24.08.2005 · Wenige Wochen vor der Bundestagswahl ist die Linkspartei in Ostdeutschland beliebter als die Union oder die Sozialdemokraten. Im F.A.Z.-Interview spricht Harvard-Professorin Nicola Fuchs-Schündeln über den Erfolg der Linkspartei.
Wenige Wochen vor der Bundestagswahl ist die Linkspartei in Ostdeutschland beliebter als die Union oder die Sozialdemokraten. Der ausgeprägte Wunsch nach staatlicher Fürsorge ist auch die Folge des Kommunismus, sagt Nicola Fuchs-Schündeln. Im Gespräch mit der F.A.Z. äußert sich die 32 Jahre alte Ökonomieprofessorin, die seit 2004 an der Eliteuniversität Harvard lehrt, zu einem ihrer Forschungsprojekte, das sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Alberto Alesina durchführt: Wie sich die Planwirtschaft in den Köpfen der Menschen in Ostdeutschland festgesetzt hat und auch heute noch die Einstellung zu Eigenverantwortung und die Ansprüche an den Staat prägt.
Was macht die Linkspartei, die auf staatliche Intervention setzt und selbst die gezügelte deutsche Form der Marktwirtschaft für schädlich hält, im Osten so populär?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Durchschnittseinkommen in Ostdeutschland sind noch immer geringer als im Westen, die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch. Studien aus den Vereinigten Staaten und Rußland haben gezeigt, daß die Präferenzen für Umverteilung ganz maßgeblich von der eigenen Stellung in der Einkommensverteilung beeinflußt werden: Wenn jemand wenig verdient und daher erwarten kann, von Umverteilung persönlich zu profitieren, so wird er diese mit größerer Wahrscheinlichkeit unterstützen. Das ist ein plausibler Grund, warum die Linkspartei im Osten beliebter ist als im Westen.
Wie haben 45 Jahre kommunistischer Herrschaft das Denken der Menschen über den Kapitalismus beeinflußt?
Umverteilung und Staatsinterventionismus spielten im Kommunismus eine grundlegende Rolle. Wir haben in unserer Forschung festgestellt, daß sich viele Ostdeutsche offenbar an diese zentrale Rolle des Staates im ökonomischen Leben gewöhnt haben und sie nun als wünschenswert ansehen. Ebenso unterliegen aber auch viele Westdeutsche einem Gewöhnungseffekt an das marktwirtschaftliche System. Präferenzen hängen offenbar im allgemeinen vom wirtschaftlichen System ab, und zwar in der Weise, daß eine Gewöhnung an den Status quo stattfindet, der nach einiger Zeit als wünschenswert angesehen wird.
Warum ist das Verlangen nach Eigenverantwortung trotz der langen Gängelung durch eine Diktatur nicht stärker ausgeprägt?
Es ist grundsätzlich vorstellbar, daß die Erfahrungen des Kommunismus die Präferenzen der Menschen genau ins Gegenteil verkehren lassen, so daß sie die Eingriffe des Staates in ihr Leben so klein wie möglich halten wollen. Wir beobachten allerdings das gegenteilige Phänomen. Das gilt nicht nur für Ostdeutschland, sondern auch für weite Teile Osteuropas. Der Einfluß des Kommunismus auf die Normen der Menschen wurde auch in anderen Bereichen ökonomischen Handelns nachgewiesen.
Aus den "blühenden Landschaften", die Helmut Kohl einst versprochen hat, ist vielfach nichts geworden. Welche Rolle spielt die hohe Arbeitslosigkeit für die Einstellung zur Marktwirtschaft?
Die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland schwächt sicher die Unterstützung der Marktwirtschaft zu einem gewissen Grad. Dabei spielt nicht nur der Einkommensverlust durch Arbeitslosigkeit eine Rolle. Wir wissen, daß die generelle Zufriedenheit von Arbeitslosen mit ihrem Leben spürbar geringer ist als die der arbeitenden Bevölkerung, auch nachdem man den negativen Einkommenseffekt berücksichtigt hat. Arbeit ist wichtig für das Selbstverständnis eines Menschen.
Auch in Westdeutschland ist der Wunsch nach staatlicher Einmischung stärker ausgeprägt als beispielsweise in Amerika. Werden sich Ost- und Westdeutschland in ihren Überzeugungen aufeinander zubewegen?
Es findet eine Annäherung der Präferenzen der Ostdeutschen an die ihrer westdeutschen Mitbürger statt. Zwischen 1997 und 2002 ist der Ruf nach einer aktiven Rolle des Staates in Ostdeutschland deutlich leiser geworden, obwohl sich die relative wirtschaftliche Lage der Ostdeutschen in dieser Zeit nicht gebessert hat. Offenbar findet in der Tat eine Gewöhnung an die Marktwirtschaft statt. Es zeigt sich aber auch, daß der Effekt des Kommunismus um so stärker ist, je länger jemand unter dem Kommunismus gelebt hat. Da inzwischen im Osten eine Generation ins Berufsleben eintritt, die den Kommunismus kaum noch selbst erlebt hat, wird die ostdeutsche Bevölkerung im Durchschnitt marktfreundlicher. Es wird aber wohl ein bis zwei Generationen dauern, bis sich die Präferenzen angeglichen haben.
Wovon hängt das persönliche Wohlergehen tatsächlich ab: vom eigenen Leistungswillen oder von den gesellschaftlichen Umständen?
Beides spielt eine Rolle. Der Mensch lebt nun einmal eingebunden in die Gesellschaft und nicht wie Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel. Das Nettogehalt beispielsweise wird sowohl vom eigenen Einsatz als auch vom Steuer- und Sozialsystem bestimmt. Mehr Westdeutsche als Ostdeutsche glauben, daß es vor allem eine Frage von Schicksal oder Glück sei, was man im Leben erreicht. Auf der anderen Seite geben mehr Ostdeutsche als Westdeutsche an, daß die sozialen Umstände die eigenen Möglichkeiten im Leben bestimmen. Dies ist eine der Grundannahmen des Kommunismus. Interessanterweise glaubt allerdings auch mehr als die Hälfte der Westdeutschen an eine wichtige Rolle der sozialen Umstände. Im Gegensatz dazu meinen rund zwei Drittel der Amerikaner, daß die eigene Leistung bestimmt, was man im Leben erreicht.
Gibt es eine Alternative zur Stärkung der Marktkräfte und der Leistungsanreize, damit Deutschland im globalen Wettbewerb erfolgreich bestehen kann?
Deutschland profitiert in hohem Maße von der Globalisierung, sei es durch seinen Export oder auch durch den Import preisgünstiger Konsumgüter. Im globalen Wettbewerb muß sich Deutschland auf seine komparativen Vorteile konzentrieren, und die liegen im Bereich der hochqualifizierten Arbeit. Wenn sich Deutschland global gut positionieren kann, so wird das Wirtschaftswachstum entstehen, das notwendig ist, um den Wohlfahrtsstaat zu finanzieren.
Welche Reformen der vergangenen Jahre halten Sie für nützlich, was bleibt zu tun?
Deutschland sollte vor allen Dingen in Bildung, Forschung und Entwicklung investieren. Die bisher geplanten Reformen reichen nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands langfristig zu sichern. Die Arbeitsmarktreformen gehen im Ansatz in die richtige Richtung. Reformen in Deutschland werden zu häufig halbherzig und in zu kleinen Schritten vorgenommen. Die Reformbereitschaft der Deutschen ist relativ gering, unter anderem aufgrund einer Gewöhnung an den umfassenden Wohlfahrtsstaat. Oft wird vor "amerikanischen Verhältnissen" gewarnt. Die guten Seiten des amerikanischen Systems, wie unter anderem die sehr geringe Arbeitslosigkeit, werden dabei übersehen. Die Deutschen sollten bereit sein, von den guten Erfahrungen anderer Länder zu lernen, ohne sie gedankenlos zu kopieren, aber auch ohne sie von vornherein abzulehnen.
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