Home
http://www.faz.net/-gqg-6rqkc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: IG-Metall-Chef Berthold Huber "Wir brauchen einen Marshallplan für Griechenland"

27.09.2011 ·  Südeuropa benötigt internationale Hilfe. Nicht nur Geld, sondern auch industriepolitische Perspektiven, sagt der Chef der größten Gewerkschaft Europas mit fast 2,3 Millionen Mitgliedern.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

An diesem Donnerstag stimmt der Bundestag über den erweiterten Euro-Rettungsschirm ab. Sind Sie für das Paket?

Welche Alternative haben wir? Es gibt zwar die Debatte über einen Nord- und einen Süd-Euro und darüber, dass Griechenland ausscheren oder seine Inseln verkaufen soll. Aber das ist Unfug. Ich will daran erinnern: Das deutsche Wirtschaftswunder nach 1945 gab es nur, weil zwei Dinge funktioniert haben: der Marshallplan und das Londoner Schuldenabkommen mit einem Schuldenerlass von 50 Prozent und niedrigen Zinssätzen. Wir brauchen auch eine Art Marshallplan für Griechenland.

Und einen Schuldenschnitt?

Ja. Anders wird das Land nicht von seinen Schulden runter kommen. Es gibt dort bisher keine vernünftige Steuerverwaltung. Das ist doch absurd. Wenn man in Griechenland die Pools aus der Luft fotografieren muss zur Steuererfassung, kann man nur sagen: Entschuldigung - warum kommen die Gauner und die Betrüger davon? Das ist ungerecht. Wir akzeptieren nicht, dass die normalen Leute in Griechenland, nachdem sie ohnehin schon für die Krise zahlen mussten, das jetzt auch noch zahlen sollen.

Wie erklären Sie einem deutschen Metallarbeiter mit 2180 Euro brutto im Monat Ihre Solidarität mit streikenden Gewerkschaften in Griechenland?

Die größte Empörung, zu der ich fähig bin, ist die, dass die Verursacher dieser Krise bis dato überhaupt nicht beteiligt wurden an den Kosten. Nicht in Deutschland und nicht anderswo. Das würde ich dem Metallarbeitnehmer sagen. Ich bin enttäuscht, weil nicht umgesetzt wurde, was am Anfang der Krise von der Politik vollmundig versprochen wurde.

Was zum Beispiel?

Eine Finanztransaktionssteuer, eine europäische Ratingagentur oder die Abspaltung der Investmentbanken. Stattdessen hat man schnell auf Abwarten gesetzt. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Mach's am Anfang, schnell und rücksichtslos. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt wenigstens, dass wir eine Finanztransaktionssteuer brauchen. Er macht einen guten Job.

Das kann er auch entspannt sagen, weil diese Steuer global nicht kommen wird.

Er hat zuletzt ausdrücklich gesagt, dass man das auf Ebene der Währungsunion anpacken muss. Das nehme ich ihm ab. Denn die Politik steckt ja auch in einer Legitimationskrise gegenüber dem von Ihnen angesprochenen Metallarbeiter.

Schön, dass sie den noch mal erwähnen. Die hohe Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland haben unter anderem die Beschäftigten durch Lohnzurückhaltung ermöglicht. Nun wird Deutschland international dafür kritisiert. Sind wir zu wettbewerbsfähig?

Nein, selbstverständlich ist die Produktivitätsentwicklung das A und O. Zudem will ich festhalten: Wir haben seit 2007 sichere Arbeitsplätze und kräftige Tariferhöhungen kombiniert. Das eigentliche Problem ist der wachsende Niedriglohnsektor. Was mir mit Blick auf den Süden Europas viel mehr Sorgen macht. ist die Frage, mit welcher Wertschöpfung beispielsweise die griechische Wirtschaft aus dem Tal herauskommen kann. Sie können nirgendwo etwas drüberstülpen, wo nichts ist. Wir brauchen deshalb einen industriepolitischen Dialog darüber, wie der Süden Kompetenzen aufbauen kann. Eine Möglichkeit könnten regenerative Energien sein.

Hat sich die Kanzlerin schon beschwert, dass Sie das einzige geschäftsführende Vorstandsmitglied mit CDU-Parteibuch wegrationalisieren wollen?

Sie hat das Gespräch mit mir gesucht. Ich habe ihr erklärt, dass ich gerne eine qualifizierte Kollegin oder einen Kollegen aus der Union mit einer gewerkschaftlichen Biographie als geschäftsführendes Vorstandsmitglied möchte. Dafür braucht es aber geeignete Vorschläge. Außerdem haben die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder operative Aufgaben. Die strategische Entscheidung trifft der Vorstand, und dort sind engagierte Gewerkschafter mit CDU-Parteibuch vertreten.

Sie treten für eine zweite Amtszeit an. Sie wären der Älteste in der Führungsriege. Müssten Sie nicht zur Verjüngung selbst vorzeitig Platz machen?

Nein, ich stehe für die volle Amtsperiode von vier Jahren. Aber ich wäre ein schlechter Vorsitzender, wenn ich die IG Metall mit einer überalterten Führung zurücklassen würde.

Das heißt, Sie tauschen andere aus?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir innerhalb der vier Jahre einen außerordentlichen Gewerkschaftstag beantragen, auf dem wir einen Teil der geschäftsführenden Mitglieder verabschieden und neue wählen werden. Wie viele, ist noch nicht bekannt. Und der zweite Schritt erfolgt dann im Jahr 2015.

Wie steht Europas größte Einzelgewerkschaft im Herbst 2011 da?

Als wir vor vier Jahren begannen, lauteten die übergeordneten Ziele, den Rückgang der Mitgliederzahlen zu stoppen und die Organisation zu verjüngen. Beides haben wir geschafft. Unser Anteil der Mitglieder, die jünger sind als 27 Jahre, ist auf 10 Prozent gestiegen und zum Jahresende rechnen wir erstmals seit mehr als 20 Jahren wieder mit einem echten Nettozuwachs von bis zu 15 000 Mitgliedern.

Wo wollen Sie bis 2015 hin?

Zunächst einmal brauchen wir eine neue Ordnung am Arbeitsmarkt. Die Prekarisierung ist das überragende Thema. Das hängt eng zusammen mit den Interessen der jungen Generation. Frauen müssen die gleichen Möglichkeiten im Beruf und auf Karriere haben wie Männer. Und wir müssen nach Chancen suchen für einen fairen Ausstieg von zig Tausend älteren Kollegen, die lange gearbeitet haben.

Nächstes Jahr führen Sie Tarifverhandlungen. Fürchten Sie, dass die Krise Ihnen abermals den Abschluss verhagelt?

Ich hoffe sehr, dass die Wirtschaft stabil bleibt und wir nicht in eine Situation geraten wie 2008, als wir mit Vollgas in die Garage fahren mussten. Die Politik kann einiges für eine stabile Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung tun. Alle, auch die Arbeitgeber, sagen mir, die Lage sei stabil. Aber das haben sie mir 2008 auch gesagt. Ich bin zu nüchtern, um mir ein Wolkenkuckucksheim zu bauen. Ich schaue mir jede Woche die Zahlen an.

Die Arbeitsagentur warnt, ein zweites Mal lasse sich eine Krise nicht durch Kurzarbeit abfedern. Die Kasse ist leer.

Die Politik muss einen vernünftigen Beitragssatz in der Arbeitslosenversicherung festlegen. Wir kamen immerhin von 6,5 Prozent und sind jetzt bei 3 Prozent. Ich sage: Lasst uns ein Polster anlegen. Keinen Menschen würde es scheren, wenn wir jetzt bei 3,2 oder 3,3 Prozent wären. Im Übrigen: Arbeitslosigkeit müsste die Bundesagentur auch finanzieren.

Das Gespräch führten Sven Astheimer und Henrike Roßbach.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Barrosos Verantwortung

Von Werner Mussler, Brüssel

Die EU-Kommission schaut den EU-Staaten auf die Finger: Sind ihre Haushalte in Ordnung? Wie sie diese Kontrolle ausübt, wird sich in der Politik entscheiden - abhängig davon, ob sich der französische Weg oder der deutsche Weg zur Krisenbekämpfung durchsetzt. Mehr 5 5

30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.368,84 −1,82%
Dow Jones 12.409,20 −1,36%
EUR/USD 1,2404 −0,67%
Rohöl Brent Crude 103,10 $ −3,51%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.