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Immobilienkrise Spanien relativiert Berichte über Zwangsräumungen

Das ist die Geschichte einer Schreckenszahl: Angeblich gab es in den Krisenjahren 400.000 Zwangsräumungen in Spanien. Jetzt zeigt sich: Die Zahl war reichlich übertrieben.

© REUTERS Vergrößern Ohne Bleibe

Es waren spanische Richter, die vor zwei Wochen eine erschreckende Zahl nannten: schon 400.000 Zwangsräumungen im ganzen Land in fünf Krisenjahren. Der Generalrat der Gerichtsbarkeit (CGPJ) spezifizierte sie nicht näher, sagte aber, dass die Richter nicht länger „die Steuereintreiber der Banken“ sein wollten. Die Nachricht von potentiellen vierhunderttausend „Obdachlosen“ erregte in den nationalen und internationalen Medien beträchtliches Aufsehen, auch die F.A.Z. berichtete.

Leo Wieland Folgen:    

Unter dem anschwellenden gesellschaftlichen und politischen Druck sah sich die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy in der vergangenen Woche veranlasst, über ein Gesetzesdekret Zwangsräumungen in „Härtefällen“ zwei Jahre lang auszusetzen. Die sozialistische Opposition, die Gewerkschaften und mehrere Bürgerinitiativen kritisierten derweil die angekündigten Maßnahmen als unzulängliches bloßes Pflaster und warfen zugleich den Banken und Sparkassen vor, sich an dem Elend unschuldig in Not geratener Hypothekenkunden auch noch auf skrupellose Weise bereichern zu wollen.

Nachdem sich das Thema rasch als neues spanisches Verfallssyndrom publizistisch verselbständigte, sickern nun allmählich aber andere Zahlen durch, die auf eine große Übertreibung hindeuten. Ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums schätzte die Zahl der tatsächlichen Räumungen seit dem Platzen der spanischen Immobilienblase im Jahr 2007 auf „zwischen 4000 und 15.000“. Die Banken und Sparkassen teilten ihrerseits mit, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten zwischen September 2011 und 2012 zusammengenommen 2500 „problematische“ Fälle gehabt hätten. Davon seien 95 Prozent durch Neuverhandlungen der Hypothek, eine Restrukturierung der Schulden oder eine Umwandlung in günstige Mieten für die Betroffenen gelöst worden. Nach dieser Darstellung war die Zahl der effektiven Zwangsräumungen marginal.

Drei Selbstmorde hatten die Erregung noch verstärkt

Vizepräsidentin Soraya Sáenz de Santamaría, welche die Federführung für das im Eilverfahren verabschiedete Moratorium hatte, gab zum Wochenende zu, dass der Regierung keine konkrete Statistik vorgelegen habe. Auch der Richterrat schwächte seine Horrorzahl durch den Hinweis ab, dass bislang erst etwa die Hälfte der 400.000 registrierten Räumungsverfahren abgewickelt und die andere Hälfte eingeleitet worden sei.

Überprüfungen beider Kategorien ergaben nun, dass es sich beim Großteil der Fälle nicht um Erstwohnungen, sondern häufig um Zweit- und Drittwohnungen (insbesondere am Strand und auf dem Land) handle. Außerdem seien auch verschiedene andere Immobilien säumiger Schuldner, zum Beispiel erworbene Parkplätze, Abstellräume im Keller sowie Läden und Garagenwerkstätten mitgezählt worden. Auf dieser Grundlage errechneten die Statistiker der Spanischen Hypothekenvereinigung (AHE), dass von den 400.000 Fällen etwa 180.000 (42 Prozent) zu Räumungen geführt hätten, dass dies aber nur „zwischen 1680 und 6300 Erstwohnungen“ betroffen habe. Im Übrigen seien bislang nur 3 Prozent der privaten Hypothekenkunden mit ihren Zahlungen in Rückstand geraten, während dies für 28 Prozent der Immobilienunternehmen und Promotoren gelte.

Das brisante Thema der Zwangsräumungen wurde zu einem weiteren Fokus der breitgefächerten Protestaktionen gegen die Sparprogramme der Regierung. Drei Selbstmorde von Wohnungseigentümern, die kurz vor dem Eintreffen des Gerichtsvollziehers stattfanden (in zwei der drei Fälle gibt es inzwischen Zweifel am Motiv), hatten die Erregung noch verstärkt. Auf dem XXII. Iberoamerikanischen Gipfel im andalusischen Cádiz meldete sich am Wochenende auch noch mit dezidiert populistischem Unterton der Präsident von Ecuador, Rafael Correa, zu Wort und äußerte sich besorgt über die angebliche Vertreibung seiner Landsleute aus ihren spanischen Unterkünften. Er klagte vor Rajoy, dass „Leute ohne Wohnungen und Wohnungen ohne Leute die schlechteste aller Welten“ darstellten.

Die Spanier zählen zu den fleißigsten „Häuslebauern“

Richtig ist, dass rund ein Drittel der bekanntgewordenen Fälle von Zwangsräumungen Einwanderer vorwiegend aus Lateinamerika und Afrika betrafen. Diese hatten sich in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs, von den spanischen Banken mit billigen Krediten ermutigt, hoch verschuldet. Weil viele von ihnen inzwischen ihre Arbeit verloren haben, sitzen sie in einer Falle, denn die spanische Hypothek erschwert auch eine Rückkehr in die Heimat. Zwei Drittel der von Zwangsräumungen Betroffenen sind gleichwohl Spanier, die auf Kredit in angeblich lukrative Zweitwohnungsobjekte investierten - ebenfalls von ihren Sparkassen animiert. Wertzuwächse von jährlich mehr als zehn Prozent über zwei Jahrzehnte waren bis zum Einbruch im Jahr 2007 keine Ausnahme und schienen diese Finanzstrategie zu rechtfertigen.

Die Spanier zählen zu den fleißigsten „Häuslebauern“ überhaupt. Mehr als achtzig Prozent der Familien - doppelt so viel wie in Deutschland - wohnen in den eigenen vier Wänden. Die Baublase hat jedoch auch für einen enormen Überhang gesorgt: Mehr als eine Million Neubauwohnungen und Häuser stehen leer. Die Zwangsräumungsverfahren, die vom Freitag an ausgesetzt werden, sollen nach Darstellung der Regierung die „sozial schwachen Gruppen“ schützen: Familien mit Kindern, abhängigen Alten und einem Jahreseinkommen unter 19.000 Euro sowie Rentner und Behinderte. Ein zu schaffender Sozialfonds soll bei unumgänglichen Zwangsräumungen günstige Mieten für die Betroffenen in leerstehenden umgewandelten Sozialwohnungen garantieren.

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Die Banken, die offenbar wissen, dass es sich bei den unbezahlten Hypotheken und Zwangsräumungen noch nicht um ein Massenphänomen handelt, halten sich bislang mit Klagen über eine Wettbewerbsverzerrung durch das Rajoy-Dekret zurück. Und Miguel Temboury, der Unterstaatssekretär im Wirtschaftsministerium, der die Zwangsräumungen auf höchstens 15.000 geschätzt hatte, lobte ausdrücklich, dass die Hypothekenkunden noch immer eine gute Zahlungsmoral hätten.

Quelle: F.A.Z.

 
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