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Hohe Luftverschmutzung : Dreckige Luft kostet Chinesen das Leben

Forscher haben die Feinstaubbelastung in China erstmals in diesem Umfang analysiert Bild: AFP

Die Luftverschmutzung in China ist enorm. Die Lebenserwartung der Menschen im Norden Chinas ist fünf Jahre geringer als der Südchinesen. Das haben amerikanische Forscher jetzt herausgefunden.

          Vermutlich wegen der massiven Luftverschmutzung lebt die Bevölkerung in Nordchina kürzer als ihre Landsleute im Süden. Für die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts kann eine neue Studie einen Unterschied um mehr als fünf Lebensjahre nachweisen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Rechne man das auf die Gegenwart hoch, so verlören die rund 500 Millionen Nordchinesen in Zukunft 2,5 Milliarden Lebensjahre, heißt es in einer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) veröffentlichten  Untersuchung.  Es gebe Anhaltspunkte dafür, dass die Gefahren vom häufigeren Einsatz der Kohle in Nordchina ausgingen, schreiben die Fachleute. „Wir können jetzt mit mehr Überzeugung sagen, dass es die Lebenserwartung dramatisch verkürzt, wenn man der Umweltverschmutzung längerfristig ausgesetzt ist, vor allem dem Feinstaub“, sagte der federführende MIT-Professor für Umweltwirtschaft, Michael Greenstone, bei der Vorstellung der Ergebnisse. An der Studie waren auch zwei chinesische und ein israelischer Wissenschaftler beteiligt.

          Die Veröffentlichung der Langzeiterhebung trifft in China auf eine aktuelle Diskussion um die Gefahren der hohen Luftbelastung in Metropolen wie Peking. Dort hat der so genannte Luftqualitätsindex Negativrekorde erreicht. Im Januar stieg er auf einen Wert von 1000 Zählern. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt maximal 25. Am Montag zeigte die Skala in Peking bei luftreinigenden Regenfällen einen Stand von 100 an. In Baoding südlich der Hauptstadt wurden aber 640 gemessen.

          Die Autoren der Studie haben für ihre Arbeit die offiziellen chinesischen Luftwerte von 1981 bis 2000 herangezogen sowie die Sterbestatistiken seit 1991. Sie können zeigen, dass die Feinstaubbelastung in Nordchina im Durchschnitt um 55 Prozent über jener im Süden liegt. Gleichzeitig ist auch die Mortalität wegen Herz- und Atemwegserkrankungen signifikant höher, und zwar in allen Altersgruppen. Wenn die Feinstaubbelastung im Durchschnitt um 100 Mikrogramm je Kubikmeter über dem Wert des Südens liege, dann habe ein Neugeborenes im Norden drei Lebensjahre weniger vor sich, heißt es in dem Papier. 

          Als Grenze zwischen Nord- und Südchina haben die Forscher den Huai-Fluss gewählt. Er verläuft zwischen dem Gelben Fluss und dem Jangtse rund 250 Kilometer oberhalb von Schanghai und 950 Kilometer unterhalb von Peking.  Bis etwa 1980 bildete er eine staatlich festgelegter Subventions- und Wetterscheide: Den Norden versorgte die Regierung mit kostenloser Kohle zum Heizen im Winter, den Süden nicht. Bis heute gibt es im Südchina kaum Kohle- oder Gasheizungen, zum Wärmen werden oft Klimaanlagen genutzt.  Die Fachleute haben die Werte unmittelbar diesseits und jenseits des Flusses verglichen, wo die klimatischen, sozialen, wirtschaftlichen und administrativen Bedingungen ansonsten identisch sind. Gasförmige Luftbelastungen wie Schwefeldioxyd und Stickstoffoxyd seien auf beiden Seiten gleich verbreitet, nicht aber die schwerer beweglichen Feinstäube. Das lege einen Zusammenhang mit den Erkrankungen nahe. Die Einwohner seien sehr ortsgebunden, da sie ihren Wohnsitz auf legale Weise nur schwer verlegen könnten. 

          Die Studie ist die bisher umfangreichste ihrer Art. Die 2010 veröffentliche Untersuchung „Global Burden of Disease“ fand heraus, dass in China wegen der Umweltverschmutzung 1,2 Millionen Menschen vorzeitig sterben, fast 40 Prozent der Gesamtzahl auf der Welt. Die Deutsche Bank hat Vorschläge unterbreitet, wie der Durchschnittswert im Luftqualitätsindex auf rund 30 Zähler zu senken sei: Statt um 4 Prozent dürfe der Kohleverbrauch bis 2017 nur um 2,7 Prozent im Jahr steigen. Danach müsse er bis 2030 um 22 Prozent fallen, heißt es in der Bankanalyse. Im gleichen Jahr dürften nur 250 Millionen Autos auf den Straßen unterwegs sein, nicht 400 Millionen wie geplant.  Die Eisenbahnstrecken müssten bis 2020 um 60 Prozent ausgebaut werden, fordert die Bank, die U-Bahnlinien um 400 Prozent. Es gelte, bessere Filtertechniken und reinere Treibstoffe einzusetzen sowie mehr alternative Energien zu nutzen einschließlich der Kernkraft.

          Das Papier verweist als Analogie auf den „Great Smog“ in London von 1952. Neuen Studien zufolge habe die Luftverschmutzung damals 12.000 Menschen das Leben gekostet. Das Bruttopinlandsprodukt je Kopf, die Industriestruktur und die Kohleabhängigkeit Großbritanniens hätten damals in etwa den heutigen Werten in China entsprochen.

          Weil man die Wirtschafts- und Energiestruktur nach dem „Great Smog“ änderte, habe sich die Lage in England normalisiert. Deshalb seien die Empfehlungen an China „sehr simpel“: Nur wenn die Bedeutung der Industrie für die Gesamtwirtschaft abnehme, gehe der Energieverbrauch zurückgehen. Nur wenn der Anteil sauberer Energien signifikant steige, könnten die Emissionen unter Kontrolle gebracht werden.

          Die Autoren der neuen China-Studie legen nahe, dass die Luftbelastung erklären könnte, „weshalb Chinas explosionsartiges Wirtschaftswachstum zu einem relativ blutleeren Wachstum der Lebenserwartung geführt hat“. Sie nennen aber keine Werte.

          Daten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  (OECD) zufolge ist die Lebenserwartung in China mit 74,8 Jahren vergleichsweise hoch für ein Schwellenland. Im OECD-Durchschnitt der Industrieländer sind es 79,7 Jahre. Die Weltbank schreibt, dass die Lebenserwartung die China allein zwischen 1990 und 2008 um 5,1 Jahre auf 73,1 Jahre gestiegen sei. Du Peng, Professor für Gerontologie an der Volksuniversität in Peking, sagte dieser Zeitung, 1950 habe die Lebenserwartung einer chinesischen Frau nur 45 Jahre betragen.

          Quelle: FAZ.NET

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