18.01.2006 · Er ist einer von Tausenden: Dieter Löhndorf, seit 22 Jahren niedergelassener Hausarzt, zur Lage der Kassenärzte und warum an diesem Mittwoch auch seine Praxis geschlossen bleibt - Interview.
Am Mittwoch protestieren Tausende Mediziner gegen die ihrer Meinung nach unsäglichen Budgetierungen der ärztlichen Leistungen, welche die Versorgung der Patienten immer mehr gefährden. Dieter Löhndorf, seit 22 Jahren niedergelassener Hausarzt in der Nähe von Frankfurt am Main, schildert, wie es in deutschen Praxen aussieht.
Herr Löhndorf, lassen Sie an diesem Mittwoch Ihre Praxis geschlossen?
Ja. Die Notversorgung wird allerdings sichergestellt.
Und am nächsten Mittwoch?
Da machen wir vermutlich auch zu. Wir werden im ganzen Jahr gegen die unsäglichen Budgetierungen und Kürzungen protestieren. Uns Kassenärzten wird langsam, aber sicher die Existenzgrundlage entzogen. Täglich geben Kollegen auf. Das geht so nicht weiter.
Die Jammerei nehmen ihnen viele Menschen nicht ab. Ärzte gehören doch zu den Besserverdienern.
Lassen wir die Fakten sprechen: Für jeden Kassenpatienten bekommen wir, je nach Fachrichtung, pauschal 20 bis 40 Euro im Quartal. Und zwar unabhängig davon, wie oft der Patient in die Praxis kommt und wie krank er ist. Darin eingeschlossen sind über die normale Behandlung hinaus auch teure Untersuchungen wie Ultraschall oder EKG, genauso wie das Labor und Hausbesuche. Eine Praxis macht im Durchschnitt 1.000 Krankenscheine je Quartal. Wir bekommen also für die Behandlung aller Kassenpatienten im Monat zwischen 6.600 und 13.300 Euro. Davon müssen wir Angestellte, Räume, Geräte und Fortbildung bezahlen. Da wird schnell klar: Die Vergütung deckt kaum die Kosten, von großartigem Gewinn ganz zu schweigen.
Ist es nicht so, daß Hausärzte wie Sie die Gewinner der Vergütungsreform sind, weil sie, wie Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagt, die neuen Lotsen im Gesundheitswesen sind?
Richtig, die anderen Fachärzte sind noch schlechter dran. Was für ein Trost. Unter den Gebeutelten kommen wir noch am glimpflichsten weg.
Womöglich ist Medizin einfach zu teuer geworden und das Anspruchsdenken zu hoch. Wenn alle sparen müssen, müssen eben auch die Ärzte sparen.
Ich will nicht auf Rosen gebettet werden, während die Republik darbt. Aber fair behandelt werden will ich schon. Es kann doch nicht sein, daß wir uns anstrengen können, wie wir wollen, und trotzdem die Leistungen immer weiter gekürzt bekommen. Sie können es landauf, landab beobachten: Da stehen überall Kollegen und Kolleginnen vor den Trümmern ihrer kassenärztlichen Existenz.
Und verkaufen ihre Praxis?
Das ist auch nicht mehr so einfach. Praxen sind heute schwer verkäuflich. Es gibt immer weniger Nachfolger, und zwar nicht nur auf dem Land. Wer den Praxisverkauf am Ende seiner Laufbahn als Teil der Altersversorgung eingerechnet hatte, hat sich verkalkuliert. Ich empfinde das als stille Enteignung.
Haben Sie eine Lösung?
Ich bin kein Politiker und habe auch nicht die allgemeingültige Lösung, aber klar ist: Man kann nicht mit den Finanzmitteln von vorgestern die Medizin von morgen haben.
Sie erregen sich auch über das Medikamentenbudget. Was ist da los?
Das ist auch so eine unsinnige Regelung. Für jeden Patienten stehen mir 37,28 Euro im Quartal für Medikamente zur Verfügung. Für jeden Rentner sind es 123,87 Euro. Glauben Sie, das reicht?
Es reicht offenbar nicht, denn das Medikamentenbudget war auch 2005 vorzeitig ausgeschöpft, oder?
So ist es. Der Topf war schon Anfang November leer. Alles, was wir danach verschrieben haben, wird nun von uns zurückgefordert. In Hessen, wo ich praktiziere, steht jedem Arzt für 2005 eine Forderung aus dem Generalregreß von 18.000 Euro ins Haus. Hinzu kommt noch ein Individualregreß für jeden, der über sein festgesetztes Budget hinaus Medikamente verordnet hat. Das wird einige Praxen in die Pleite treiben. Dabei werden wir auch noch von den Krankenhäusern in die Zange genommen, denn die entlassen die Patienten immer früher, um ihre Kosten zu drücken. Die Anschlußbehandlung samt Medikamentierung übernehmen wir.
Verschreiben Sie doch einfach günstigere Medikamente.
Das machen wir doch längst. Bei mir machen die Generika schon fast 90 Prozent aus. Mehr geht nicht. Manche Medikamente kann man schlicht nicht durch Nachahmerpräparate ersetzen.
Wie können Sie dann überhaupt wirtschaftlich überleben?
Ich habe Rücklagen gebildet. Und durch die Quersubventionierung aus den Privatpatienten. Wer die nicht hat, kann einpacken.
Und entläßt seine Arzthelferinnen?
Erfahrene Arzthelferinnen kann sich kaum noch jemand leisten, obwohl die nun wirklich nicht klotzig verdienen. Wir ersetzen immer mehr feste Kräfte durch billigere Aushilfen. Viele Kollegen werden Helferinnen entlassen müssen.
Und wenn eines Tages die Einheitskasse, gerne auch Bürgerversicherung genannt, kommt?
Dann gibt es eine Pleitewelle in den Praxen.
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