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Im Gespräch: Katrin Göring-Eckardt : „Es lohnt sich, den kalten Kapitalismus zu bekämpfen“

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Göring-Eckardt: „Wir wollen Umverteilung nicht als Selbstzweck. Jemandem etwas wegzunehmen, ist kein Wert an sich“ Bild: Julia Zimmermann

Der Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, liegt die Umverteilung am Herzen - nur wer soll in Zukunft was bekommen? Im Interview spricht sie über Castings für Kita-Plätze und die Armut im Land.

          Frau Göring-Eckardt, Sie gelten als Inbegriff der bürgerlichen Grünen. Kennen Sie in Ihrem privaten Umfeld arme Leute?

          Sicher. Ich bin Ossi. Ich kenne Leute, die nach der friedlichen Revolution den Übergang nicht einfach so bewältigt haben - weil sie etwas gelernt hatten, das plötzlich nicht mehr gebraucht wurde, weil sie zu alt waren, weil sie als Künstler keine staatliche Unterstützung mehr bekamen.

          Im Westen ist das anders?

          Jetzt wollen Sie wieder auf das Klischee von den Grünen als Latte-Macchiato-Partei hinaus? Das ist Humbug! Wir haben bei uns viele Sozialarbeiter oder Lehrer, die tagtäglich mit Armutsfragen zu tun haben. Und Wählerinnen und Wählern der Grünen ist die soziale Frage besonders wichtig. Sie schauen nicht nur auf sich, sondern auch darauf, wie es anderen geht. Uns wird eine hohe Kompetenz in Gerechtigkeitsfragen zugeschrieben.

          Wie gehen Sie in Ihrem Freundeskreis damit um? Sagen Sie zu einem Hartz-IV-Empfänger: Lass uns in Berlin-Mitte essen gehen?

          Entscheidend ist, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das sind ja oft Menschen, von deren Erfahrungen ich viel lernen kann. Wenn ich jemanden um Rat frage, kann ich ihn auch einladen. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Sonst sage ich einfach: Komm bei mir vorbei, ich koche ein paar Nudeln.

          Die Wissenschaft streitet, was Armut überhaupt ist. Wissen Sie es?

          Armut beginnt dort, wo Menschen nicht an der Gesellschaft teilhaben können, wo sie sich ausgegrenzt und oft auch chancenlos fühlen.

          Wie viele Leute betrifft das?

          Die Regierung behauptet, es sind rund 15 Prozent der Bevölkerung. So steht es im Armuts- und Reichtumsbericht, den sie am Mittwoch beschließen will. Die Zahl ist aber geschönt. Wenn ich alles zusammenzähle, ist bis zu einem Viertel der Bevölkerung von Armut betroffen; Menschen, die geringe Chancen haben, von Armut bedroht sind oder tatsächlich in Armut leben. Die Regierung versucht, das tatsächliche Ausmaß der Armut in Deutschland zu verschleiern.

          Aber ist das neu? Schon in den achtziger Jahren hat man vor der Zweidrittelgesellschaft gewarnt.

          Neu ist, dass es eine wirklich verfestigte Armut gibt; Familien, die über Generationen nicht aus der Armut herauskommen. Das war in den sechziger und siebziger Jahren anders. Man wollte den Aufstieg schaffen. Nehmen Sie Leute wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder: Das waren lebende Beispiele für die Bildungsrevolution, die damals stattgefunden hat. So etwas brauchen wir heute wieder.

          Bei der Hartz-Reform, für die Sie gestritten haben, gab es einen Konsens: Wir haben zu lange alimentiert, dabei sind Aufstiegschancen wichtiger. Gilt das nicht mehr?

          Eines bleibt richtig: Allein die Transferleistungen zu erhöhen, ist kein wirkungsvolles Mittel. Ohne Geld geht es allerdings auch nicht. Wenn ich Kinder besser fördere, braucht die Familie trotzdem eine Waschmaschine. Das wurde unterschätzt, nach dem Motto: Wenn die Menschen sich wieder in den Arbeitsmarkt integrieren können, sich anstrengen, dann läuft es.

          Anstrengung bringt also nichts?

          Viele dieser Leute strengen sich sehr viel mehr an als manche, die jeden Monat ein festes Gehalt auf ihr Konto bekommen. Mit wenig Geld eine Familie über die Runden zu bringen, das ist alles andere als erholsam! Das ist Problemlösungskompetenz, von der mancher etwas lernen könnte.

          Gibt es in wirtschaftlich guten Zeiten mehr Verteilungsdebatten, weil die Leute denken: Genügend Geld ist ja da?

          Verteilungsdebatten hat es damals auch gegeben. Wir Grünen wollten bei Hartz IV höhere Regelsätze durchsetzen, damit sind wir an der SPD und ihrem Arbeitsminister Wolfgang Clement gescheitert. Aber natürlich hatten wir eine viel schlechtere Situation, was den Arbeitsmarkt anging oder die deutsche Position im internationalen Wettbewerb. Deshalb war alles gut, womit man Leute in Arbeit bringen konnte. Zu Recht. Vieles davon hat funktioniert, aber aus heutiger Sicht muss man sagen: Es hat nicht gereicht.

          Deshalb wollen Sie jetzt kräftig umverteilen?

          Es stimmt, wir wollen von einigen einen größeren Beitrag zum Gemeinwesen. Aber wir sagen ganz genau, wozu wir die Einnahmen verwenden.

          Zum Beispiel, um für jedes Kind 300 Euro Grundsicherung monatlich zu zahlen, auch an reiche Leute. Selbst Ihr Ko-Kandidat Jürgen Trittin findet das zu teuer.

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