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Im Gespräch: Ökonom Hans-Werner Sinn „Wir sitzen in der Falle“

 ·  Für den Ökonomen Hans-Werner Sinn ist der Zug in Richtung Transferunion abgefahren. „Die Rettungsschirme werden in Kürze verbraucht sein“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Im Endeffekt würden dreieinhalb Billionen Euro Staatsschulden der Südländer vergemeinschaftet.

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Professor Sinn, die Griechen erhalten bald ein weiteres Hilfspaket von 130 Milliarden Euro. Haben Sie Hoffnung, dass dies die letzte Zahlung sein könnte?

Nein. Es wird nur kurze Zeit reichen. Das ist eine weitere Hilfe für die Kapitalanleger, die so noch mal einen Teil ihrer Staatspapiere loswerden. Wollte man den Griechen wirklich helfen, müsste man ihnen dieses Geld als Austrittshilfe geben. Sie haben keine Chance, im Euroraum wettbewerbsfähig zu werden. Sie müssten 31 Prozent mit ihren Preisen runter, um auf das türkische Niveau zu kommen.

Also muss Griechenland die Währungsunion im eigenen Interesse verlassen?

Ja, denn wenn man Griechenland zumutet, durch ein Sparprogramm die Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, wird das Land zerbrechen. Da können die Politiker Europas zehn Mal etwas anderes sagen. Bestimmte Dinge sind ökonomisch nicht möglich.

31 Prozent? Was haben die Griechen denn in den zwei Jahren mit ihren Sparanstrengungen erreicht?

Nichts. Das ist das große Problem nicht nur in Griechenland. Vor der Krise waren die Preise in den peripheren Ländern und Italien durch den billigen Kredit, den ihnen der Euro brachte, explodiert. Kreditfinanziert wurden Löhne erhöht, sind Leistungsbilanzdefizite entstanden. Das Geld für den Importüberhang hat man sich im Ausland geliehen. Das ging gut, bis die amerikanische Finanzkrise nach Europa kam. Dann ist die Blase geplatzt. Die Preise sind aber heute noch die Preise vom Zeitpunkt des Platzens der Blase. Das sind keine Gleichgewichtspreise, die müssen runter. Wir brauchten normalerweise eine Wechselkursanpassung. Aber die gibt es im Euro nicht. Also muss man das gleiche durch eine relative Preissenkung im Vergleich zu den Wettbewerbern im Euroraum leisten.

Wir hören seit zwei Jahren, wie schlimm die Sparauflagen sind. Tatsächlich ist an interner Abwertung nichts passiert?

Nein. Obwohl man um eine zweistellige Rate runter müsste, ist das spanische Preisniveau in der Krise um gerade mal ein Prozent gegenüber den Wettbewerbern gefallen. Italien und Portugal sind sogar noch teurer geworden, als sie ohnehin schon waren. Das Beharren auf falschen Preisen ist das Hauptproblem der Eurozone. Daran kann sie zerbrechen. Das Schuldenproblem verblasst dagegen. Die südeuropäischen Länder sind der Lösung ihrer Probleme bislang kein bisschen nähergekommen. Sie sollten sich an Irland ein Beispiel nehmen. Irland hat die Preise in den letzten fünf Jahren um 16 Prozent gegenüber seinen Handelspartnern gesenkt.

Das Land hatte ein hohes Leistungsbilanzdefizit von bald 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, jetzt hat es schon wieder einen Überschuss. Deshalb schöpfen die Märkte neues Vertrauen. Damit Griechenland den irischen Erfolg erzielt, müsste es aber fast 50 Prozent abwerten, weil das griechische Leistungsbilanzdefizit mehr als dreimal so groß war wie das irische. Dieser Weg ist zu weit. Das kriegen die Griechen nie im Leben hin, denn sie haben starke Gewerkschaften. Es fehlt ihnen mangels Exporten die Exportlobby, die eine reale Abwertung verlangen könnte, um wettbewerbsfähig zu werden. Statt dessen haben wir nur eine Importlobby, die sich der realen Abwertung widersetzt, weil die ihr Geschäft kaputt macht.

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© Wolfgang Eilmes Vergrößern „Die Südländer sind der Lösung ihrer Probleme bislang kein bisschen nähergekommen“

Was passiert, wenn die Drachme eingeführt wird?

Es gibt einen Bank-Run. Die Banken sind insolvent und müssen gestützt werden. Deswegen wäre es besser, die 130 Milliarden Euro für den Übergang zur Drachme zu verwenden.

Wie schnell stabilisiert sich die Lage nach einem Währungsschnitt?

In Argentinien hat es zwei Jahre gedauert, bis das Land wieder auf eigenen Füßen stand.

Auch die Menschen werden flüchten, oder?

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Das Gespräch führten Heike Göbel und Holger Steltzner.

Quelle: F.A.Z.
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