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Veröffentlicht: 02.01.2017, 19:38 Uhr

Informelle Netzwerke In Russland läuft es wie geschmiert

Auch 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion setzen Unternehmer in Russland vor allem auf informelle Netzwerke. Eine Politikwissenschaftlerin liefert dafür jetzt eine Erklärung.

von Benjamin Triebe, Moskau
© dpa Im Schatten der Macht: Teilnehmer einer Veranstaltung der sogenannten „Volksfront“

Es gibt etwas, das Witzbolde die Paradoxien des Sowjetstaates nennen: 1. Keiner arbeitet, aber der Plan wird erfüllt. 2. Der Plan wird erfüllt, aber die Regale in den Geschäften sind leer. 3. Die Geschäfte sind leer, aber die Kühlschränke sind voll. 4. Die Kühlschränke sind voll, aber jeder ist unglücklich. 5. Jeder ist unglücklich, aber bei Wahlen stimmt jeder für den offiziellen Kandidaten. 6. Jeder stimmt für den offiziellen Kandidaten, aber der Staat ist zusammengebrochen.

In diesen Tagen, wo an den Zerfall der Sowjetunion vor 25 Jahren erinnert wird, ist angesichts dieser systemimmanenten Widersprüche ein Detail bemerkenswert: Dass die Sowjetunion überhaupt fast 70 Jahre bestehen konnte. Möglich war dies, weil sich die entscheidenden Teile des Lebens nicht im planwirtschaftlich organisierten formellen, sondern im informellen Sektor abspielten. Wenn die legalen Wege widersprüchlich sind und nicht funktionieren, wenn die eigenen Rechte unsicher sind, dann sind Beziehungen, Freundschaftsdienste und Korruption die beste Methode zur Verteilung von Ressourcen.

 
In Russland setzen viele Unternehmer nach wie vor auf informelle Netzwerke aus der Sowjetzeit

Es gibt auch den Witz über den sowjetischen Präsidenten, der eine scheinbar mustergültige Kolchose besichtigt und fragt: „Wer ist hier der Chef?“ Antwort: „Immer der, der gerade nicht im Gefängnis ist.“ Schließlich war es ohne Gesetzesverstoß oft nicht möglich, einen Betrieb zu führen. Auch im Russland nach der Wende gab es dieses Phänomen: Wenn der Brandschutz vorschreibt, dass ein Ladengeschäft im Erdgeschoss keine Gitter vor den Fenstern haben darf, und wenn der Diebstahlschutz verlangt, dass Gitter vorhanden sind - dann muss der Ladenbesitzer zum Schmiergeld greifen und steht immer mit einem Bein im Gefängnis.

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Informelle Netzwerke werden dann für die Menschen sehr wichtig, wenn keine sicheren Rechtsinstitutionen bestehen. Haben diese Seilschaften einmal eine kritische Größe erlangt, ist es aber leider sehr schwierig, sie allein durch die Einführung von Regeln wieder auszumerzen. Auf dieses Problem machte jüngst die Politikwissenschaftlerin Aljona Ledenjowa bei einem Vortrag aufmerksam. So existiert in Russland inzwischen zwar technisch gesehen ein guter Eigentumsschutz, aber trotzdem hielten es viele Magnaten im Jahr 2014 nach Ausbruch der Ukraine-Krise für angebracht, dem Kreml zu versichern, er könne beliebig über ihre Unternehmen verfügen.

Was Minderheitsaktionären den Schweiß auf die Stirn trieb, war für die Milliardäre der beste Weg, Loyalität zuzusichern. Sie schützten ihre Firmen damit letztlich besser, als es alleiniges Vertrauen auf das Recht getan hätte. Solchen informellen Zusammenhängen in einer Wirtschaftsstruktur ist mit dem technokratischen Erlassen von Gesetzen nach westlichem Vorbild, wie es internationale Organisationen verlangen, schwer beizukommen.

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