellt worden. Die Betreiber weisen die Vorwürfe zurück, darunter der größte börsennotierte Pflegekonzern, die Marseille Kliniken AG in Berlin. Der Vorstandsvorsitzende, Axel Hölzer sagt, dass das Qualitätsmanagement in seinen Häusern solche Missstände weitgehend ausschließe. Er fordert eine kontinuierliche Kontrolle aller Einrichtungen und die Veröffentlichung einer Bestenliste, damit sich Betroffene und Angehörige die überzeugendsten Einrichtungen heraussuchen könnten. Marseille betreibt 55 Pflegeheime mit 7800 Betten und 10 Reha-Klinikenl. Im zurückliegenden Geschäftsjahr setzte der Konzern 210 Millionen Euro um. Das Geschäftsergebnis betrug 19 Millionen Euro.

Herr Hölzer, Senioren hungern, liegen sich wund, werden zu selten gewaschen. Gilt das auch für Ihre Häuser?

Nein, der Vorwurf trifft uns nicht. Natürlich gibt es auch bei uns Versäumnisse, man muss sich die Einzelfälle aber genau anschauen. Manche Kunden haben Schwierigkeiten mit ihrem Gewicht, ohne dass das mit dem Essensangebot zu tun hat. Was das Wundliegen angeht, bekommen wir häufig Personen mit Dekubitus aus den Krankenhäusern oder direkt von ihren Familien in die Pflege.

Werden Demenzkranke tatsächlich an ihre Betten gefesselt?

Wir betreiben Einrichtungen und Stationen, in denen Demenzkranke spezielle Armbänder tragen. Sie können sich damit völlig frei im Haus bewegen. Nur wenn sie sich dem Ausgang nähern, wird ein Signal ausgelöst, und die Haustüren öffnen sich nicht. Als Ultima Ratio ist in Ausnahmefällen eine Fixierung erlaubt, aber nur mit gerichtlichem Beschluss. Man tut das, um zu verhindern, dass der Demente sich etwas antut.

Was macht Sie so sicher, dass Sie die Bewohner gut betreuen?

Als privater Anbieter im Wettbewerb können wir uns schlechte Qualität nicht leisten, als börsennotiertes Unternehmen stehen wir zusätzlich unter Beobachtung. Auf unsere internen Qualitätskontrollen ist Verlass: Wir prüfen durch eigene Qualitätsmanager, befragen anonymisiert die Angehörigen und können per Computer alle relevanten Daten sowie Pflegerisiken identifizieren. Diese Qualitätsprüfungen führen wir kontinuierlich durch und nicht alle Jubeljahre wie der Medizinische Dienst.

Das klingt wie ein Vorwurf.

Die Prüfmethoden des Dienstes sind inhaltlich in Ordnung und mit unseren vergleichbar. Aber er prüft eben nicht oft genug und nicht flächendeckend. Es fällt auf, dass er die gemeinnützigen und öffentlichen Träger seltener besucht - und das auch noch mit Vorankündigung. Wir dagegen hatten im letzten Jahr 70 unangemeldete Kontrollen. Übrigens mit guten Ergebnissen.

Wie erklären Sie sich die Missstände in einzelnen Häusern?

Das hat mit Kontrollversäumnissen, aber auch mit Managementfehlern zu tun. Wenn der Betrieb schlecht organisiert ist, fehlen die nötigen Mittel, und das Pflegepersonal hat nicht genügend Zeit für seine eigentlichen Aufgaben.

Hülfe es, die Pflegesätze anzuheben?

Nein, das ist keine Frage des Geldes oder der Personalstärke. Wir alle bekommen vergleichbare Pflegesätze, haben die gleichen Betreuungsschlüssel. Aber die einen machen damit gute Arbeit, die anderen sind schlichtweg überfordert. In den ineffizienten Systemen würden die Mehreinnahmen einfach versickern.

Aber müsste man nicht die Löhne der Pflegekräfte erhöhen, um die Betreuung zu verbessern?

Auch die Qualität der Arbeit hängt nicht allein vom Geld ab, sondern ebenso von Aus- und Weiterbildung, Motivation, Organisation und Führung. Pflegefachkräfte verdienen bei uns brutto 1800 bis 2200 Euro im Monat, Hilfskräfte etwa 400 weniger, plus Schichtzulagen. Das ist nicht mehr als anderswo, trotzdem sind die Ergebnisse besser.

Die SPD fordert jetzt den Pflege-TÜV. Was halten Sie davon?

Obwohl die Missstände seit Jahren bekannt sind, reagiert die Politik erst jetzt, wenn der öffentliche Druck zunimmt. Ich fordere seit langem einen Pflege-TÜV mit eindeutigen Zielgrößen. Alle Träger müssten so wie wir ihre Pflegequalität messen und im Internet verfügbar machen. Dann könnte der Medizinische Dienst gezielt nachprüfen und eine Bestenliste erstellen. Diese Rangliste müsste zur Entscheidungsfindung der Angehörigen öffentlich gemacht werden, wie das heute schon für die Reha-Kliniken der Fall ist. Es ist ein großes Manko, dass der Medizinische Dienst bei den mehr als 10 000 Einrichtungen im Land dazu organisatorisch nicht in der Lage ist.

Wie beurteilen Sie das zunehmende Interesse der Finanzinvestoren an Senioreneinrichtungen?

Zusätzlicher Wettbewerb kann dem System nutzen, aber die Qualität muss stimmen. Kurzfristige Gewinnmaximierung auf Kosten der alten Menschen darf es nicht geben.

Das Gespräch führte Christian Geinitz.

Quelle: F.A.Z., 03.09.2007, Nr. 204 / Seite 17
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