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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Norbert Röttgen „Wir werden nicht die Energiepolizei schicken“

 ·  Der Bundesumweltminister setzt auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Von Wirtschaftsminister Brüderle trennen ihn nur „Akzentunterschiede“, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. sagt. Zum Beispiel in der Frage, was eine Atom-Laufzeitverlängerung bringt.

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Herr Minister, nach der Vorlage des Gutachtens über die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke spricht der Wirtschaftsminister von großen Preis- und Umweltvorteilen bei Laufzeiten von 12 bis 20 Jahren. Sie wiederum erkennen nur marginale Unterschiede. Haben Sie beide dasselbe Gutachten gelesen?

Die Gutachter sollten berechnen, wie sich Laufzeitverlängerungen von 4, 12, 20 und 28 Jahren auf Strompreise, Kohlendioxidausstoß, Versorgungssicherheit, Einfuhr und Ausbau erneuerbarer Energien auswirken. Das Ergebnis sind Zahlen als Basis für die politische Entscheidung. Wer die Zahlen vergleicht, sieht, dass alle vier Szenarien die Ziele der Bundesregierung bei der Reduzierung der CO2-Emissionen, beim Ausbau der erneuerbaren Energien und bei der Preiswürdigkeit der Energieversorgung erreichen und dass die Unterschiede nur sehr gering sind.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht davon, dass die Stromkosten bei Laufzeitverlängerungen von mehr als 12 Jahren 2030 um acht Milliarden Euro niedriger ausfallen. Halten Sie das für einen geringfügigen Unterschied?

Die Unterschiede beim Strompreis bewegen sich sowohl beim Börsenstrompreis als auch beim Haushaltsstrom über die Jahre gerechnet im Cent-Bereich. Für mich ist entscheidend, dass der Kollege Brüderle und ich sehr weitgehend in den Zielen und Bewertungen übereinstimmen, was die Chancen des Ausbaus der erneuerbaren Energien angeht. Natürlich gibt es hier und da auch Akzentunterschiede.

Akzentunterschiede?

Lassen Sie uns in das Gutachten gucken. Nehmen wir den Strompreis für Haushaltskunden für 4 und 12 Jahre Laufzeitverlängerung mit geringen Nachrüstkosten für das Jahr 2030. Das sind laut Studie 22,9 sowie 22,0 Cent je Kilowattstunde. Das macht 0,9 Cent Unterschied für 8 Jahre mehr oder weniger Laufzeitverlängerung bei einem Zeithorizont von 20 Jahren. Da frage ich mich doch, ob wir Preisdifferenzen von unter 1 Cent für 20 Jahre prognostizieren können. Wenn ich mir anschaue, wie stark der Strompreis schon innerhalb eines halben Jahres differieren kann, dann halte ich eine solche Prognose für sehr anspruchsvoll. Jedenfalls sind solche Differenzen nicht signifikant.

Die Gutachter schreiben: „Längere Laufzeiten wirken auf CO2-Preise und Strompreise entlastend.“ Der Vorteil falle umso größer aus, je länger die Laufzeit betrage. Hat Brüderle doch recht?

Die Aussage ist richtig. Nur haben die Gutachter nicht hinzugefügt, dass sich die dämpfende Wirkung in den Zielszenarien bis 2050 in einer Größenordnung von 0,5 bis 1,8 Cent je Kilowattstunde bewegt.

Wenn die Effekte der unterschiedlichen Szenarien nicht so groß sind, warum sollten dann überhaupt AKW-Laufzeiten verlängert werden?

Die Preisbildung beim Strom ist nicht das einzige Kriterium für Laufzeitverlängerungen. Uns geht es auch um Versorgungssicherheit, den Ausbau erneuerbarer Energien, Klimaschutz. Wenn man die Ziele zusammennimmt, dann sieht die Sache anders aus. Denn wir müssen Versorgungssicherheit sicherstellen. Wir brauchen schließlich noch Zeit, um zum Beispiel Leitungen zu bauen, die den erneuerbaren Strom transportieren, um die Energieeffizienz zu erhöhen und um den CO2-Ausstoß zu senken.

Wie lange trägt diese „Atom-Brücke“?

Den Umbau schaffen wir sicherlich nicht im Rahmen des ersten Szenarios, also in vier Jahren. Vor allem deshalb nicht, weil Rot-Grün zwar aus der Atomenergie ausgestiegen, aber nicht in den Netzausbau eingestiegen ist.

Die Bundeskanzlerin hält eine Laufzeitverlängerung um 10 bis 15 Jahre aus „energiefachlicher Sicht“ für sinnvoll. Was sagt der Energiefachmann Röttgen?

Die Bundesregierung konzipiert zusammen das, was die Brückenfunktion verlangt. Dazu gehören verfassungsrechtliche Gesichtspunkte, die Zustimmungsfreiheit einer Verlängerung im Bundesrat sowie Sicherheitsfragen.

Wie lange kann ohne Bundesrat verlängert werden?

Das erörtern gerade das Innen- und Justizministerium. Wir sind einig, dass die von ihnen empfohlene Laufzeitobergrenze nicht überschritten wird.

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Das Gespräch führten Andreas Mihm und Holger Steltzner.

Quelle: F.A.Z.
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02.09.2010, 07:15 Uhr

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