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Im Gespräch: August-Wilhelm Scheer „Wir erwarten programmatische Aussagen“

08.12.2009 ·  Die Elite der deutschen Informationstechnologie trifft sich heute zum IT-Gipfel in Stuttgart - mit großen Hoffnungen. Der Präsident des Branchenverbandes Bitkom erwartet von der Rede der Kanzlerin ein wegweisendes wirtschaftspolitisches Programm.

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Die Elite der deutschen Informationstechnologie trifft sich am heutigen Dienstag in Stuttgart. Die Hoffnungen der Branche sind groß. Der Präsident des IT-Verbandes Bitkom erwartet von der Rede der Bundeskanzlerin ein wegweisendes wirtschaftspolitisches Programm.

Herr Professor Scheer, blicken Sie mit Sorge auf den Klimagipfel?

Warum sollte ich das denn tun?

Weil die IT-Industrie zu einem der größten Verbraucher von Energie zählt.

Wir sind zwar eine rasch wachsende Branche. Doch wir sind Teil der Lösung, nicht des Problems. Denn mit IT können wir bestehende Systeme effizienter, besser und sauberer machen.

Was meinen Sie damit?

Nehmen Sie die sogenannten intelligenten Netze für die Übertragung von Strom oder zur Lenkung des Verkehrs auf Straße und Schiene. Mit Hilfe der IT können in Industrie und in den Haushalten die Ressourcen effizienter und produktiver eingesetzt werden als bisher. Die hilft uns, den Verbrauch zu drosseln und damit die Umwelt zu schonen.

Was sollte Kopenhagen bringen?

Es sollte Standards bringen, in denen die Wirtschaft arbeiten kann.

Nun scheint die Weltwirtschaft wieder Fuß zu fassen. Ist die Krise wirklich schon überwunden?

Es gibt viele Indikatoren in der Wirtschaft, die uns Licht am Ende des Tunnels sehen lassen. In der deutschen IT-Branche gehen mittlerweile 57 Prozent aller Unternehmen davon aus, im kommenden Jahr wieder zu wachsen. Das sollte uns zuversichtlich stimmen.

Was sehen Sie als größte Risiken an?

Risiken liegen nach wie vor im Finanzsystem. Wir wissen nicht, wie viele faule Kredite noch in den Bilanzen der Banken stecken. Auch ist es für viele Unternehmen schwierig, Kredite zu bekommen oder sich zu refinanzieren. Wir müssen daher von einer Kreditklemme sprechen, ob wir wollen oder nicht. Doch wir müssen auch sehen, dass sich die Banken in vielen Bereichen ökonomisch verhalten. Wenn sie mehr Geld mit einem Rohstoffzertifikat verdienen als mit der Kreditvergabe an ein mittelständisches Unternehmen, werden sie in ein Rohstoffzertifikat investieren. Hier müssen Anreizstrukturen verändert werden.

Die öffentliche Hand gilt in vielen Unternehmen als säumiger Zahler ihrer Rechnungen. Stimmt das?

Das stimmt, leider. Da gibt der Staat einerseits Milliarden für Konjunkturprogramme aus und zeigt sich auf der anderen Seite als säumiger Zahler seiner Rechnungen. Das fällt vor allem kleinen Unternehmen auf die Füße.

Wie viele Unternehmen sind betroffen?

Rund ein Sechstel aller ITK-Firmen.

Was ist zu tun?

Ganz einfach: Der Staat muss seine Rechnungen pünktlich bezahlen.

Sind Sie mit der Arbeit der Bundesregierung bislang zufrieden?

Ja. Obwohl wir die Rolle des Staates als primären Helfer in der Krise eher skeptisch sehen, können wir mit dem Programm zur Bewältigung der schwierigen Lage zufrieden sein. Mit der Strategie zum Auf- und Ausbau von Breitbandnetzen wurden wir als eine der wenigen Branchen direkt angesprochen. Solche Riesenprojekte gehen nur in Zusammenarbeit von Staat und Privatwirtschaft. Schließlich sprechen wir allein bei den Breitbandnetzen von einem Investitionsvolumen von 30 Milliarden Euro.

Was darf die Branche vom Staat für die kommenden Monate erwarten?

Einiges. Anfang des Jahres haben wir die Berliner Erklärung abgegeben, mit der wir unsere Vorstellungen von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die Branche darlegen. Das war von den Parteien zunächst zurückhaltend aufgenommen worden. Dann kam die Wahl. Der Erfolg der Piratenpartei, aus dem Stand 2 Prozent aller Wählerstimmen zu bekommen, rüttelte das politische Establishment auf. Die weitere Entwicklung der ITK-Industrie in Deutschland spielte im Koalitionsvertrag dann eine Rolle.

Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von der Bundeskanzlerin?

Die Kanzlerin steht uns schon sehr offen gegenüber. Wir erwarten nun von ihr programmatische Aussagen zum Ausbau der technischen Infrastrukturen im Land. Denn die werden wichtig sein für unseren künftigen Wohlstand.

Was genau meinen Sie damit?

Das sollten die schon erwähnten intelligenten Netze für Telekommunikation, für Verkehr oder etwa die Energieversorgung sein, also klassische Schlüsselbereiche einer modernen Volkswirtschaft, die aufgebaut, modernisiert und für die Zukunft fit gemacht werden müssen. Hinzukommen noch ein Gesundheits-, ein Bildungs- und ein Behördennetz.

Trotz ihrer Bedeutung scheint die Branche in Deutschland nach wie vor nicht den wirtschaftspolitischen Stellenwert wie etwa die Automobilindustrie zu haben. Woran liegt das?

Die ITK-Branche ist mit 830.000 Beschäftigten zwar der zweitgrößte Arbeitgeber, noch vor dem Automobilbau. Aber wir sind eine junge Branche. Auch sind wir in Deutschland nicht primär Produktionsstandort. Dabei zählten wir einmal zu den Produzenten, zu den Vorreitern etwa bei der Entwicklung der ersten Computer. Heute ist unter den großen Computerherstellern der Welt kein deutsches Unternehmen zu finden. So einen Verlust in der Hochtechnologie können wir nicht noch einmal hinnehmen.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Nehmen Sie die Softwarebranche. Das ist eine Schlüsselindustrie geworden, ein absolutes Muss. Hier haben wir in Deutschland mit SAP und der Software AG zwei große und international sehr wichtige Akteure. Auch sind wir in eingebetteten Softwaresystemen für Geräte und Maschinen aller Art stark aufgestellt. Wir haben hier nach wie vor die gesamte Wertschöpfungskette in der Hand. Das müssen wir bewahren, stärken, ausbauen. Daher wünschen wir uns seitens der Politik eine Softwareinitiative.

Professor Scheer ruft nach Hilfe des Staates für die IT-Branche?

Das macht er bestimmt nicht. Die Branche ist erst einmal selber gefragt. Dafür aber müssen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stimmen. Fast 90 Prozent aller neuen Firmengründungen in der deutschen Hochtechnologie sind Softwareunternehmen. Die Industrie hat in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100.000 neue Stellen geschaffen. Nach Einschätzung des Prognos-Instituts wird sich die Beschäftigtenzahl bis 2020 nahezu verdoppeln.

Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen der deutschen IT-Branche?

Unsere Stärken liegen klar in der Forschung. Schwächen sehe ich in der wirtschaftlichen Umsetzung der Forschungsergebnisse. Hier haben wir zu wenige Ausgründungen von Unternehmen aus Forschungseinrichtungen. Auch haben wir zwar junge Unternehmen, die auf nationaler Ebene erfolgreich sind, international aber kaum eine Rolle spielen. Dort geben andere den Ton vor. Das muss sich ändern. Daher brauchen wir eine Wachstumsinitiative.

Und das geht nur mit Hilfe des Staates?

Nicht nur. Doch der Staat spielt eine nicht zu verachtende Rolle. Wir sehen doch, was in Amerika, was in Indien, China oder Taiwan passiert. Dort sind Unternehmen wie Google, Amazon, Ebay und Infosys entstanden - nicht nur, weil die dort arbeitenden Menschen sehr gut sind, sondern auch, weil sie entweder durch staatliche Institutionen oder staatliche Initiativen gefördert wurden.

Das gibt es doch auch bei uns?

Ja. Doch noch immer viel zu wenig. Aber wir haben Anknüpfungspunkte. Wir haben das Projekt Theseus, das sogenannte "Internet als Plattform für Dienstleistungen". Auch für die Entwicklung einer umweltfreundlichen IT, der sogenannten Green-IT, oder in der Sicherheit im Internet hat der deutsche Staat bereits Wegweisendes angeschoben.

Was noch ist zu tun?

Wir dürfen einfach nicht stehenbleiben. Die Forschung muss ganz oben auf der Agenda bleiben. Doch wir benötigen Universitäten und Hochschulen, die mehr als bisher auf Unternehmertum ausgerichtet sind. Dafür brauchten wir in der Bildungspolitik ein klareres Organisationssystem, als wir es bisher haben.

Nun haben aber gerade IT-Studiengänge Abbrecherquoten von bis zu 50 Prozent.

Leider. Das dürfen wir auch nicht länger hinnehmen. Die Betreuung der Studenten muss unbedingt verbessert, die Studiengänge müssen umstrukturiert und nicht nur mit einem neuen Etikett versehen und das System des verbeamteten Professorentums muss abgeschafft werden.

Und das entfesselt Wachstumskräfte?

Das sehen Sie ja in anderen Ländern. Dort sind rund um starke Universitäten starke ITK-Cluster entstanden, in denen Professoren in den Aufsichtsräten sitzen.

Leistungsfähige IT-Cluster haben wir in Deutschland mit den Regionen um Dresden, Darmstadt oder München doch auch?

Sicher. Wir haben in Deutschland mittlerweile mehr als hundert Hochtechnologie-Cluster. Jeder Bürgermeister scheint in seinem Ort einen Cluster zu haben. Aber die wenigsten wie Dresden, Darmstadt oder München haben auch eine europa-, ja weltweite Ausstrahlung. Wir müssen auf diesem industriepolitischen Gebiet mehr klotzen, statt zu kleckern, wir müssen unsere Kräfte hier bündeln und gezielt einsetzen. Dafür brauchen wir eine wirtschaftspolitische Strategie. Die Branche ist in der Lage zu sagen, was sie will und wohin sie will. Sie kann Ziele formulieren. Die Politik sollte dann den dafür notwendigen Rahmen schaffen.

Das Gespräch führte Stephan Finsterbusch

Quelle: F.A.Z.
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