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Im Gespräch: Wirtschaftsnobelpreisträger Phelps „Eine neue Klasse von Banken gründen“

02.11.2009 ·  Dass Märkte perfekt funktionieren, hat Edmund S. Phelps auch vor der Krise nicht geglaubt. Nun fordert er, eine staatliche Institution zur Kontrolle der systemischen Risiken auf den Finanzmärkten zu gründen. Die Notenbank habe dafür keine Expertise.

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Dass Märkte perfekt funktionieren, Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger hat Edmund S. Phelps, Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger (Porträt: Nobelpreisträger Edmund S. Phelps ), auch vor der Krise nicht geglaubt. Nun fordert der Professor an der New Yorker Columbia Universität, eine staatliche Institution zur Kontrolle der systemischen Risiken auf den Finanzmärkten zu gründen. Die Notenbank habe dafür keine Expertise.

Die Regierungen haben in der Krise viel Geld in die Wirtschaft gesteckt. Die Wirtschaft erholt sich wieder. Ist nun alles gut?

Nein, es ist überhaupt nicht gut. Es ist zwar gut, zu sehen, dass die amerikanische Wirtschaft wieder wächst. Leider scheint ein großer Teil des Wachstums ein direktes Ergebnis der Konjunkturprogramme zu sein. Die größte Sorge, die bleibt, ist, dass die Erholung nicht sehr weit gehen wird.

Wie wird sich die Arbeitslosigkeit entwickeln?

Ich glaube, die Arbeitslosenquote in Amerika wird sich auf 7 oder 8 Prozent zubewegen, von derzeit fast 10 Prozent. Wahrscheinlich wird sie zunächst etwas über 10 Prozent steigen, bevor sie wieder sinkt.

Wann werden es 7 oder 8 Prozent sein?

In etwa drei Jahren. Das ist für amerikanische Verhältnisse nicht gut. In den neunziger Jahren glaubten wir, die normale Arbeitslosenquote, zu der die Wirtschaft immer wieder zurückkehrt, betrage 5,5 Prozent. Jetzt, glaube ich, bewegen wir uns auf eine neue normale Arbeitslosenquote zu. Sie könnte 7,5 Prozent betragen.

Wie wichtig war aus heutiger Sicht das Konjunkturpaket?

Ich war ein milder Unterstützer des Pakets. Mir gefiel, dass die Ausgaben vor allem in die Infrastruktur gingen. Ich fand auch das Timing fast genial. Die öffentlichen Ausgaben für die Infrastruktur kommen genau zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die Arbeitslosigkeit in den höchsten Regionen bewegt. Ich verstehe nicht, warum so viele Leute das Timing kritisieren.

Werden mehr Konjunkturhilfen benötigt?

Ich mag das Konjunkturpaket, weil es eine einmalige Aktion sein wird.

Die Rezession ist also vorbei?

Ja, es fühlt sich so an.

Kommen die Regierungen von ihren Schuldenbergen wieder herunter?

Das ist meine große Sorge. Wenn nur ein Land seine Schulden stark erhöhte, vor allem eines, das nicht so riesig ist, dann ist die Last für künftige Generationen beherrschbar. Zum Beispiel hatten die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg hohe öffentliche Schulden. Doch über 20 Jahre hinweg senkte die Regierung die Schulden wieder. Nun haben aber die meisten Länder ihre Schulden erhöht, sogar China. Das wird vor allem zu steigenden Realzinsen auf der Welt führen. Darüber müssen wir uns Sorgen machen.

Gibt es einen Ausweg?

Die Regierungen könnten ihre Schulden weginflationieren. Das wäre ein schmutziger Trick. Das Beste wäre es, wenn wir stattdessen alles unternähmen, um die Innovationskraft unserer Wirtschaft zu erhöhen. Dann steigt das Bruttoinlandsprodukt schneller, und die Schuldenquote sinkt.

Wie kann man die Innovationskraft stärken?

Ich wünschte, ich würde all die guten Wege kennen, es zu tun. Auf jeden Fall brauchen wir einen Finanzsektor, der mehr als bisher daran interessiert ist, Geld für innovative Investitionsprojekte zu vergeben. Ein anderes Problem ist, dass Aktiengesellschaften nicht gut geführt werden.

Was meinen Sie damit?

Die Aktienbesitzer werden nicht gut behandelt. Wir brauchen eine bessere Corporate Governance.

Wie verbessert man die Corporate Governance?

Die Vorstandschefs sollten die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder nicht mehr kontrollieren. Die Aktienbesitzer sollten die Aufsichtsratsmitglieder nominieren. Außerdem muss man die Vorstände dazu bringen, ein oder zwei Jahre weit zu denken und nicht nur in Quartalen. Alles, was für sie jeden Tag zu jeder Stunde zählt, ist das nächste Quartal. Das ist schrecklich.

Die Sparquote der Amerikaner ist in der Krise gestiegen. Das verheißt nichts Gutes für den Konsum und damit für die Konjunktur, oder?

Viele glauben, dass die Kraft, die die Konjunktur in die Krise gedrückt hat, ein scharfer Rückgang des Konsums war. Aber in Wirklichkeit ist vor allem die Nachfrage der Unternehmen nach Investitionen kollabiert. Irgendwie ist das auch eine gute Nachricht. Denn wenigstens können wir uns vorstellen, dass die Investitionstätigkeit relativ rasch wieder zunimmt. Wir können uns aber kaum vorstellen, dass der Konsum rasch wieder anspringt, weil der Wohlstand der Amerikaner so stark gelitten hat.

Soll die Fed die Finanzmärkte stärker überwachen?

Ich bin bestürzt, dass die Fed für das Management des systemischen Risikos zuständig sein will. Sie ist dafür überhaupt nicht qualifiziert. Dort gibt es keine Experten für spekulative Märkte. Eine neue öffentliche Agentur müsste diese Überwachung übernehmen. Sie müsste das Kreditangebot beeinflussen können. Sie müsste zum Beispiel die Kapitalanforderungen von Banken erhöhen oder senken können.

Doch wie kann eine solche Behörde mehr wissen als die Märkte?

Möglicherweise sind die Märkte nur ein Durchschnitt extremer Sichtweisen. Zumindest teilweise reflektieren sie den Enthusiasmus von Amateuren, die nicht über viel Expertise verfügen. Wir können nur hoffen, dass eine Regierungsagentur mit gutem Personal eine professionellere Sicht auf die Dinge hätte. Vielleicht würde sie am Anfang eine nicht so gute Arbeit machen, solange sie noch lernt, und dann später über Jahrzehnte hinweg eine gute Arbeit. Vielleicht werden die Marktteilnehmer von der Agentur lernen und selbst besser handeln.

Sind Blasen auf den Finanzmärkten überhaupt zu vermeiden?

Natürlich nicht.

Wird die Fed rechtzeitig die überschüssige Liquidität aus den Märkten nehmen?

Das ist auf jeden Fall möglich. Wir hoffen, dass die Fed die Fähigkeit und das Glück hat, dies nicht zu früh und nicht zu spät zu tun, nicht zu schnell und nicht zu langsam.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Jetzt ist es zu früh. Ich möchte mindestens wissen, wie sich die Wirtschaft in den nächsten ein, zwei Quartalen entwickelt.

Was bleibt sonst zu tun?

Das ganze letzte Jahrzehnt hat uns gezeigt, dass es eine beachtliche Schwäche der unternehmerischen Investitionen und Innovationen gibt. Die Wirtschaft wäre auch ohne den Zusammenbruch des Häusermarktes schwach gewesen. Deshalb war die Regierung ja auch so versessen darauf, den Häusermarkt anzuheizen. Nun muss die Regierung anders handeln. Sie muss vor allem die Fähigkeit und den Willen des Finanzsektors verbessern, den Unternehmen zu dienen.

Was kann der Finanzsektor tun?

Es müsste eine neue Klasse von Banken gegründet werden. So wie die Handelsbanken, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, die zum Beispiel den Aufbau der Kohle- und Stahlindustrie unterstützten. Wir müssen zurückkehren zu altmodischen Banken, die Investitionen in reale Dinge finanzieren.

Müssen Banken kleiner werden?

Es wird künftig hohe und langfristige Investitionen in Klimaschutz und Energie geben. Dafür brauchen wir Banken, die eine beachtliche Größe haben. Kleine Hedge-Fonds werden nicht ausreichen.

Sind Sie über die hohen Boni, die in den Banken wieder bezahlt werden, besorgt?

Ich sorge mich eher darüber, wie leicht es sich die Regierung macht, wenn sie die Gehälter von Managern kürzt.

Das Gespräch führte Lisa Becker

Quelle: F.A.Z.
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