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Integration Türkisch, erfolgreich, angekommen

12.02.2009 ·  Türken sind erfolgloser als alle anderen Migranten, zeigt eine Studie, die viel Aufsehen erregte. Aber es gibt Gegenbeispiele. Ihnen gelang der Aufstieg ohne Vorbilder oder Netzwerke. Von ihren Landsleuten wünschen sie sich mehr Einsatz - und weniger Klagen.

Von Melanie Amann
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Wenn es morgens um halb elf in den Briefkästen von 858.000 türkischen Haushalten klappert, dann kommt vielleicht Post von Hüseyin Gül. Dann erfahren die 4,2 Türken in diesen Haushalten, dass eine Bank ihnen kostenlose Überweisungen in die Türkei anbietet oder dass Anrufe in das türkische Festnetz jetzt nur noch 9 Cent kosten. Hüseyin Gül weiß, was seine Landsleute kaufen und wie viel davon, welche Marken sie lieben und welche Botschaft sie anspricht.

Das Wissen hilft ihm und seinen Kunden: Der 45-Jährige ist Teamleiter für interkulturelles Marketing bei der Deutschen Post in Köln. Deren Unternehmenskunden, den Versandhändlern, Telefonanbietern oder Banken enthüllt er die Gewohnheiten und kleinen Schwächen seiner Landsleute. Er entwickelt für die Kunden Werbebriefe, erinnert sie an Ramadan-Grüße oder lässt sie auf Türkisch zum Muttertag gratulieren. „Vor sechs Jahren haben wir als Projekt angefangen, seit zwei Jahren sind wir eine eigene Abteilung für alle interkulturellen Kunden“, berichtet Gül mit seinem strahlenden Lächeln. „Wir beraten auch über Russen, Italiener oder Polen.“

Hüseyin Gül hat es geschafft

Auch nach deutschem Maßstab muss man sagen: Hüseyin Gül hat es geschafft. Abitur, BWL-Studium, Einstieg in ein Dax-Unternehmen, dann eine Führungsposition. Mit seinem Dienstwagen ist der drahtige Manager im Jahr 60.000 Kilometer „in der Fläche“ unterwegs, er spricht vier Sprachen fließend, kennt nicht nur den türkischen Konsul in Köln, sondern wird gerne durchgestellt zu den Geschäftsführern vieler Postkunden zwischen Stuttgart und Düsseldorf. Sein Lebensmotto: „Nichts ist unmöglich.“

Vielleicht ist Gül ein Ausnahmetalent, vielleicht auch nicht. Über die Karrierewege der Deutsch-Türken ist wenig bekannt. Welche Fächer sie studieren und wie erfolgreich sie in deutschen Unternehmen sind, weiß niemand genau. In welche Branchen und Unternehmen es sie treibt, in welche Hierarchieebenen sie vordringen und auf welche Hindernisse sie dabei stoßen, ist kaum erforscht. Fest steht nur: Menschen türkischer Herkunft sind hierzulande erfolgloser als alle anderen Migranten. Das zeigte kürzlich eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: Die Türken, mit 3 Millionen Landsleuten die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland, „schneiden fast überall am schlechtesten ab“, stellen die Forscher fest (siehe dazu auch: ). Ob Arbeitslosenquote, Hausfrauenquote oder Abiturquote, türkische Migranten seien „am schlechtesten integriert“, und „die jüngere Generation lässt wenig Bildungsmotivation erkennen“.

„Taschengeld“ war eines seiner ersten deutschen Wörter

Als Güls Eltern ihn mit acht Jahren nach Deutschland brachten, war seine Mutter Hausfrau, sein Vater Arbeiter bei Kugelfischer, einem Hersteller für Wälzlager in Bielefeld. Zu Hause sprach man Türkisch. „Taschengeld“ war eines der ersten deutschen Wörter für Hüseyin Gül, das verdiente er sich mit den Brüdern bei der Traubenernte, in Gärtnereien und ab der 10. Klasse endlich „in richtigen Unternehmen“, bis zum Ende seines BWL-Studiums in Münster. „Ich hatte immer mehr Geld als meine Freunde“, erinnert sich Gül, „Butterbrote hatte ich nie dabei, und in die Mensa bin ich nur gegangen, um die anderen zu treffen.“ Bei der urdeutschen Post gehörte Gül 1996 zu den ersten Jahrgängen, die im Assessement-Center ausgewählt wurden. „Die Anforderungen an uns waren sehr hoch. Ich habe mir immer 150 Prozent als Ziel gesetzt. Wenn ich dann 120 erreichte, waren alle zufrieden.“

Das Thema Kulturelles Marketing schaute Gül sich aus Amerika und den Niederlanden ab und schrieb mit einem Kollegen einfach mal das Konzept für ein Projekt. Sein Bereichsleiter Vertrieb griff zu. „Ich glaube, man war auch ein bisschen erleichtert, dass wir einige Kunden übernommen haben, die als ,Herausforderung galten“, sagt Gül. Für ihn kein Problem: Er wusste, dass ein türkischer Kunde nicht mit „Herr Öztürk“ begrüßt werden will, sondern mit „Herr Ahmet“ - auf Türkisch: „Ahmet Bey“. Und er war es gewöhnt, im Verkaufsgespräch erst zehn Minuten über die Familie zu schwätzen.

In der Türken-Ecke spielen?

Viele Deutsch-Türken haben sich wie Gül auf „Ethno-Marketing“ spezialisiert und verwandeln so den Nachteil ihrer Herkunft in einen Vorteil gegenüber deutschen Konkurrenten. Aber in der Nische sind die Aufstiegschancen schwer kalkulierbar. Kamuran Sezer will die Strategie jedenfalls nicht so warm empfehlen. Er ist Gründer des Instituts „Futureorg“ in Krefeld, das im Mai 2008 erstmals die berufliche Situation türkischstämmiger Akademiker in Deutschland untersuchte. „Viele Personalabteilungen haben nur eine eingeschränkte Vorstellung davon, wo sie Türken unterbringen können“, weiß Sezer. „Deshalb stürzen sich viele Kandidaten auf Ethno-Marketing. Das sind oft attraktive Posten. Aber wenn wir ehrlich sind, spielen sie damit doch nur in der Türken-Ecke, während in der Mitte des Raumes die Party steigt.“ 250 Akademiker haben Sezers Fragebogen ausgefüllt. Knapp die Hälfte gab an, Personal- und Budget-Verantwortung zu haben. Aber nur jeder Dritte hat offiziell eine Führungsposition. „Viele Arbeitgeber geben Türken also offensichtlich eine verantwortungsvolle Position, aber ohne dazugehörigen Status“, schließt Sezer aus den Daten.

Und so werden viele Türken lieber gleich ihr eigener Chef. Anders als die Angestellten sind die türkischen Unternehmer äußerst beliebte Studienobjekte. Man kann ohne Mühe herausfinden, wie viele sie sind: 72.000 zählte der deutsch-türkische Unternehmerverband, und 120.000 werden es im Jahr 2015 sein, versprechen die Wirtschaftsprüfer von KPMG. Man weiß, wie türkische Selbständige Geschäfte machen: mit viel Bereitschaft zur Leistung und zum Risiko, fand PricewaterhouseCoopers heraus. Und im Durchschnitt haben sie fünf Mitarbeiter, ermittelte das Zentrum für Türkeistudien.

Herbert Brücker verfolgt die Berichte über türkische Mode-Designer, Einser-Abiturienten oder Junior-Professoren mit Skepsis: „Sie spiegeln die Realität auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht ansatzweise wider“, sagt der Bereichsleiter für Europäische Integration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. „Vor 20 Jahren hatten wir etwa zehn Prozent Türken mit Hochschulabschluss im Land. Heute sind es 12 Prozent - kein großer Anstieg. Die Zahl der Akademiker in Deutschland steigt, aber der Ausländeranteil in dieser Gruppe sinkt und damit auch der Anteil der Türken.“

„Mir fällt kaum ein türkischer Kollege ein“

Klein ist ihr Anteil auch in der Berufsgruppe der Juristen, jedenfalls in großen Wirtschaftskanzleien. Zum Thema Kopftuch fällt deutschen Anwälten viel ein. Aber eine Kollegin mit Kopftuch wäre für die meisten undenkbar. Dabei hat die Deutsch-Türkische Juristenvereinigung mehr als 400 Mitglieder, zwei Drittel von ihnen Türken, die auch größtenteils als Anwälte arbeiten.

„Ich muss gestehen, mir fällt kaum ein türkischer Kollege in einer Großkanzlei ein“, sagt Kaya Köklü und lehnt sich zurück im Besprechungsraum seiner Kanzlei Simmons & Simmons in Düsseldorf, die weltweit mehr als 1000 Anwälte beschäftigt. Vor fast drei Jahren ist Köklü hier als Associate, als Nachwuchsanwalt, eingestiegen. „Viele von uns passen nicht in das Profil der Großkanzleien“, vermutet der 32-Jährige, der mit seinen dunklen Locken und seiner hellen Haut oft für einen Italiener gehalten wird. „Wir können kein Auslandsjahr in England oder einen Mastertitel vorweisen. Nur wenige sprechen fließend Englisch, und für Türkisch interessieren sich die wenigsten Kanzleien.“ Köklü selbst hat am Max-Planck-Institut in München promoviert, das öffnete Türen. „Aber nur mein jetziger Arbeitgeber war bereit, auch meine türkische Mandatsarbeit zu unterstützen.“

Der Jurist wurde im Ruhrgebiet geboren, sein Vater arbeitete als Elektriker im Stahlwerk Henrichshütte in Hattingen, die Mutter war Hausfrau. Für die Eltern stand immer fest, dass die Kinder studieren sollten. „Aber beraten konnten sie mich nicht“, sagt Köklü. „Es hieß immer: Du machst das schon.“ Immer wieder habe ihm sein Exoten-Status geholfen. Ob in der Schule oder im Max-Planck-Institut: Köklü war oft der einzige Ausländer, fiel auf und fand Helfer. Auf dem Gymnasium in Hattingen bestand er als erster Türke das Abitur. „Als ich mal eine 5 in Mathe hatte, hat mir der Lehrer gleich Nachhilfe angeboten. Dabei gab es genug Deutsche, die auch durchgefallen waren.“

Die Kultur trägt er im Namen

Den deutschen Freunden und Förderern dürfte Köklü auch sein fehlerfreies und vor allem akzentfreies Deutsch verdanken. „Man kann wohl sagen, ich bin assimiliert. Aber ich trage meine Kultur im Namen“, sagt er. Für die Arbeit in deutschen Kanzleien, ob Großkanzlei oder Mittelstand, zähle aber nicht nur die Sprache, sondern auch der Ton: „Wir Juristen sind eher ein konservatives Volk. Wer die ungeschriebenen Kommunikationsregeln nicht kennt, wer nicht richtig angezogen ist, der fällt auf. Das ist ungünstig.“ Manche türkischen Studienfreunde hätten sich nach vielen vergeblichen Bewerbungen als Anwälte selbständig gemacht. Sie beraten nun vor allem Freunde und Verwandte, die heiraten, erben oder gründen.

Ein Studium sei für Türken keine Erfolgsgarantie, bestätigt der IAB-Experte Herbert Brücker. Sie verdienten auch bei gleicher Ausbildung und Erfahrung deutlich weniger als Deutsche. „Die Rendite auf ihr Humankapital ist folglich niedriger, damit sinken auch ihre Anreize, sich zu bilden.“ Mehr akademische Vorbilder wünscht sich Brücker für die türkische Gemeinschaft, nicht nur den hemdsärmeligen Selfmademan, der ohne Abitur, aber mit einem großen Netzwerk eine Handelskette schmiedet.

Fehlende Netzwerke

Geht es nach Wolfgang Schäuble, dann soll Gülden Sahin so ein Vorbild sein. Die 28-Jährige ist auf Einladung des Bundesinnenministers auf die Buchmesse gefahren, zu einer Podiumsdiskussion über Bildung mit ihm und fünf anderen türkischen Vorbildern. Zufrieden lächelt Schäuble, als Sahin von ihren „Fabrikarbeitereltern“ erzählt, die ihre einzige Tochter auf ein bayerisches Gymnasium schickten. „Das war schon manchmal schwer.“ Mehr sagt Sahin dazu nicht, lieber erzählt sie, dass sie Schulsprecherin war. „Toll“, fand der Minister. „Hier sitzen starke Typen!“

Aber die Türken im Publikum finden Gülden Sahin nicht mehr so stark, als sie aufhört, von sich zu reden, und anfängt, über sie zu reden: „Die Opfermentalität mancher Landsleute geht mir schon auf die Nerven.“ Gemurmel im Saal. „Mir kann keiner erzählen, dass es nicht genug Beratungsstellen für türkische Eltern gibt.“ Das Gemurmel wird ein Rauschen. „Es ist doch Aufgabe der Eltern, für die Bildung der Kinder zu kämpfen.“ Jetzt springen die Ersten auf, um Kontra zu geben.

„Das passiert mir manchmal“, sagt Gülden Sahin später und lächelt unschuldig unter ihrem braunen Pony. Frische Argumente hat die Politologin aber genug, gerade hat sie ihre Magisterarbeit über Integrationspolitik an der FU Berlin eingereicht, recherchiert auch dank ihrer Kontakte aus der Jungen Union. Die fehlenden Netzwerke seien ein Hauptproblem der türkischen Community, ist sie überzeugt: „Wer es nach oben schafft, genießt den Exoten-Status und holt die anderen nicht nach.“ Und wer unten ist, zerfleischt sich in ideologischen Debatten, etwa über die Frage, ob Türken heute noch Migranten sind. „Wer als Türke einen Verein gründet“, erklärt Sahin, „muss erst seine ideologischen Grenzen abstecken.“ Gehören die Kurden und Aleviten auch zu uns? Dürfen die Religiösen und die Kopftuchgegner alle mitmachen? Manches Bündnis zerbricht schnell an diesen Fragen. Sie scheinen wichtiger zu sein als das Interesse, sich Jobs zuzuschanzen. „Ich fühle mich durch kein Netzwerk da draußen repräsentiert - leider!“, sagt Gülden Sahin. Sie geht bald auf Job-Suche. „Ich will ja keinen Migranten-Bonus, aber ich hätte nichts dagegen, wenn mir ein erfolgreicher Landsmann nur mal ein paar Tipps gibt.“ Bei ihrem Wunscharbeitgeber, dem Bundesinnenministerium, sind solche Kontakte ohnehin dünn gesät.

„Ich hatte keine Lust“

Sadet Kökcü hatte nicht einmal jemanden, mit dem er über eine Ausbildung sprechen konnte. Mit 16 schmiss er die Schule, gegen den Willen seiner Eltern. „Ich hätte mich sicher irgendwo schlau machen können, aber ich hatte keine Lust“, erinnert sich der 34 Jahre alte Ingenieur. Sein Vater brachte eines Tages eine Anzeige von Mannesmann mit, und Kökcü bewarb sich für die Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Was sich dahinter verbarg, wusste er nicht. „Ich dachte, es geht um Stereoanlagen. Ich hörte gerne Musik, also schien es mir eine gute Idee, die Dinger bauen zu können. Tja, und dann stand ich da, an meinem ersten Tag bei Mannesmann, und sollte an der Werkbank mit der Metallfeile rostige Teile feilen. Ich dachte nur: Hilfe!“

Kökcü lacht, seine schwarzen Augen funkeln unter dem weißen Schutzhelm. Die Zeit liegt lang hinter ihm. Stolz führt er das Gelände von Thyssen Krupp Steel in Duisburg vor; wie in den Werkshallen unter Funkenregen Stahl gegossen wird und daraus Bleche für Autos gewalzt werden. Kökcü legt hier nicht Hand an, er kommt als Berater vorbei. Bei ihm rufen Autobauer wie Toyota oder Ford mit Reklamationen oder Sonderwünschen an. Kökcü besucht sie auch in ihren Werken und erklärt ihnen, welches neue Feinblech sich für ihre Karosserien eignet.

„Man hört viel Gejammer“

„Die Ausbildung habe ich damals aber durchgezogen“, betont er. Er war zu stolz, sich und den Eltern den Fehler einzugestehen. Aber er holte das Fachabitur nach: „Ich bin jeden Tag um 4 Uhr aufgestanden, um 6 Uhr fing die Arbeit an. Um 14 Uhr habe ich ausgestempelt, dann machte ich Hausaufgaben, und um 5 Uhr saß ich im Bus zur Berufsschule. Die ging bis 21 Uhr. Alles kein Spaß.“ Heute sei er froh über diese Zeit, in der er Disziplin lernte, während andere Fußball spielten. Mit dem Fachabi studierte er an der technischen FH Bochum, die Diplomarbeit führte ihn zu Thyssen.

Kökcüs Neffe und Nichte müssen sich nicht so durchbeißen, aber wären dazu wohl auch nicht bereit, fürchtet er. „Was ich von der dritten Generation der Türken sehe, stimmt mich pessimistisch. Man sieht wenig Akademikerpotential, aber man hört viel Gejammer.“ Die erste Generation der Türken seien Arbeiter gewesen, die zweite, wie er, mit Glück und Fleiß Akademiker. Und die dritte? „Sie haben alle Chancen, aber nutzen sie nicht.“ Das sagt auch Hüseyin Gül, der nach Feierabend die Diplomarbeiten von Kindern seiner Freunde korrigiert: „Die warten immer ab, als ob Jobs auf dem Silbertablett kämen. Man muss doch proaktiv sein!“ Erfolg falle niemandem in den Schoß. Auch den Deutschen nicht.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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