24.06.2009 · Wie steht die CSU zu Quelle? Während sich Wirtschaftsminister Guttenberg zurückhaltend zu staatlichen Hilfen äußert, lässt sich der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer von den Gewerkschaften als Retter von Quelle feiern.
Von Albert SchäfferBöse Zungen in der CSU stellen bei dem Stichwort „Quelle“ individualpsychologische Betrachtungen an. Die unterschiedlichen Akkorde, die der Parteivorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei den Bemühungen um das insolvente Versandhaus Quelle anschlagen, werden auch damit begründet, dass die dickleibigen Kataloge des Unternehmens sicherlich eine unterschiedliche Rolle bei der Sozialisation der beiden Politiker gespielt habe, wird in der Partei gespöttelt. Der Adelsspross Guttenberg habe einfach eine größere emotionale Distanz zur bunten wohlfeilen Warenwelt als Seehofer, der Sohn eines Lastwagenfahrers und Bauarbeiter.
Die Wahrheit ist selbstverständlicher ein wenig prosaischer: Seehofer muss weit mehr als Guttenberg den 27. September, den Tag der Bundestagswahl, im Blick halten. Guttenberg (Jahrgang 1971) hat eine weite zeitliche Perspektive vor sich; sollte sich die Union nach der Bundestagswahl auf den Oppositionsbänken wiederfinden, könnte er in Partei- und Fraktionsämtern diese Dürreperiode überstehen.
Anders sieht es bei Seehofer (Jahrgang 1949) aus: Der Erfolg der CSU bei der Europawahl hat zwar seine Stellung in der Partei gefestigt – entscheidend wird aber das Abschneiden der Partei bei der Bundestagswahl sein. Dann wird sich zeigen, ob Seehofer in eine Reihe mit den Parteiheroen Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Edmund Stoiber rücken kann; alles andere vertrüge sich schlecht mit seinem Anspruch und seinem Ehrgeiz.
Nur naive Gemüter kann deshalb das Taktieren Seehofers im Insolvenzfall Quelle überraschen. Seehofer muss, will er die CSU über die Fünfzig-Prozent-Marke führen, darauf bedacht sein, eine Politik des Sowohl-Als-Auch zu verfolgen; er muss die CSU so positionieren, dass sich bei ihr möglichst alle ökonomischen Konfessionen, von den Staatsgläubigen bis zu marktwirtschaftlichen Puristen, heimisch fühlen.
Der mehrstimmige Chor, der aus der CSU zu Quelle zu vernehmen ist – mit Guttenberg, der sich zurückhaltend zu staatlichen Hilfen äußert, und Seehofer, der sich von den Gewerkschaften als Retter von Quelle feiern lässt –, ist ein kunstvolles Arrangement. Denn die bayerischen Wähler, die nicht ihr politisches Glück darin sehen, als Steuerzahler den Quelle-Katalog zu finanzieren, sollen möglichst nicht in Versuchung geführt werden, am 27. statt Seehofer die FDP zu wählen: Sie sollen fest auf Guttenberg blicken. Andere, die die vertrauten Melodien von der Politik als Retter von Arbeitsplätzen als Fülle des Wohllauts empfinden, können Seehofer lauschen. Dass in der vergangenen Woche im Dramolett „Horst rettet den Quelle-Katalog“ der Vorhang schon einmal gefallen schien, viele Fragen aber in Wahrheit noch offen waren, stimmt CSU-Strategen nicht verdrießlich. Für sie ist entscheidend, dass Seehofer in den abendlichen regionalen Nachrichtensendungen als Politiker präsent war, den die Zukunft des Fürther Versandhauses umtrieb.
Seehofer wolle die Bundestagswahl und nicht den Ludwig-Erhard-Preis gewinnen, lautet ein gut gelauntes Fazit in der CSU. Und zufrieden wird auch registriert, mit welcher Meisterschaft der Vormann der Partei das große Spiel des Populismus betreibt. Seehofer beherrscht wie wenig andere Politiker die Kunst, sich in Nebensätzen Fluchtmöglichkeiten offenzuhalten. Sollte das Geld des Steuerzahlers bei Quelle nicht die erhoffte Wirkung zeigen, wird es ihm nicht schwer fallen, zu sagen, er habe frühzeitig darauf verwiesen, wie schwierig die Sanierung des Versandhauses sei. Und er wird dann mit Blick auf Guttenberg nur zu gerne wieder die Possessivpronomina bemühen und rühmen, wie sehr sich der marktwirtschaftliche Kurs „seines“ Bundeswirtschaftsministers bewähre. „Die Wahrheit liegt in der Wahlurne“, lautet einer der Sätze, die Seehofer immer wieder gerne zitiert – wer ihn verstanden hat, muss nicht groß rätseln, was den Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden an- und umtreibt.
| Name | Kurs | Prozent |
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