Home
http://www.faz.net/-gqg-xpuz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Paul Volcker „Höhere Inflationsziele sind einfach nur Unsinn“

08.03.2010 ·  Paul Volcker leitete früher die amerikanische Zentralbank. Heute ist er der wichtigste wirtschaftspolitische Berater von Barack Obama. Am Wochenende war der Ökonom in Berlin. Dort erläuterte er, wie die Regierung den Finanzmarkt besser regulieren will.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Der Ökonom leitete früher die Zentralbank Federal Reserve und ist heute der wichtigste wirtschaftspolitische Berater des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Als Ehrenstipendiat der American Academy war er am Wochenende in Berlin. Dort erläuterte er, wie die Regierung den Finanzmarkt besser regulieren will und welchen internationalen Abstimmungsbedarf er sieht.

Herr Volcker, wie sind die Chancen, ihr Paket zur Finanzmarktregulierung durch den Kongress zu bekommen?

Es ist immer eine Herausforderung, eine umfassende Gesetzgebung durch den Kongress zu bekommen. Es ist derzeit überhaupt schwierig, dort etwas durchzusetzen. Zudem gibt es Widerstand aus der Wirtschaft gegen die geplante Reform. Sie sagt: Wir sind durch die Krise gekommen, wir können unser übliches Geschäft wieder machen, wir brauchen dieses Regulierungszeug nicht. Ich halte dieses Denken für gefährlich. Ich hoffe weiterhin, dass der Kongress ein umfassendes Gesetz beschließen wird - einschließlich meiner Vorschläge.

Man liest viel über mögliche Kompromisse. Kann man damit das Finanzsystem stabilisieren?

Es gibt keinen Grund, das Konzept abzuschwächen. Ich weiß, es gibt eine Diskussionen darüber, wie man ein solches Gesetz umsetzen kann. Die Details sollte man den Aufsichtsbehörden überlassen. Sie müssen die neuen Prinzipien durchsetzen. Das Gesetz muss diese entscheidende Botschaft transportieren.

Kern ihres Konzepts ist, normale Geschäftsbanken von anderen Kapitalmarktakteuren zu trennen ...

... von spekulativen Geschäften. Geschäftsbanken in Amerika und anderen Ländern werden durch ein Sicherheitsnetz geschützt, sie haben Zugang zur Zentralbank und in den meisten Ländern zu einem Einlagensicherungssystem. Die zentrale Frage ist doch, ob auch die Institute Unterstützung durch den Staat, den Steuerzahler genießen sollen, die auf eigene Rechnung spekulative Geschäfte machen. Geschäftsbanken haben eine wichtige Aufgabe im Wirtschaftleben. Sie müssen geschützt werden.

Kann man den Eigenhandel abgrenzen vom Handel im Auftrag von Kunden?

Klar. Dazu hat man die Bankenaufsicht. Wenn mir ihr Vorsitzender sagt, er könne nicht unterscheiden zwischen Eigenhandel und anderen Geschäften, dann sollte er etwas anderes machen.

Lässt sich das immer so sauber trennen?

Handel im Auftrag eines Kunden ist etwas anderes als Handel für den eigenen Profit. Das macht den Unterschied. So gibt es Banken mit ganzen Abteilungen für Eigenhandel. Das hat schon per Definition nichts mit Kundengeschäft zu tun.

Sie sagen, in der nächsten Krise hauen Sie nur die Geschäftsbanken heraus.

So habe ich das nicht gesagt. Mein Konzept sieht so aus: Die Geschäftbanken genießen eine besondere Absicherung. Sie werden zudem scharf reguliert. Damit können wir hoffen, dass wir diese Banken auch in einer neuen Krise nicht auffangen müssen. Doch brauchen wir einen Mechanismus, wie wir uns der großen Kapitalmarktakteure annehmen können, die scheitern. Da sind sich Europa und Amerika einig. Wir müssen systemisch wichtige Institutionen abwickeln können. Sie sollten in einen Schlaf fallen, aus dem sie sich nicht mehr erheben können: Aktionäre werden ihre Anteile verlieren, das Management seine Aufgabe, die Kreditgeber stehen im Risiko.

Die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers hat die Finanzwelt an den Rand des Abgrunds gestürzt. Kann man die Drohung ernst nehmen, künftig solche Institute nicht zu retten?

Ja, denn bei Lehman war die Situation anders. Da gab es die Möglichkeit nicht, diese Gesellschaft geordnet abzuwickeln.

Wenn Ihr Paket durch den Kongress kommt, werden die Banken nicht dorthin ausweichen, wo die Regulierung nicht so hart ist, etwa nach London?

Es ist offensichtlich, dass wir international abgestimmte Standards brauchen, um solche Ausweichreaktion, zu verhindern. Wir brauchen international vergleichbare Vorschriften für das Kapital, das hinter jedem Geschäft stehen muss, für die Sicherung der Liquidität. Man ist sich einig, dass Financial Stability Board in Basel für einheitliche Standards sorgen muss. Ich hoffe, dass dann alle Länder diese Regeln annehmen werden.

Empfehlen Sie den Europäern, ihre Vorschläge zu kopieren?

Ich würde es nicht kopieren nennen. Wir sollten zu einem gemeinsamen Verständnis kommen, was angemessene Lösungen sind.

Ist das relativ stabile kontinentaleuropäische System nicht ein Argument, dass man die Finanzwirtschaft nicht unbedingt trennen muss?

Stabil in der Schweiz? Stabile Landesbanken in Deutschland? Stabilität in London, in Schottland? Ich denke, dass kann man nicht sagen.

Ging der ganze Ärger nicht von Amerika aus?

Das glaube ich nicht, ich sage nur: Northern Rock ...

... Sie meinen die britische Bank, vor deren Schaltern Kunden aus Sorge um ihr Geld Schlange standen und die von der Regierung verstaatlicht werden musste.

Aber Sie haben natürlich recht, ein Auslöser waren die amerikanischen Hypothekenkredite, die auch Leute erhielten, die sich eigentlich kein Haus leisten konnten. Europäische Banken kauften diese Papiere genauso wie amerikanische Banken. Man kann also nicht sagen, es ging da oder dort los. Dazu ist das Bankensystem längst viel zu sehr international verflochten.

In Amerika haben die Banken so schnell wie möglich die Milliardenhilfen des Staates zurückgezahlt. Wie fit sind die Institute?

Gesund sind sie noch nicht. Die Reparaturarbeiten laufen weiter. Sie haben gerade begonnen.

Werden wir noch Zusammenschlüsse von Finanzinstituten in Amerika sehen?

Die Regierung hat vorgeschlagen, die Größe der Institute bezogen auf die amerikanische Volkswirtschaft zu begrenzen. Andere Schranken gibt es schon heute. Große Fusionen wird es daher nicht geben, nur mittelgroße Institute werden sich noch zusammenschließen.

Ärgern Sie die Boni, die die Banken derzeit wieder ausschütten?

Hier hat es enorme Übertreibungen gegeben - und das geht immer so weiter.

Sollte die Bankaufsicht solche Exzesse künftig unterbinden?

Das wird kaum gehen. Ich setze mehr Hoffnung auf einen besser funktionierenden Wettbewerb, wenn wir das Bankensystem reformiert haben werden.

Aktuell sehen wir Spekulationen gegen Griechenland. Auch andere Länder geraten unter Druck. Ist der Euro gefährdet?

Es ist eine Herausforderung, aber die Euro-Länder werden damit fertig.

Sind die wachsenden Defizite der Staaten ein Grund zu ernsthafter Sorge?

Wir befinden uns mitten in einer schleppenden Wirtschaftsentwicklung. Sobald die Konjunktur anspringt, müssen wir die Defizite bekämpfen. Das wird eine schwere Aufgabe. Aber wenn wir es dann nicht anpacken, geraten wir in extrem schwieriges Fahrwasser.

Nun hat aber der Internationale Währungsfonds vorgeschlagen, die Notenbanken sollten sich höhere Inflationsziele setzen, um die reale Schuldenlast der Staaten zu verringern.

Das ist einfach nur Unsinn.

Sie hatten in den achtziger Jahren als Vorsitzender der Notenbank mit der Inflation zu kämpfen. Kommt sie zurück?

Es gibt im Moment keine Inflation. Das Risiko wird natürlich größer, wenn die Wirtschaft wieder stärker wächst. Diese Gefahr muss man im Blick behalten.

In Deutschland befürchten viele, dass die Inflation nicht zu verhindern ist. Hat die Notenbank die nötigen Instrumente?

Mein ganzen Leben habe ich mich mit dieser Frage beschäftigt. Die Zentralbanken haben die Möglichkeit, mit dieser Bedrohung fertig zu werden. Die Gefahr ist derzeit gering, sie liegt in der Ferne. Man muss handeln, wenn es so weit ist. Es ist noch ein langer Weg, bis die Wirtschaft wieder richtig läuft.

Kostet eine kraftvolle Regulierung der Finanzmärkte Wachstum?

Sie verhindert hoffentlich das Entstehen neuer Blasen und einen Kollaps des Finanzsystems. Das wäre positiv für die gesamte Wirtschaft.

Sie befürchten also langfristig keine Wohlstandsverluste?

Auf lange Sicht bin ich tot.

Das Gespräch führte Manfred Schäfers.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gute Wirtschaftspolitik

Von Winand von Petersdorff

Der Vorwurf: Deutschland lebt mit seinem parasitären Wirtschaftsmodell auf Kosten anderer Länder. Doch die Taktik der Bundesregierung stiftet Vertrauen für die nächsten Jahre. Mehr 3 35

17.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.848,03 +1,42%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

17.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.848,03 +1,42%
FAZ-INDEX 1.526,72 +1,43%
TecDAX 778,36 +0,73%
MDAX 10.441,40 +1,41%
SDAX 5.048,27 +1,17%
REX 422,26 −0,26%
Eurostoxx 50 2.520,31 +1,24%
F.A.Z. EURO INDEX 81,56 +1,37%
Dow Jones 12.949,90 +0,35%
Nasdaq 100 2.584,24 −0,31%
S&P500 1.361,23 +0,23%
Nikkei225 9.384,17 +1,58%
EUR/USD 1,3138 +0,07%
Rohöl Brent Crude 119,95 $ −0,08%
Gold 1.723,00 $ +0,58%
Bund Future 138,50 € −0,16%