13.11.2007 · Der König von Jordanien besucht Deutschland. Er wirbt um Investitionen zur Stärkung der Wirtschaft und einen Durchbruch auf der Friedenskonferenz. Sein Ziel: Wachstum und Stabilität. Die F.A.Z. hat vorab mit ihm gesprochen.
Der König von Jordanien besucht Deutschland. Er wirbt um Investitionen zur Stärkung der Wirtschaft und einen Durchbruch auf der Friedenskonferenz. Sein Ziel: Wachstum und Stabilität. Die F.A.Z. hat vorab mit ihm gesprochen.
Ihre Majestät, an diesem Dienstag kommen Sie nach Deutschland. Dort treffen Sie bereits zum dritten Mal in diesem Jahr mit Angela Merkel zusammen. Verstehen Sie sich so gut mit der Kanzlerin?
Bundeskanzlerin Merkel versteht viele Themen des Nahen Ostens, ohne dass ich sie ihr in allen Einzelheiten erklären muss. Auch in den bilateralen Themen ist sie sehr gut. Sie erkennt die wirtschaftlichen Herausforderungen, denen sich Länder wie Jordanien gegenübersehen. Merkel ist geradlinig, und die Treffen mit ihr bewegen sich sehr schnell. Für jemand, der wie sie nicht viele historische Erfahrungen mit diesem Teil der Welt hat, findet sie instinktiv die richtigen Antworten, was ich erfrischend finde. Das erleichtert die Beziehungen und unsere Gespräche. Mit Bundeskanzlerin Merkel habe ich sehr gute Beziehungen, und enge Beziehungen pflegen wir ja mit Ihrem Land.
In Jordanien haben bisher nur wenige deutsche Unternehmen investiert. Nun unterzeichnen Sie in Deutschland ein Investitionsschutzabkommen. Rechnen Sie damit, dass dies zu mehr deutschen Investitionen führen wird?
Das hoffen wir. Französische Unternehmen haben in Jordanien eine starke Präsenz, deutsche nicht. Jordanien ist ein kleiner Markt, aber auch ein Tor in andere Länder. Die Infrastruktur in unserem Tourismus ist hervorragend, und die Industrie kommt in Fahrt. Zudem haben wir viele Projekte, für die wir nach deutschen Fertigkeiten suchen. Das betrifft Wasser- und Elektrizitätsversorgung, erneuerbare Energien wie Sonne und Wind sowie den Bau von Eisenbahnen, Flughäfen und Autobahnen. Wir hoffen, dass viele dieser Projekte auf deutsche Unternehmen eine starke Wirkung ausüben.
Jordanien verhandelt mit Deutschland auch über ein Doppelbesteuerungsabkommen. Wann kann es unterzeichnet werden?
Das sind Verhandlungen, die wir auch mit anderen Ländern führen. Ein Datum, wann das Abkommen mit Deutschland unterzeichnet wird, kann ich nicht nennen. Je schneller wir die ausstehenden Fragen klären, desto leichter wird es sein zusammenzuarbeiten.
Sie haben die G 11 ins Leben gerufen, eine Gruppe aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie fordert, dass die Industriestaaten nicht allein den am wenigsten entwickelten Ländern helfen sollen, sondern auch Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Sie sind Gründungsvorsitzender der G 11, Bundeskanzlerin Merkel die amtierende Vorsitzende der G 8. Wie sollen, wie können die G-8-Staaten Ihrer G 11 helfen?
Mein Ansatz ist nicht, dass den G-11-Staaten geholfen wird. Sie sollen aber auch nicht bestraft werden. Die am wenigsten entwickelten Länder verdienen gewiss die Unterstützung aller. Wenn sich Staaten aber in die Gruppe der Volkswirtschaften mit niedrigem Einkommen hocharbeiten, dann werden sie dafür bestraft, dass sie verantwortungsbewusst handeln. Bestraft beispielsweise in Handelsfragen, in Fragen der Verschuldung, in der Technologie. Das hat einen bedeutenden Einfluss auf ein Land, das auf seinen eigenen Füßen stehen will
Was unterscheidet die G-11-Staaten von den ganz armen Ländern?
Eine starke Mittelschicht ist für Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen das beste Vehikel auf dem Weg in die Zukunft. In den G-11-Staaten wollen wir eine lebendige Mittelschicht schaffen, damit wir uns nach vorne bewegen. Das Leben wird uns aber schwergemacht. Ich glaube, dass Länder mit einer starken Mittelschicht, die sich also am Übergang von niedrigem zu mittlerem Einkommen befinden, in ihren Regionen stabiler sind. Wir begrüßen alle Mitglieder, und wir wünschen, dass wir so rasch wie möglich den nächsten Sprung schaffen und nicht lange Mitglied in diesem Klub sind. Politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Reformen basieren auf der Mittelschicht. Da setzen wir an. Ich glaube, es ist im persönlichen Interesse der G 8, weltweit die Mittelschicht zu stärken, zumindest in Ländern, die sich aus dem Bereich der niedrigen Einkommen befreien.
Wie konkret könnte die G 8 helfen?
In der Schuldenfrage, durch Technologietransfer, in der Bildung, im Marktzugang. Jedes G-11-Land ist anders. Nun wollen wir eine zumindest informelle Beziehung zur G 8, und die wollen wir institutionalisieren, damit verschiedene Mechanismen Länder unterstützen, ihre Mittelschicht auszubauen. Schauen Sie: Sie geben Entwicklungshilfe an viele Länder. Das stellt sich als schwarzes Loch heraus. Sie kommen zehn Jahre später zurück, geben abermals Millionen Dollar - und die Länder bewegen sich nicht nach vorne. Denn sie haben keinen Anreiz dazu. Die G-11-Staaten haben aber die Entscheidung getroffen, sich nach vorne zu bewegen, mit der Staatengemeinschaft verantwortungsbewusst umzugehen, zu reformieren. Wir sollten zu Reformen ermuntert werden. Die G-11-Staaten bringt zusammen, dass sie beschlossen haben, mittels Reformen aus der unteren Einkommensklasse herauszukommen.
Noch ist die G-11-Gruppe aber kaum bekannt.
Sie ist auch noch neu. Über eine engere Beziehung zu Ihrer Regierung als dem G-8-Vorsitzenden hoffen wir, dass wir das bekanntmachen können, was wir wollen. Dem Bürger können wir unser Anliegen am besten vermitteln, wenn wir hervorheben, dass wir die Mittelschicht stärken wollen. Das Rückgrat der meisten europäischen Staaten ist ja die Mittelschicht. In Jordanien steht die Mittelschicht immer mehr auf eigenen Füßen. Doch jetzt werden wir hart getroffen: Die Preise für Erdöl und Rohstoffe steigen.
Jordanien muss 15 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für den Ölimport aufwenden. Wie werden Sie damit fertig?
In diesem Jahr war der Ölpreis die größte Herausforderung, und das wird er auch in den kommenden Jahren bleiben. Wenn mich nachts etwas wach hält, ist es der Ölpreis. Da geht es uns wie vielen anderen Ländern. Wir entwickeln uns wirtschaftlich sehr gut, und dann kommt dieser Ölpreis. Daher sind wir lebhaft an alternativen Energiequellen interessiert.
Sie nennen erneuerbare Energien. Haben Sie auch Interesse an Atomkraft?
Ja. Aus Ägypten beziehen wir Naturgas. Das kommt wie das Erdöl von draußen. Wir wollen aber Selbstversorger werden. Seit einem Jahr haben wir einen Ausschuss für Sonnen- und Windenergie. Bei meiner Reise in die Niederlande haben wir Unternehmen aus diesen Branchen identifiziert, nun reise ich nach Deutschland. Wir sind sehr daran interessiert, uns in diese Richtung zu bewegen. Denn wir haben Sonne und Wind im Überfluss. Im Blick haben wir aber auch die Atomenergie und die europäischen Staaten, ob sie uns dabei helfen können. Denn Jordanien verfügt über 3 Prozent der bekannten Uranvorkommen. Wir müssten also nicht ein Atomkraftwerk bauen und Uran importieren. Wir suchen nach der saubersten, effizientesten und sichersten Energie. Wir prüfen, wie wir hier, eventuell über ein privatwirtschaftliches Modell, so schnell wie möglich Fortschritte erzielen können.
Bauen Sie Uran schon ab?
Wir kennen die Vorkommen, wir kennen die Mengen. Jetzt halten wir nach internationalen Unternehmen Ausschau, um es abzubauen. Entweder wir verwenden es dann selbst, oder wir tauschen es in Bartergeschäften mit anderen Ländern, die es brauchen.
In vielen Ländern Afrikas baut China die Rohstoffe ab. China investiert dort, aber unter strategischen Gesichtspunkten. Wie sieht es im Nahen Osten aus?
Ich beobachte einen steigenden Wunsch Chinas, in die Politik der Region einbezogen zu werden. China ist ein relativ neuer Akteur in der Region. Daher gibt es keine Vorurteile. Noch sehen wir keine Konturen der Politik. Keiner von uns ist sicher, wie ihr Durst nach Rohstoffen mit ihrer politischen Rolle im Nahen Osten korrespondiert. Wenn Menschen zusammenkommen, sehe ich es immer zunächst als Gelegenheit, etwas richtig zu machen. Wenn wir gute Absichten haben, hat die andere Seite sie hoffentlich auch.
Will sich China auch in Jordanien engagieren?
Jordanien hat ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten; das zieht chinesische Unternehmen an. China ist ferner an größeren Projekten interessiert. 2008 wird man in Jordanien ja viele Bulldozer sehen.
In Ihrer G-11-Initiative betonen Sie die enge Beziehung zwischen wirtschaftlicher Wohlfahrt und politischer Stabilität. Als Vermittler und als treibende Kraft arbeiten Sie zudem an der Lösung des Nahost-Konflikts mit. In knapp einem Monat findet im amerikanischen Annapolis wieder eine Friedenskonferenz statt. Erwarten Sie da einen Durchbruch, oder wird die Konferenz, wie so häufig, wieder nur eine verpasste Gelegenheit werden?
Die Konferenz muss einen Durchbruch bringen. Zwei Aspekte sind für mich im Friedensprozess wichtig. Zum einen ist auf der Westbank geographisch nicht viel übrig. Was übrig ist, wurde ein kantonalisierter Teil Palästinas. In ein oder zwei Jahren wird nicht mehr viel übrig sein, um dann noch über eine Zweistaatenlösung zu sprechen. Das ist eine der Beschränkungen, die wir zu berücksichtigen haben und über die wir besorgt sind. Zum anderen muss der Friedensprozess, wenn er zu einem Ergebnis kommen soll, über die Vereinigten Staaten gehen, ob man es will oder nicht. Bekommen wir keine aktive Teilnahme der Vereinigten Staaten in einem sehr kurzen Zeitraum, müssen wir weitere zwei, drei oder vier Jahre verstreichen lassen, bis wieder ein amerikanischer Präsident bereit sein könnte, sich des Friedensprozesses anzunehmen.
Die Zeit drängt also?
Betrachten wir beides - die geographischen Beschränkungen und die amerikanische Bereitschaft, das Thema wieder aufzugreifen -, könnten wir die letzte Gelegenheit verpassen. Dann würde es keine Zweistaatenlösung mehr geben können. Wenn wir aber keine zwei Staaten haben, wie können wir dann jemals Frieden zwischen den Israelis sowie den Arabern und Muslimen erreichen? Annapolis ist nicht das Endspiel, sondern der Beginn eines Prozesses. Unsere Aufgabe ist, dass wir sicherstellen, dass der Prozess ein Zeitlimit hat, dass wir also den Prozess in Annapolis anstoßen. Das Ende der Probleme zwischen Israelis und Palästinensern wollen wir 2008 erreichen. Wir haben also nicht die Konferenz von Annapolis und dann einen palästinensischen Staat. Vielmehr werden wir einen aktiven Prozess haben, der über mehrere Monate zu dem Frieden führt, den die Menschen in dieser Region brauchen.
Wie zuversichtlich sind Sie?
Jordanien, Ägypten und andere Länder der Region arbeiten an der Vorbereitung. Wir haben Kontakte zu den Israelis, und am Sonntag konferierte ich zuletzt in Ägypten mit Präsident Mubarak. Wir wollen sicherstellen, dass jede Seite tut, was getan werden muss, wenn wir nach Annapolis reisen. Von den Palästinensern und den Israelis hören wir, dass jede Seite recht optimistisch ist. Sie reden über viele Themen, die eine angenehme Überraschung sind. Die wirklichen Überraschungen werden aber kommen, wenn sie in Annapolis sind. Wir wollen sicherstellen, dass alle Partner wissen, was ihre Verantwortung ist. Hoffentlich verpflichten sich dann beide Seiten, wenn sie einmal in den Vereinigten Staaten sind. Falls nicht, wird die Zukunft des Nahen Ostens schwierig sein.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,22 | +0,19% |
| Dow Jones | 12.529,80 | +0,27% |
| EUR/USD | 1,2534 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 106,62 $ | −0,12% |
| Gold | 1.568,50 $ | +1,26% |
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