04.03.2009 · Die Kommission Forschung und Innovation hat der Kanzlerin an diesem Mittwoch ein neues Gutachten über den Innovationsstandort Deutschland vorgelegt - mit aufrüttelnden Ergebnissen. Die Regierung werde womöglich ihre Ziele verfehlen, heißt es. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Kommission.
Die Geschichte des MP3-Players darf sich nicht wiederholen, warnt Dietmar Harhoff, Vorsitzender der Kommission Forschung und Innovation. Deutschland muss seine Ideen besser vermarkten und gründungsfreundlicher werden. Sonst entstehen Millionen neuer Arbeitsplätze anderswo.
Professor Harhoff, was verstehen Sie eigentlich unter Innovation?
Eine Erfindung oder Idee, die auch kommerziell angewendet wird. Der schöne Gedanke allein reicht nicht aus. Um Wertschöpfung zu betreiben und Arbeitsplätze zu schaffen, muss man auch einen zahlungsbereiten Kunden finden.
Wie ist es laut Kommission um den Innovationsstandort Deutschland bestellt?
In der Ideenfindung haben wir Vorteile gegenüber anderen Ländern. Aber wenn es um die Markteinführung geht, hapert es. Der MP3-Player ist ein excellentes Beispiel. Die Technologie ist hier geschaffen worden, aber der erste Player kam vom Anbieter Rio aus dem Silicon Valley im Jahr 1989. Die Fraunhofer-Gesellschaft konnte sich über Hunderte Millionen Euro an Lizenzeinnahmen freuen. Aber diese Einnahmen machen weniger als ein Prozent der gesamten Wertschöpfung aus dieser Technologie aus. Das ist ökonomisch an Deutschland vorbei gelaufen.
Wo haben wir den Anschluss verpasst?
Eines vornweg: Die Innovationsfähigkeit in etablierten Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, der chemischen und der Automobilindustrie ist hervorragend. Damit haben wir ja auch jahrelang hohe Exportüberschüsse eingefahren. Das reicht auf Dauer aber nicht, und wir tun uns schwer bei der Etablierung neuer Industrien. Da machen uns andere Nationen etwas vor. Vor allem die Vereinigten Staaten, aber auch Frankreich und Großbritannien. Dort gibt es deutlich mehr Gründungen, insbesondere aus Hochschulen und Forschungsinstituten.
Warum ist das so?
Ein entscheidender Aspekt ist die Finanzierung. Wenn Sie eine Gründung nach einem bekannten Geschäftsmodell durchführen, etwa eine Bäckerei, dann kann ein Banker das Risiko bewerten. Dafür hat er sogar vorgedruckte Formulare. Wenn es um eine Gründung mit völlig neuer Technologie geht, funktioniert das nicht, weil es kein standardisiertes Bewertungsmodell gibt.
Also sind wieder mal die Banker schuld?
Nein, das machen die Banker auch in anderen Ländern nicht. Das machen Spezialisten, die Wagniskapitalgeber, die Eigenkapital zur Verfügung stellen. Davon aber gibt es in anderen Ländern mehr als bei uns. Die Bundesregierung hat versucht, die Situation zu verbessern und das Gesetz zur Modernisierung der Rahmenbedingungen für Kapitalbeteiligungen, kurz MoRaKG, auf den Weg gebracht. Aber das liegt leider noch immer in Brüssel zur Einzelprüfung.
Ihre Kommission äußert ohnehin arge Zweifel am Gesetz ...
Ja, wir sind skeptisch, was die mögliche Wirkung angeht. Wir erwarten, dass der Status der Beteiligungsgesellschaft von sehr wenigen genutzt wird. Die Regelungen im MoRaKG sind einfach deutlich restriktiver als in anderen Ländern.
Welche Rolle spielen die dabei die so genannten Business Angels?
Diese wohlhabende Individuen sind sehr wichtig in der Frühphase eines Unternehmens, wenn der Wagniskapitalgeber noch nicht investiert. In den Vereinigten Staaten kommen auf eine Million Einwohner mehr als 800 von ihnen, bei uns ungefähr 30 bis 40. Für solche privaten Investoren sieht das neue Gesetz kaum Anreize, aber etliche bürokratische Hürden vor. So ein Investor will Ideen anschieben und Rendite erzielen, aber sich nicht mit den Finessen des Steuersystems herumschlagen.
Kann der Staat die Anschubfinanzierung nicht übernehmen?
Es gibt ja gute Förderprogramme. Aber ohne private Investoren geht es nicht, gerade wenn Unternehmen wachsen. In der dritten, vierten Finanzierungsrunde braucht ein Biotechnologieunternehmen schon 20 bis 40 Millionen Euro. Der Staat kann Unternehmen nicht durchfinanzieren, bis sie so groß sind wie SAP. Wir müssen privates Kapital aktivieren. Aber in der Benchmark-Studie zu der Rahmenbedingungen für Beteiligungskapitalgeber rangiert Deutschland auf Platz 22 von 27. Einige Politiker haben noch nicht verstanden, dass diese Rahmenbedingungen darüber entscheiden, ob die Pipeline mit den Microsofts und SAPs der Zukunft gefüllt ist. Der Gesamtmarkt für Wagniskapital betrug in Deutschland vor der Finanzkrise rund ein Promille des Bruttoinlandsprodukts, in anderen Staaten war es das Doppelte bis Vierfache.
Im Gutachten schreiben Sie, „die Aussichten sind besorgniserregend“. Überholt uns jetzt der amerikanische Präsident Barack Obama auf dem Feld der Erneuerbaren Energien?
Klar ist zumindest, dass eine der dortigen Wachstumsmaschinen, das Silicon Valley, auf Umwelttechnologien aufmerksam geworden ist. Wir sind in diesem Bereich bisher gut positioniert - aber die Position ist bedroht. In den Vereinigten Staaten steht deutlich mehr Kapital zur Verfügung als bei uns. Und auf Gründung versteht man sich im Valley sehr gut. Wir dagegen sind stark spezialisiert auf ein Modell für große Unternehmen und den Mittelstand. Dieses Modell ist erfolgreich, aber wir brauchen beide Ansätze, um auf Dauer erfolgreich zu sein.
Wie hoch ist das Risiko für die Kapitalgeber?
Der Gründungssektor ist ein gigantisches Experimentierfeld. Viele Gründungen scheitern, aber oft nicht deshalb, weil sie schlecht geführt sind, sondern weil die Technologie oder die Markteinführung mit hohen Unsicherheiten daher kommt. Sie müssen frei nach Mao viele Blümlein blühen lassen. Für eine Googlestory gibt es Hunderte von Fehlschlägen.
Welche Chancen bieten sich?
Nehmen wir das Beispiel Nanotechnologie. Seriösen Schätzungen zufolge werden auf diesem Gebiet in den nächsten 10 Jahren rund um die Welt fünf Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Jeder davon steht für etwa 200.000 Euro an jährlicher Wertschöpfung. Davon hätten wir natürlich auch gerne einen Anteil, gerade mit Blick auf Probleme in der Autoindustrie. Wo entstehen diese neuen Stellen? Zunächst da, wo die Ideen sind und Kapital hinzukommt. Deshalb müssen wir die entsprechenden Anreize und Strukturen schaffen.
Und wenn das nicht gelingt?
Ein Abwanderung neuer Technologien wäre für Deutschland fatal. Einige Wagniskapitalgeber raten Gründern ja jetzt schon, wenn sie eine gute Idee haben, sofort in die Vereinigten Staaten zu gehen. Dort gibt es einen homogenen Markt, da sind die Wachstumsbedingungen gut, die Bürokratiekosten niedrig. Die Kommission fordert, dass Deutschland wieder zum Gründerland wird. In der Gründerzeit im 19. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg konnten wir das. Siemens, Krupp, Thyssen, Grundig, Nixdorf - das waren einmal Start-up-Unternehmen. Wir sehen keine Gründe, warum wir diesen Wachstumsmotor nicht wieder haben sollten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |