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Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

IG-Metall Großkundgebung Mit Bob Geldof gegen Schwarz-Gelb

05.09.2009 ·  Zum großen Aktionstag der IG Metall kamen Zehntausende ins Frankfurter Fußballstadion. Dort trommelten die Gewerkschafts-Chefs gegen eine schwarz-gelbe Koalition nach der Bundestagswahl. Die Linke sprang auf den Zug auf. Die SPD schaute in die Röhre.

Von Melanie Amann und Kristina Staab
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Noch bevor die Gewerkschafter ihre eigenen Leute hören, hören und sehen sie die Linkspartei. Wer an diesem Samstag in die Commerzbank-Arena will, kommt an den Aktivisten der Linken nicht vorbei. Sie warten im Wäldchen vor dem Stadion, an den Drehkreuzen, an den Eingängen zum Stadion. Vor der Kolonne ihrer Kleinbusse wehen Fahnen, zu dröhnender Musik wedeln sie mit Flugblättern: „Für Gleichberechtigung!“, „Für einen sozialen Staat!“

Eigentlich war sie gar nicht eingeladen zu diesem Aktionstag, die Linke. Parteien standen nicht auf der Gästeliste der IG Metall für das politische Großereignis des Jahres in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Auch nicht die SPD.

Der bekennende Sozialdemokrat Berthold Huber will als Gewerkschaftschef seine Leute an die Wahlurnen treiben. Für wen, sagt er nicht. Keine Wahlprüfsteine, keine Wahlempfehlung, darauf haben sich alle DGB-Gewerkschaften schon vor Wochen geeinigt. Jede Annäherung an die SPD würde die Einigkeit der Gewerkschaft gefährden. Zu gut weiß Huber, wie gespalten seine Mannen sind. Die Gründung der Linkspartei wurde schließlich maßgeblich von Metallern vorangetrieben. Unter den Funktionären der IG Metall findet die Linkspartei ihre Kernwähler. Jeder Dritte von ihnen sympathisiere mit Lafontaine, schätzt ein Vertrauensmann aus Stuttgart.

In diesem Lager wird Huber argwöhnisch beobachtet, nie würden sie ihm verzeihen, zur Agenda-SPD verführt zu werden. Schon die Tatsache, dass er sich mit Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier publikumswirksam zum „Autogipfel“ trifft, wird ihm verübelt. Huber ist also gewarnt.

Nur einen für Sozialdemokraten wohlwollenden Satz schmuggelt er in seine Rede: „Ich begrüße ausdrücklich Pläne und Vorschläge des SPD-Kanzlerkandidaten, mit Investitionen in Umwelt, Verkehr und Bildung bis zu vier Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen.“

Werbung für die SPD ist in der Gewerkschaft derzeit heikel

Klaus Ernst unten in der Arena hört seinem Vorsitzenden genau zu. Der IG-Metall-Bevollmächtigte in Schweinfurt gehört zu den Gründern der Linken, die SPD warf ihn für seine Alleingänge damals aus der Partei. Ernst ist mit 1500 Kollegen aus Schweinfurt angereist. „Huber weiß, dass Werbung für die SPD der Gewerkschaft nicht zuzumuten wäre“, warnte er vor der Sause. „Ich habe ihn auch extra vorher gefragt, ob da etwas im Busch ist, ob vielleicht ein SPD-Redner geplant ist. Das hätte einen Skandal gegeben.“

Der Eklat bleibt am Samstag aus. Gewerkschafter klatschen, pfeifen, trommeln und trampeln für sichere Jobs, Mindestlöhne, schlagkräftige Betriebsräte und mehr Kündigungsschutz - das „gute Leben“ eben, wie die IG Metall es sich vorstellt. Mehr als 50 000 Zuschauer passen in die Commerzbank-Arena, die IG Metall verfrachtete nach eigenen Angaben 45 000 Anhänger hinein. Zum Vergleich: Der Dalai Lama brachte es an einem Tag nur auf 15 000. Von Sozialdemokraten fehlt an diesem Samstag jede Spur. Keine Fahne, kein Flugblatt, keine Musik. Ein paar Portionen rotes Wassereis haben die Jusos am Morgen auf der Jugend-Kundgebung verteilt. „Doch, Andrea Nahles müsste da sein“, beteuert ein SPD-Sprecher. Von Ständen wisse er nicht, aber es sei ja auch ein Gewerkschaftstermin. Umso mehr freut sich Achim Kessler von der Linkspartei in Hessen. „Zehntausende Leute demonstrieren für unsere Themen, das hat schon was. Das Event ist genau auf unserer Linie.“

Für Gewerkschaftschef Berthold Huber ist das Treffen seiner Leute „eine der größten Wahlveranstaltungen, die das Land je gesehen hat“. Herzhaft wettert er gegen den „Shareholder-Value-Kapitalismus der FDP“, gegen die kuchenbackende Kanzlerin und den jungen Baron im Bundeswirtschaftsministerium und gegen die Krisengewinnler in den Banken.

So reden in diesen Tagen viele, nicht nur auf der Linken. Dazu muss man nicht nach Frankfurt fahren. Manches IG-Metall-Mitglied berichtet, wie schwer es gewesen sei, die Kollegen zu motivieren für den Polit-Trip. Statt einer ausverkauften Arena, wie es vorher geheißen hatte, bleibt mancher Platz leer. Ein paar Statements von weitgehend unbekannten Metallern, eine lange Huber-Rede und das Ganze garniert mit Bob Geldof und Samy Deluxe - das lockt nicht alle Gewerkschafter hinter dem Ofen hervor.

Der Wunsch nach Orientierung

Aus Wolfgang Kahles Betrieb ist kaum jemand in den Sonderzug gestiegen. Es ist nicht leicht, die Kollegen zu motivieren, wenn der Sonderzug mitten in der Nacht um 1.30 Uhr aus Hamburg nach Frankfurt fährt. „Für ein paar Reden in Frankfurt das Wochenende drangeben, das wollen eben nicht alle“, sagt Kahle. „Die sehen die Symbolik nicht.“ Kahle, 57 Jahre alt, ist in der IG Metall, seit er arbeitet. Immer hat er ein paar selbstgemalte Flyer parat, auf denen dumme Schafe zur Schlachtbank geführt werden, wenn die Schafe mit IG-Metall-Abzeichen ihnen nicht rechtzeitig vor die wolligen Schienbeine treten. Kahle ist Vertrauenskörperleiter der IG Metall im Bezirk Unterelbe, und er hätte sich eine ausdrückliche Wahlempfehlung der IG Metall gewünscht. „Die Gewerkschaft muss doch eine Orientierung bieten.“ Was nützt das gute Leben, wenn keiner weiß, wie man hinkommt. Er sieht seine Partei noch stark mit der SPD verbunden - „aber das sehen bei uns wahrhaftig nicht alle so“.

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