Herr Sonnleitner, alle Welt schimpft über die Regierung, Sie können sich aber zufrieden zurücklehnen, oder?
Wenn man ganz zufrieden ist, gibt es keinen Antrieb mehr, etwas besser zu machen. Doch auch die Bauern erleben schmerzliche Einschnitte bei der Sanierung des Bundeshaushalts.
Welche denn?
Das Sparpaket trifft uns mit 200 Millionen Euro - vor allem bei der Gemeinschaftsaufgabe in Agrarstruktur und Küstenschutz und in der Investitionsförderung, also etwa bei Zuschüssen für Stallbauten und Zukunftsinvestitionen.
Andererseits hat Agrarministerin Ilse Aigner schon vor Monaten ein 750-Millionen-Euro-Paket für die Bauern geschnürt.
Das war der Wirtschaftskrise mit historisch niedrigen Agrarpreisen geschuldet, durch die wir Landwirte unschuldig abgestürzt sind und extreme Einkommenseinbußen hatten. Deshalb gab es auch für uns Hilfen, genau wie etwa für die Banken oder die Autoindustrie.
Dass Agrardiesel weiter mit 25,6 Cent besteuert wird, ist noch ein Geschenk.
Das sehe ich nicht als Geschenk, sondern als Abbau von Wettbewerbsverzerrungen im europäischen Agrarmarkt. Außerdem haben wir immer noch den höchsten Dieselsteuersatz in der EU.
Apropos Europa: Es dürfte Ihnen gefallen, dass die Ministerin in der EU-Agrarpolitik alles beim Alten belassen will. Dann bekämen Sie weiter Ihre hohen Direktzahlungen.
Wir wollen die Agrarpolitik durchaus weiterentwickeln. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass in den anderen EU-Ländern die Agrarreform von 2003 bei weitem noch nicht so umgesetzt worden ist wie in Deutschland. Wir brauchen erst einmal wieder eine einheitliche Agrarpolitik, sonst wird es im Binnenmarkt schwierig für uns.
Wie meinen Sie das?
Ausgleichszahlungen sind in Deutschland vollkommen entkoppelt von der Produktion. Schon jetzt gibt es keinen Ausgleich mehr für bestimmte Produkte wie Getreide, Milch oder Fleisch, das ist alles in der Flächenprämie drin. Zusammen mit anderen Reformbausteinen hat das unsere unternehmerische Leistungsfähigkeit gestärkt. Länder wie Frankreich haben dagegen noch gekoppelte Ausgleichszahlungen. Dort bekommen die Bauern Geld für ein bestimmtes Produkt . . .
... was zu Milchseen führen kann. Trotzdem gilt in der freien Wirtschaft, wer nicht bestehen kann, scheidet aus.
In der europäischen Landwirtschaft arbeiten 40 Millionen Menschen. Man kann das rein marktwirtschaftliche Modell wählen, aber das würde zu radikalen Verwerfungen führen und zur Massenarbeitslosigkeit auf dem Land. Landwirtschaft gäbe es nur noch in extremen Großbetrieben und in klimatisch günstigen Gebieten. Das wollen wir nicht. Europa würde sein Gesicht verlieren.
Woran liegt es, dass Sie ohne Direktzahlungen nicht überleben können?
Wir haben in Europa wesentlich höhere Auflagen im Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz. Wir können aber unsere Höfe nicht verlegen, wir können nicht Teile der Produktion auslagern in Drittländer. Wir sind angewiesen auf unseren Standort, und wir haben höhere Kosten als unsere Konkurrenten, etwa wenn wir Handwerker brauchen oder wenn wir bauen.
Kritiker sagen, Landwirte sollten nur noch öffentliches Geld für öffentliche Leistungen bekommen, für Umwelt- und Klimaschutz oder Landschaftspflege.
Diese Kritiker diskutieren vom grünen Tisch. In der Praxis ist das doch schon jetzt so. Für die Ausgleichszahlungen müssen wir 19 Cross-Compliance-Verordnungen einhalten; etwa Regeln zum Erosionsschutz, zu Pflanzenschutzmitteln, zum Düngemitteleinsatz. Es wird kontrolliert, ob die Biomasse weggefahren wird, ob überdüngt wird, ob die vorgeschriebenen Quadratmeter je Rind eingehalten werden. Und wenn man dagegen verstößt, gibt es Sanktionen oder Kürzungen.
Immerhin ist die Landwirtschaft in Deutschland für 15 Prozent des Kohlendioxidausstoßes verantwortlich.
Da werden uns auch die industrielle Herstellung von Düngemitteln und die Folgen der Entwässerung der Moore angelastet. Moore fruchtbar zu machen war aber zur Ernährungssicherheit notwendig, das kann man nicht der heutigen Landwirtschaft anlasten. Wir sagen, wir sind für das verantwortlich, was direkt in unseren Betrieben geschieht - die Tierhaltung, die Fahrzeuge und Düngemittel. Und da liegen wir bei rund 6 Prozent. Dort, wo wir direkt verantwortlich sind, haben wir den Ausstoß an Kohlendioxid-Äquivalenten in den vergangenen 20 Jahren um knapp 20 Prozent gesenkt.
Wie geht das? Man kann den Kühen ja nicht das Verdauen verbieten.
Nein, aber durch züchterische und technische Innovationen und eine professionelle Landbewirtschaftung wurden die Emissionen verringert. Wenn die Kuh bei gleicher Fütterung mehr Milch gibt, ist die CO2-Bilanz besser. Zwei 4000-Liter-Kühe verursachen eben mehr Emissionen als eine 8000-Liter-Kuh. Effizienzsteigerungen minimieren den Schadgasausstoß. Außerdem setzen wir Maschinen mit effizienteren Motoren ein.
Brauchen Sie zur Effizienzsteigerung die Gentechnik?
Das eine ist der Anbau von Genpflanzen, da haben wir Akzeptanzprobleme in Deutschland, genau wie beim Verzehr. Anders sieht es mit der Verunreinigung von importiertem Saatgut und Futter aus. Da müssen wir die Realitäten sehen: Weltweit werden auf 150 Millionen Hektar - dem Zehnfachen der Nutzfläche in Deutschland - Genpflanzen angebaut. Da kann es immer wieder technisch unvermeidbare, spurenhafte Vermischungen geben. Deshalb kann es eine Nulltoleranzgrenze nicht geben. Wir plädieren für einen Grenzwert von 0,1 Prozent.
Vom Wetter bis zu den Preisen, Bauern sind selten zufrieden. Zuletzt wurden die Klagen aber leiser. Geht es aufwärts?
Der eine ist mehr vom Handel betroffen, der andere vom Wetter und der Dritte von den Märkten. Aber insgesamt spüren wir, dass langsam wieder bessere Preise durchzusetzen sind. Allerdings nur sehr langsam, und wir kommen aus einem tiefen Tal.
Ist aus dem Bauern längst ein Unternehmer geworden?
Ja. Vielleicht gibt es noch einen emotionalen Unterschied: Bauer ist man von Herzen. Da hängen Leidenschaft dran und ein Wertesystem. Aber wir mussten schon immer auch Unternehmer sein.
Bald vielleicht noch mehr, wenn die Landwirte statt Koteletts und Kartoffeln Biogas und Solarstrom produzieren?
Die meisten von uns werden auch in Zukunft Nahrungsmittel herstellen. Die erneuerbaren Energien sind aber eine attraktive Ergänzung.
Ackerbau und Viehzucht sind nicht das Bankgewerbe!
Harry LeRoy (Cimon)
- 03.07.2010, 17:33 Uhr
