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Im Gespräch: Annette Schavan „Geld macht nicht klüger“

30.05.2010 ·  Zwölf Milliarden Euro sieht der Bildungsetat 2011 vor. Bundesbildungsministerin Annette Schavan erklärt, dass das Geld für Bildung und Forschung gut angelegt ist und warum es Kleinkindern wenig hilft, wenn an den Hochschulen gespart wird.

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Frau Schavan, warum ist das deutsche Bildungswesen so ungerecht?

Wir lassen zu viele Kinder zurück. Das stimmt. Aber seit der ersten Pisa-Studie, die in Deutschland einen Schock ausgelöst hat, holen wir deutlich auf.

Das mag sein. Aber ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Und die meisten dieser Kinder kommen aus armen Familien. Armut macht dumm in Deutschland. Wie können wir das zulassen?

Armut macht nicht dumm. Aber sie verhindert oft die Teilhabe an Bildungsangeboten. Tatsächlich haben wir lange den Wert der frühkindlichen Bildung unterschätzt. Wir haben dazugelernt, wir begleiten Kinder früher, wir gewähren Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, wir stärken die Bildung in den Kindergärten und in den Grundschulen.

Trotzdem. Bei uns steht die Bildungsfinanzierung auf dem Kopf, sagt eine Studie für den Bundesfinanzminister. Wo der Bildungseuro am meisten bringen würde, bei Kleinkindern, geben wir am wenigsten aus. Wo das Geld am wenigsten bringt, an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung, geben wir am meisten aus.

Wir haben doch längst umgesteuert. Das Bildungssystem hat auch starke Seiten. Um die duale Ausbildung beneidet uns die ganze Welt. Ihr verdanken wir, dass die Jugendarbeitslosigkeit bei uns viel niedriger ist als in vielen anderen Ländern, sie ist gesunken, während sie anderswo dramatisch steigt. Jetzt werden Sie einwenden, dass trotzdem 60.000 Schüler jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen.

Ja, zum Beispiel.

Das nimmt niemand auf die leichte Schulter. Viele der Schulabbrecher haben Migrationshintergrund. Die verpflichtenden Sprachkurse vor der Schule erleichtern den Kindern das Lernen. Wir wollen flächendeckend Hausaufgabenbetreuung für die Kinder haben, um nur einige der Maßnahmen zu nennen. Den Kindern helfen keine großen Debatten, sondern ein Erwachsener, der sie nach der Schule an die Hand nimmt und zum Beispiel ihre Hausaufgaben durchsieht.

Einverstanden, trotzdem die Frage: Warum so viel Geld für Studenten, die meist aus der gutsituierten Mittelschicht kommen? Warum so wenig für Babys aus der Unterschicht?

Die Vernachlässigung der Hochschulen hilft den Babys wenig. Wir brauchen ein Bildungssystem, das beides leistet: ein gutes Bildungsniveau in der Breite und die Förderung von Spitzenleistungen. Die Bildungsökonomen wissen, das sind die zentralen Einflussfaktoren für ökonomisches Wachstum.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen am meisten gedient ist, wenn sie vom ersten Lebensjahr an staatlich gefördert werden. Da sehe ich wenig.

Staatliche Förderung heißt für uns, die Eltern zu stärken. Familienbildung und der Ausbau von Krippenplätzen gehen voran. Jedes dritte Kind soll langfristig einen Platz bekommen.

Nichts gegen das Krippenprogramm. Aber im Moment werden die knappen Plätze doch unter den Kindern der Mittelschicht verteilt. Kinder unter drei Jahren aus schwierigen Familien bekommen die Plätze zumindest nicht.

Wir bauen die Zahl der Krippen gerade aus und haben einen Rechtsanspruch beschlossen. In der Bildungspolitik setzen wir auf Maßnahmen für mehr Bildungsgerechtigkeit und frühkindliche Bildung . . .

. . . vorausgesetzt, die Länder mit ihren klammen Haushalten ziehen noch mit.

Ja, aber das ist so im Gesetz festgeschrieben, und das Engagement der Länder ist groß. Außerdem wollen wir Eltern darin unterstützen, ihre Kinder stark zu machen. Die Institutionen der Familienbildung sollten sich auf schwierige Familien konzentrieren. Die meisten Eltern wollen ja für die Kinder da sein, sie brauchen aber Hilfe dabei.

Könnte es sein, dass sich die Union mit der Förderung der frühkindlichen Bildung so schwer tut, weil das nicht zum konservativen Familienbild passt?

Die Wahlfreiheit der Frau zwischen Beruf und Familie steht seit 20 Jahren im CDU-Programm. Wir haben viel debattiert, das stimmt. Wir sind davon überzeugt, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Dabei muss die Politik kluge Impulse setzen, sich an die Seite der Eltern stellen, aber nicht ihre Stelle einnehmen.

Ihre Schwesterpartei, die CSU, will eine Prämie durchsetzen für Familien, die ihre Kinder nicht in eine Krippe geben – die „Herdprämie“. Damit bleiben die Kinder der schwierigen Familien zu Hause, und die Mittelschicht hat die Krippen für sich ganz alleine.

Aus dem Betreuungsgeld – wie es richtig heißt – muss ein Bildungsgeld werden, das Eltern motiviert, das staatliche Geld in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Das ist mein Vorschlag.

Was macht Sie so sicher, dass die Eltern das staatliche Geld nicht in Handys, Schnaps oder Pay-TV investieren?

Wer so redet, der gewinnt Eltern nicht für Bildung.

Wäre es nicht sinnvoll, effizient und gerecht, wenn die Kinder aus den verschiedenen Schichten in einer Schule möglichst lange zusammen lernten?

Es gibt eine Debatte, die uns in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nicht weitergebracht hat. Das ist die unselige Debatte über die Schulstruktur. Sollen wir dreigliedrige Systeme mit Gymnasium, Real- und Hauptschule haben, oder sollen wir zusätzlich oder als Ersatz eine Gesamtschule einführen? Die große Schmach der Länder mit sozialdemokratisch geprägten Schulsystemen war doch, dass die Gesamtschulen im Pisa-Test nicht besser abschnitten und im Gegenteil soziale Unterschiede zementierten. Ich kämpfe diese Schlachten nicht mehr, zumal die Demographie das Thema erledigt.

Wie meinen Sie das?

Bildungsreform heißt heute: Reform der Inhalte und der Lernkultur. Die Länder werden sich bei sinkenden Schülerzahlen nicht mehr vier Schulformen nebeneinander leisten können. Internationale Anerkennung erfahren die Gymnasien und die Schulen, die in die duale Berufsausbildung einmünden. Vermutlich werden wir bei zwei Schulformen landen, aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtiger sind die Inhalte, die jedem Fach vermittelt werden, und die Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Zeigt der aktuelle Streit um Gemeinschaftsschulen in Hamburg und Nordrhein-Westfalen nicht, dass die Mittelschicht ihre Kinder gar nicht mit den Unterschicht-Kindern beschulen lassen will?

Ich kenne das Argument und halte es für ein schräges Klischee. Gerade die Mittelschicht weiß sehr genau, welchen Stellenwert gelungene Integration hat. Richtig ist aber auch, dass jeder, der Bildungssysteme verändert, keine Gruppe überfordern darf. Ich halte nichts davon, gesellschaftliche Gruppen auseinanderzudividieren. Sie sind aufeinander angewiesen.

Stimmt das wirklich? Ein Teil der gehobenen Mittelschicht hat doch für ihre Kinder längst Karrieren im Ausland ins Auge gefasst und schickt sie auf internationale Privatschulen.

Dennoch sind die, die hier leben, darauf angewiesen, dass die Gesellschaft zusammenhält und die Sozialsysteme nicht wegen schlechter Integration zusammenbrechen. Es bringt nichts, der einen Gruppe Vernachlässigung der Kinder und der anderen Egoismus vorzuwerfen. Es ist Aufgabe der Eliten, den Zusammenhalt zu fördern.

Gleichzeitig gibt es einen gesellschaftlichen Verteilungskampf um den Bildungseuro. Und die Mittelschicht scheint darin gut aufgestellt zu sein. Das Bafög steigt, die Studiengebühren werden zum Teil wieder abgeschafft und die Stipendien-Programme werden mit Steuergeld ausgebaut.

Die Stipendien-Programme helfen gerade den begabten Aufsteigern aus ärmeren Familien. Das ist übrigens auch ihr programmatisches Ziel. Bafög hilft jungen Menschen, sich in ein Studium zutrauen, das sie sonst aus finanziellen Gründen nicht gewagt hätten. Und Studiengebühren sind gerecht, weil Investitionen in die eigene Ausbildung schließlich in aller Regel zu einer erfolgreichen Erwerbsbiographie führen. Ich bin dezidiert gegen ihre Abschaffung.

Ist Ihr Bildungsetat vor Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sicher?

Die zwölf Milliarden, die in dieser Legislaturperiode für Bildung und Forschung zugesagt wurden, stehen. Der Finanzminister sieht das nicht anders als ich.

Und sparen werden Sie gar nichts.

Jedes Ressort spart, zum Beispiel bei Verwaltung und Personal. Und die zwölf Milliarden Euro werden wirksam eingesetzt für mehr Bildungsgerechtigkeit, Integration und starke Forschung. Wir wissen, dass Geld nicht klüger macht. Aber den Weg in die Bildungsrepublik gibt es nicht umsonst. Und von Bildung hängt unser Wohlstand ab.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: F.A.Z.
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