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IG Metall Die Acht-Prozent-Falle

17.10.2008 ·  Es sollte das Jahr der IG Metall werden, so hatten sie es geplant in der Gewerkschaftszentrale am Frankfurter Mainufer. Die IG Metall will eine satte Lohnerhöhung von acht Prozent. Doch jetzt stellt die Finanzkrise das Projekt in den Schatten.

Von Henrike Roßbach
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Es sollte das Jahr der IG Metall werden, so hatten sie es geplant in der Gewerkschaftszentrale am Frankfurter Mainufer. Hocherhobenen Hauptes, den Aufschwung im Rücken sollte für die Beschäftigten so viel herausgeholt werden wie lange nicht mehr. Doch dann kam die Finanzkrise und teilte die Welt in ein Vorher und ein Nachher.

Vorher war, als ein paar Amerikaner um ihr Häuschen bangen mussten. Nachher ist jetzt. Nach dem Fall Hypo Real Estate. Nach der Beteuerung der Kanzlerin, die Spareinlagen der Deutschen seien sicher; eine Garantie, von der vor Monaten niemand geahnt hätte, das sie einmal ausgesprochen werden müsste. Die IG Metall sitzt auf der höchsten Forderung seit 16 Jahren, während draußen der Sturm tobt. Gemütlich ist das nicht.

Dabei ließ es sich gut an. IG-Metall-Chef Berthold Huber hatte die Maxime „Mehr Mitglieder“ ausgegeben. Die Mittel: Nähe zur Basis und hohe Tarifabschlüsse. Im Februar setzten die Beschäftigten in der Stahlindustrie ein erstes Ausrufezeichen und erkämpften 5,2 Prozent mehr Geld. Schon früh ließen die Metaller durchblicken, dass sie auch in den Tarifverhandlungen für die 3,5 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie keine Bescheidenheit üben würden.

Anfeuerungsrufe kamen aus Berlin, wo einige fanden, nun müssten die Beschäftigten ihre Extraportion Aufschwung bekommen. In dieser erwartungsschwangeren Stimmung sickerten im Sommer die ersten Zahlen durch. Von 9,5, gar 10 Prozent war hier und da die Rede. Huber selbst verkündete, sie würden auf jeden Fall mehr fordern als die 6,5 Prozent des Vorjahres. Die Arbeitgeber hatten zu diesem Zeitpunkt schon begonnen, auf sinkende Aufträge hinzuweisen. Sie würden sich arm rechnen, hieß es.

Was tun, wenn 2,3 Millionen Mitglieder die roten Fahnen schon bereitgelegt haben?

Wie schwarz die Welt wirklich ist oder sein wird, kann heute niemand sagen. Aber dass sie düsterer ist als zu Jahresbeginn, werden die wenigsten bestreiten. Am Freitag erst teilte Gesamtmetall mit, dass im August der Beschäftigungsaufbau zum Stillstand gekommen sei. Zum ersten Mal seit 27 Monaten. Wie geht eine Gewerkschaft damit um? Was tun, wenn 2,3 Millionen Mitglieder die roten Fahnen schon bereitgelegt haben? Leugnen? Schmollen? Umdenken? Zwar hat Huber angedeutet, man könne ja über längere Laufzeiten reden. Von der Acht aber will er nicht lassen. Noch.

Oliver Burkhard gilt als großes Talent der IG Metall. Seit Anfang des Jahres leitet er den Bezirk Nordrhein-Westfalen. Mit 36 Jahren. Der Stahlabschluss war sein erster Erfolg im Amt, doch nun liegt eine ungleich schwierigere Aufgabe vor dem studierten Betriebswirt, der so gar nicht dem Klischee des polternden Gewerkschafters entspricht. „Selbstverständlich gibt es einfachere Zeiten für Tarifverhandlungen“, sagt Burkhard, „da mache ich aus meinem Herzen keine Mördergrube.“

Natürlich setzten sie sich mit der Krise auseinander, sie sei ernst, und keiner sei frei von Fragen, „bei all den Nullen, die da versenkt wurden“. Dann aber schaltet er sofort um. Er bezweifle, dass jetzt wirklich alles zusammenbreche. „Beim besten Willen: Man kann doch die Finanzmarktkrise nicht als Referenz für die Metall- und Elektroindustrie nehmen.“ Deren Struktur sei selten so robust gewesen wie jetzt. „Unsere Leute haben immer reale Werte und reale Produkte geschaffen. Und der Kraftprotz Metall- und Elektroindustrie ist nicht auf einmal zum schwindsüchtigen Zwerg geworden.“

Ruhe bewahren heißt, weiter die 8 Prozent vor sich herzutragen

Auch wenn es nicht mehr so steil bergauf gehe wie bisher, sei man nicht im tiefen Tal. Wenn sie heute ihre Mitglieder noch einmal zur Forderung befragen würden – Burkhard glaubt, das Ergebnis sähe nicht anders aus. Es sei zwar die höchste Forderung seit 16 Jahren, die Unternehmen machten jedoch auch die höchsten Gewinne der vergangenen 30 Jahre. Burkhard will diese Verhältnisse wieder etwas geradegerückt sehen. „Wir müssen alle miteinander Ruhe bewahren und Vertrauen schaffen“, sagt er.

Ruhe bewahren, das bedeutet für die IG Metall offenbar vor allem, weiter treuherzig ihre 8 Prozent vor sich herzutragen. Armin Schild, Leiter des Bezirks Frankfurt, zu dem Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und das Saarland gehören, geht sogar in die Offensive: „Wenn die Forderung gestern richtig war, dann ist sie heute richtiger“, sagt er, der zu den Traditionalisten in der IG Metall zählt. Alles andere sei ein Reflex aus jenem Arsenal, „das uns das Unglück beschert hat“.

Schild ist selten um eine Formulierung verlegen, die sich auch vor einem Werkstor gut machen würde. „Es wird von den Beschäftigten abgelehnt, die Zeche für amerikanische Jungmillionäre zu zahlen“, sagt er. Und: Man dürfe die Menschen nicht bloß zu Gläubigern eines bankrotten neoliberalen Systems machen. Dann holt er das bei vielen immer noch beliebte Kaufkraftargument hervor, auch wenn das in einer offenen Volkswirtschaft wie der deutschen kaum zieht: Der kreditfinanzierte amerikanische Käufermarkt sei in Mitleidenschaft gezogen worden, sagt Schild, worunter vor allem die exportorientierten Unternehmen litten. „Wenn dann in Europa die Löhne noch weniger steigen als die Inflation, entziehen wir noch mehr Kaufkraft.“

„Für die Wettbewerbsfähigkeit eines Opel Corsa spielen die 8 Prozent keine Rolle“

Den Unternehmen wirft Schild vor, im Feuer der Finanzmarktkrise ihr eigenes Süppchen zu kochen. An allem, was schiefläuft, sei auf einmal die Krise schuld. Aber: „Für die Wettbewerbsfähigkeit eines Opel Corsa spielen die 8 Prozent keine Rolle.“ Schild warnt vor zu viel Pessimismus. Der Maschinenbau-Mittelstand etwa sei am wenigsten betroffen. Hartmut Meine, Schilds Amtskollege aus dem Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, springt bei. Er sagt, er sehe relativ wenige Auswirkungen auf die reale Metall- und Elektroindustrie in seinem Bezirk, insbesondere nach dem Rettungspaket. Aus dem Maschinenbau und den Gießereien gebe es positivste Rückmeldungen von den Betriebsräten. „Die Acht wird nirgendwo in Frage gestellt.“ Und selbst wenn der Maschinenbau stagniere, geschehe das auf höchstem Niveau.

Die Arbeitgeber sehen das naturgemäß anders. „Der IG Metall bleibt nichts anderes übrig, als ,alles prima‘ zu sagen, sie will ja 8 Prozent“, sagt Horst-Werner Maier-Hunke, Präsident des Arbeitgeberverbandes Metall NRW. Es gebe jedoch Segmente in der Branche, da reichten die Aufträge eben nicht bis weit ins kommende Jahr hinein, sondern nur noch für sechs bis acht Wochen. „Wir sind eine Exportindustrie“, sagt er, und im Ausland gebe es Probleme. Wie stark die Gewinne im kommenden Jahr schrumpfen werden, wagt er nicht vorherzusagen. Nur eines weiß er: „Steigende Preise durchzusetzen ist in der Krise nicht denkbar.“ Die 8 Prozent bezeichnet er als ein Bauchgefühl aus dem Frühjahr, eine Forderung aus einer anderen Zeit. „Die IG Metall weiß sicher, wie die Auftragslage ist. Die Frage ist nur, ob sie es auch schon verarbeitet hat.“

Das Wüten der Finanzkrise hat die Tarifparteien nicht zusammenrücken lassen

Seit das böse Wort von der Kreditklemme in der Welt ist, sind auch Firmen nervös, die gefühlte Lichtjahre entfernt sind von Optionen und Verbriefungen. IG-Metaller Burkhard glaubt allerdings, dass die Banken gerade jetzt solide Kunden im Mittelstand neu entdecken würden. Es werde eine Renaissance der Mittelstandsfinanzierung geben, prophezeiht er. Maier-Hunke rechnet zwar auch nicht damit, dass die Banken die Kreditvergabe einstellen werden. „Aber neue Engagements werden schwieriger.“ Die Banken prüften länger. „Die Finanzierung kommt einen Monat später oder wird sogar abgelehnt.“ Zwar habe der Mittelstand seine Eigenkapitalbasis verbessert. Unabhängig von den Banken sei er trotzdem nicht.

Das Wüten der Finanzkrise hat die Tarifparteien nicht zusammenrücken lassen; von krisenbedingter Solidarität keine Spur. Doch hinter den Türen der Verhandlungssäle geht es anders zu, als die öffentlichen Posen vermuten lassen. Konstruktiver. Nüchterner. Burkhard etwa, ganz Pragmatiker, sieht Arbeitgeber und Gewerkschaft trotz allen Getöses auf dem Weg zu einer Lösung. „Ich brauche kein Feindbild, damit mein Tag strukturiert ist“, sagt er schlicht. „Wir brauchen ein Ergebnis, und ich sehe uns nicht bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüberstehen.“ Maier-Hunke, dem Burkhard in den nordrhein-westfälischen Verhandlungen gegenübersitzt, will den Eindruck vermeiden, die Arbeitgeber spielten auf Zeit. Von einem taktischen Vorteil mag er nicht sprechen, lieber davon, dass die Unternehmen Sicherheit verlangten.

„Die Gewerkschaft hat sich in eine schwierige Lage gebracht“

Auch Jan Stefan Roell, Vorsitzender von Südwestmetall, und Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, gelten als erfahrene, lösungsorientierte Verhandler. Gerade erst haben sie den erbitterten Streit um die Altersteilzeit beigelegt. Nun sitzen sie wieder an einem Tisch, und wie immer traut man dem mächtigen Südwesten den Pilotabschluss zu.

Hofmann spricht von Nachholbedarf für dieses Jahr, weil es ein besseres sei, als die zweite Stufe der 2007 ausgehandelten Tariferhöhung, die im Juni mit 1,7 Prozent fällig wurde, es abbilde. Für 2008 argumentierten sie entlang von Produktivitätsentwicklung und Teuerung, sagt Hofmann. Zudem habe es eine massive Umverteilung zugunsten steigender Renditen gegeben, da sähen sie Umverteilungsbedarf. „Es kann nicht sein, dass wir als Steuerzahler ins Obligo treten und jetzt auch noch in die Lohnzurückhaltung gedrängt werden. Das ist die Gefechtslage in den Betrieben.“

Sein Konterpart, Roell, bemüht sich um ein realistisches Bild. Dieses Jahr, sagt er, werde noch ein gutes. Allerdings gebe es teilweise schon dramatisch weniger Aufträge. „2009 wird signifikant schlechter.“ Die Finanzkrise, sagt Roell, käme noch „on top“. Das sich große Projekte verzögerten, merkten sie überall. „Die Gewerkschaft“, findet er, „hat sich in eine ganz schwierige Lage gebracht.“ Viel zu früh sei festgelegt worden, dass die Forderung höher als 2007 sein werde.

Roell versteht aber auch, dass die Gewerkschaft nicht so leicht heraus kann aus der Acht-Prozent-Falle: „Die IG Metall ist eine Kampforganisation, die braucht klare Worte, da kann man die Argumentation nicht einfach umdrehen.“ Die Positionen seien „so dramatisch unterschiedlich wie in den letzten Jahren nicht mehr“. Aus Erfahrung weiß er aber, dass es Wege gibt. Auf der Suche nach ihnen wird den Verhandlungsführern das Tosen der Krise in den Ohren klingen.

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Jahrgang 1979, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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