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Veröffentlicht: 03.01.2015, 12:45 Uhr

Ifo-Chef Sinn Ökonomische Effekte der Migration

Wie die Einwanderung nach Deutschland derzeit läuft, läuft sie falsch und ist ein großes Verlustgeschäft. Wir brauchen endlich eine ideologiefreie und nicht vom Streben nach politischer Korrektheit getriebene Debatte über die Migration.

von Hans-Werner Sinn
© Wolfgang Eilmes Hans-Werner Sinn

Deutschland erlebt derzeit den Migrationssturm, den ich im März 2011 in dieser Zeitung vorausgesagt habe. Immerhin sind allein in diesem Jahr wahrscheinlich netto etwa eine halbe Million Menschen aus dem Ausland zugewandert. Das lässt den Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung Deutschlands, der im Jahr 2012 mit 13,3 Prozent schon deutlich über den entsprechenden Werten der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens oder Italiens lag, noch weiter steigen. In kein anderes Land der Welt außer die Vereinigten Staaten von Amerika wandern derzeit so viele ein wie nach Deutschland.

Die Migranten kommen vor allem aus den südeuropäischen Krisenländern, aus Syrien und aus den exkommunistischen Ländern in Osteuropa, für die kürzlich die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gewährt wurde. Es ist bemerkenswert, dass von den früher nach Westeuropa gewanderten Türken derzeit mehr in ihr Heimatland zurückgehen als von dort kommen. Zusätzlich wandern Deutsche per Saldo aus Deutschland aus, netto etwa 20.000 im Jahr, wovon die meisten in die Schweiz gehen. Dabei dürfte es sich vor allem um besser ausgebildete Menschen handeln.

Deutschland zieht indes nicht gerade die am besten ausgebildeten Immigranten an. Während nach einer OECD-Studie der Anteil der Immigranten mit Hochschulabschluss in Kanada und Großbritannien etwa bei der Hälfte und in den Vereinigten Staaten bei einem Drittel liegt, beträgt er in Deutschland gerade mal ein Fünftel. Wie Italien und Österreich belegt Deutschland im Hinblick auf die Qualifikation der Zuwanderer einen der letzten Plätze der Migrationsstatistik.

Deutschland hat gar keine andere Wahl

Zu den EU-Migranten kommen zunehmend Asylbewerber, die der wirtschaftlichen Krise in den Revolutionsländern Nordafrikas und dem Krieg im Nahen Osten entfliehen wollen. Insgesamt sind dieses Jahr etwa 170.000 Asylbewerber gekommen. Die Bereitschaft der Bevölkerung zur Aufnahme solcher Massen ist begrenzt, wie Pegida und andere Protestbewegungen zeigen. Doch hat Deutschland gar keine andere Wahl, als immer mehr Migranten hereinzulassen, wenn es den eigenen Bevölkerungsschwund auch nur halbwegs ausgleichen will.

Allerdings kann man sich auch nicht gut vorstellen, dass tatsächlich so viele kommen, wie rechnerisch nötig wären, um den Generationenvertrag zu erfüllen, der im umlagefinanzierten Rentensystem angelegt ist. Dazu ist die Verwerfung der deutschen Alterspyramide zu groß. Die Babyboomer, die um das Jahr 1965 geboren wurden, sind nun etwa fünfzig Jahre alt und werden in 15 Jahren ihre Rente von Kindern einfordern, die es nicht gibt. Außerdem werden sie das Geld aus deutschen und ausländischen Staatspapieren zurückfordern. Auch mit der Rückzahlung dieses Geldes wird es hapern.

Selbst wenn man eine Nettoeinwanderung von circa 200.000 jährlich zulässt, wird Deutschland schon in zwei Jahrzehnten, also 2035, wenn der Berg der Babyboomer in Rente ist, circa 7,5 Millionen mehr Rentner (über 65 Jahre) haben als heute, während die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) um circa 8,5 Millionen Personen kleiner sein wird. Wollte man die Relation von Alten und Jungen und damit zugleich das relative Rentenniveau und die Beitragssätze zur Rentenversicherung auf dem heutigen Niveau stabilisieren, würden insgesamt 32 Millionen junge Zuwanderer benötigt, die meisten davon wohl aus außereuropäischen Gebieten. Es ist schwer vorstellbar, dass die deutsche Gesellschaft die dafür nötige Assimilationskraft und Toleranz aufbringt.

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