27.05.2008 · Öl ist so teuer wie nie, und jetzt ziehen auch die Gasanbieter nach. Bis zu 100 Versorger dürften demnächst ihre Preise erhöhen. Jetzt gehen Verbraucherschützer und Politiker auf die Barrikaden. Sogar von einem Gasboykott ist die Rede.
Von Nadine Bös und Holger SchmidtVerbraucherschützer haben sich kritisch zu den angekündigten abermaligen Gaspreiserhöhungen geäußert. „Zwar steigen die Energiepreise weltweit und dagegen kann man auch wenig tun“, sagte Energiefachmann Peter Blenkers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zu FAZ.NET. „Unter Umständen machen aber einige Versorger immer noch Zusatzprofite.“ Für den Verbraucher sei das sehr problematisch. „Immer mehr Haushalte gerieten in finanzielle Nöte.“
„Gaskunden müssen sich nicht alles gefallen lassen“, sagte Blenkers. Die Verbraucher hätten mehrere Möglichkeiten, sich gegen hohe Preise zu wehren. Eine davon sei, „die Preiserhöhung zu verweigern, einfach den alten Preis weiterzuzahlen und das vor Gericht mit Unbilligkeit zu begründen“. Ein solcher Boykott sei möglich, indem sich der Kunde auf Paragraf 315 des Bürgerlichen Gesetzbuches berufe.
Preisunterschiede von bis zu 40 Prozent
Andere Auswege seinen ein Wechsel zu Pelletheizungen oder Wärme aus Solarenergie oder auch der Wechsel des Anbieters. „Allerdings sind beim Anbieterwechsel die Möglichkeiten begrenzt“, sagte Blenkers. Er forderte die Politik auf, auch bei den großen Ferngasnetzen eine Trennung von Vertrieb und Beschaffung vorzunehmen. Es seien schon einige Maßnahmen ins Rollen gebracht worden, diese reichten aber noch nicht völlig aus, sagte der Fachmann.
Öl ist so teuer wie nie, und jetzt ziehen auch die Gasanbieter nach. Bis zu 100 Versorger dürften demnächst ihre Preise erhöhen. Jetzt gehen Verbraucherschützer und Politiker auf die Barrikaden. Sogar von einem Gasboykott ist die Rede.
Andere Verbraucherschützer kritisierten einen mangelhaften Wettbewerb in der Branche. Die Netzentgelte bewegten sich teilweise auf einem zu hohen Niveau. Preisunterschiede von bis zu 40 Prozent in Deutschland seien nicht gerechtfertigt. „Hier werden überteuerte Preise verlangt“, hieß es. Tatsächlich müssen die deutschen Gasverbraucher erneut mit Preisanhebungen auf breiter Front rechnen. „Rund 100 deutsche Versorger werden im Juni oder Juli die Preise um durchschnittlich 7,8 Prozent erhöhen“, sagte Dagmar Ginzel vom Verbraucherportal Verivox.
Besonders kräftig schlägt die Rheinenergie AG in Köln auf: 17 Prozent mehr müssen deren Kunden zahlen. Auch die Stadtwerke in Kassel und Aachen heben ihre Preise mit 15 Prozent stark an. „Nach Januar, März und Mai ist dies bereits die vierte Preisrunde in diesem Jahr. Die vom Energiekonzern und Gasgroßhändler Eon geplanten Erhöhungen bis zu 25 Prozent und die gestiegenen Ölpreise werden in den kommenden Monaten für weiter drastisch steigende Gaspreise in Deutschland sorgen“, schätzt Thomas Stollberger von Verivox.
Bis zu 600 Euro jährlich sparen
Auch das Verbraucherportal Toptarif berichtet über steigende Gaspreise im Juni und Juli. Dort ist von mehr als 70 Versorgern die Rede, die ihre Preise anheben wollen. Tarif-Fachmann Thorsten Bohg verwies auf die Möglichkeit, zu billigeren Anbietern zu wechseln: „Zum Glück ist bei Strom und Gas niemand mehr abhängig von seinem lokalen Versorgern, wie beispielsweise bei Wasser oder Müllentsorgung“, sagte er. Gegen die immer weiter steigenden Gaspreise könne man sich durch einen Anbieterwechsel zur Wehr setzen und „so bis zu 600 Euro jährlich sparen“.
Der größte deutsche Energiekonzern Eon sieht bei den Gaspreisen kein Ende der Aufwärtsbewegung. Eon-Ruhrgas-Chef Bernhard Reutersberg verwies am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz in Essen auf den drastisch gestiegenen Ölpreis, an den der Gaspreis gebunden ist. „Wir beobachten die Entwicklung mit Sorge, können uns aber nicht von ihr abkoppeln“, sagte Reutersberg. Die Gasbeschaffungspreise des Konzerns seien bereits stärker gestiegen als die eigenen Verkaufspreise. „Nachdem wir unsere Gaslieferpreise an weiterverteilende Kunden im vergangenen Jahr mehrfach senken konnten, werden sie sich jetzt wieder erhöhen.“
Eon Ruhrgas ist der größte deutsche Erdgasimporteur und beliefert Weiterverteiler wie Stadtwerke und eigene Versorger. Konkrete Zahlen über die Entwicklung seiner Preise nennt der Konzern nicht. Reutersberg hat jedoch Berichte über eine Erhöhung der Gaspreise um bis zu 25 Prozent zurückgewiesen. „Das ist deutlich zu hoch“, sagte er am Dienstag in Essen.
SPD fordert soziale Staffelung
Der Ölpreis hatte sich innerhalb der vergangenen zwölf Monate auf mehr als 130 Dollar je Fass verdoppelt und könnte nach Einschätzung der Investmentbank Goldman Sachs in den kommenden Monaten sogar 200 Dollar erreichen. Der Gaspreis reagiert mit etwa sechs Monaten Verzögerung darauf.
Energiepolitiker der SPD-Bundestagsfraktion bereiten unterdessen einen Gesetzentwurf vor, mit dem Versorger zur sozialen Staffelung ihrer Strom- und Gaspreise gezwungen werden sollen, wie das Büro des stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzenden Ulrich Kelber auf Anfrage von FAZ.NET bestätigte. Noch im Juni sollen demnach in der Arbeitsgruppe Energie entsprechende Eckpunkte beschlossen werden. Im Kern soll es darum gehen, Energieversorger dazu zu verpflichten, beispielsweise die ersten 500 Kilowattstunden Strom pro Kopf „deutlich günstiger“ als zum Durchschnittspreis anzubieten.
Der FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle forderte das Ende der traditionellen Koppelung von Gas- und Ölpreis. „Es gibt keine Begründung mehr für die Preiskoppelung zweier völlig unterschiedlicher Produkte. Genauso gut könnte man die Müllgebühren an den Goldpreis binden“, sagte Brüderle den „Ruhr Nachrichten“. Die Vereinbarung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts sollte das Gas attraktiv machen. „Jetzt macht es Gas unnötig teuer.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3261 | +0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 118,47 $ | +0,48% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 137,93 € | −0,50% |