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Immerath : Ein Dorf muss dem Bergbau weichen

  • Aktualisiert am

Die Bauernfamilie harrt noch aus: Drei Generationen der Familie Portz Bild: dpa

Es ist zwar noch eine Klage anhängig, aber für Immerath, ein Örtchen am Tagebau Garzweiler, ist es zu spät. Die meisten Dorfbewohner haben neu angefangen. Wer noch bleibt, plagt sich nicht nur mit Plünderern herum.

          Ich kenne kaum jemanden, der zurückwill“, sagt Hans-Walter Corsten. Zurück - das heißt: nach Immerath, einem früher mal charmanten Dorf: Backsteinhäuser, Kirche, Metzgerei, Bäckerei, Apotheke, die Kirche im Ortskern, 1200 Einwohner. Das alte Immerath liegt vom neuen Immerath nur acht Kilometer entfernt. Aber Corsten hat das Dorf weit hinter sich gelassen. Immerath, da haben die Corstens über Generationen gelebt. Da war der Vater begraben. Vor einigen Jahren haben sie das Grab geöffnet und den Vater auf den Friedhof ins neue Dorf gebracht. Und Corsten hat noch mal gebaut, mit 60 Jahren, am neuen Ort. Danach wäre es wahrscheinlich nicht mehr gegangen. „Es kostet viel Kraft“, sagt er. Aber die Heizkosten sind jetzt viel niedriger. „Ist doch auch schön.“

          Unter dem alten Ort liegt Braunkohle. Der rheinische Tagebau Garzweiler II südlich von Mönchengladbach wandert an Immerath heran. Für die einen ist Garzweiler II damit zum Fluch geworden, für andere zu einem interessanten Ausflugsziel. Der Betreiber, der Energiekonzern RWE aus Essen, bietet entsprechende Touren an. Die Nachfrage ist groß; zu den wenigen Terminen, die RWE auf einer eigenen Website anbietet, finden sich zahlreiche Besucher ein, die am Besuchstag längere Wartezeiten einplanen sollten, bevor sich die jeweiligen Busse in Bewegung setzen.

          Der Weg zu einem Haus in Immerath-alt wächst zu. Das Dorf  weicht dem Braunkohletagebau. Bilderstrecke
          Der Weg zu einem Haus in Immerath-alt wächst zu. Das Dorf weicht dem Braunkohletagebau. :

          Es ist auch kein Wunder, dass so viele hierherkommen - denn es gibt tatsächlich viel zu sehen: Der Abbau durch das RWE-Tochterunternehmen RWE Power AG erfolgt bisher in zwei riesigen Abschnitten, Garzweiler I und II. Garzweiler I betrifft ein 66 Quadratkilometer großes Gebiet östlich der mittlerweile abgebaggerten Trasse der Autobahn 44. Das Abbaugebiet Garzweiler II betrifft das westlich der A 44 gelegene Gebiet und ist 18 Quadratkilometer kleiner als Garzweiler I. Am 18. Juni 2006 griffen, wie es auch längst im Lexikon Wikipedia nachzulesen ist, die Schaufelradbagger auf dieses neue Gebiet über. Der geplante Abbauzeitraum reicht von 2006 bis 2045. Zwölf Dörfer und 7600 Bürger sind vom geplanten Garzweiler II betroffen.

          2017 werden die Bagger das Dorf erreichen

          Und im Jahr 2017 werden die Bagger des Energiekonzerns RWE dann das Dorf Immerath erreichen. Bis dahin müssen alle weg sein. Einer kämpft allerdings noch. Er heißt Stefan Pütz. Für ihn verstößt die Umsiedlung gegen das Grundrecht auf Heimat. Im Jahr 2000 hatte er zum ersten Mal gegen Garzweiler geklagt. Da war das Dorf noch ein Dorf. Er blieb erfolglos - zunächst. Er habe nicht das Recht, gegen den Rahmenbetriebsplan zu klagen, hieß es. Doch Pütz ging durch die Instanzen. Im Jahr 2006 gab es einen Etappensieg für Pütz am Bundesverwaltungsgericht Leipzig: Betroffene müssen seither nicht warten, bis die Bagger vor der Türe stehen, sondern können schon früher klagen. Ein Jahr später aber baute die erste Familie am neuen Standort das erste Haus. Das war wie ein Dammbruch, denn viele andere folgen.

          Für RWE ist das gut. Denn die Braunkohle ist wichtig: Im vergangenen Jahr erzeugte RWE fast die Hälfte seines in Deutschland produzierten Stroms mit Braunkohle. Die Braunkohleverstromung legte - auch wegen der Inbetriebnahme des neuen Braunkohlekraftwerks Neurath bei Köln - im Vergleich zum Vorjahr deutlich zu. Die Führer im Besucherbus betonen natürlich den Nutzen für die deutsche Energieerzeugung - und welche Anstrengungen RWE in Sachen Renaturierung oder Grundwassermanagement unternimmt. Das Thema Umsiedlungen spielt eine eher untergeordnete Rolle.

          Für Stefan Pütz sieht die Sache anders aus. Er blieb in Immerath; juristisch ist er aber inzwischen beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe angekommen. Er wartet auf das Urteil. Doch wann das Bundesverfassungsgericht entscheidet, weiß niemand. Deshalb ist Immerath de facto verloren. Warum das so ist, sieht man, wenn man hinfährt: Immerath ist schon heute ein Geisterdorf. Auf das eigene Krankenhaus waren sie hier mal stolz. Ein Dorf mit Krankenhaus. Beklemmend verlassen wirkt dieser große Klinkerbau heute, wie fehl am Platze. Die Fenster sind schon lange nicht geputzt worden. Drinnen spürt der Besucher den Hauch einer Erinnerung an routinierte Betriebsamkeit: „Zu den Stationen“, das Schild im Flur weist irgendwohin. Die Rollos an der Apotheke daneben hat schon lange niemand mehr richtig hochgezogen.

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