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Hohe Energiekosten in Deutschland Die Stromabrechnung

 ·  Umweltminister Peter Altmaier soll mit aller Macht die Energiewende retten. Sie wird richtig teuer. Die Bürger sind sauer, die Industrie schlägt Alarm. Doch der Politiker wird die Probleme nicht lösen.

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© Mart Klein, Miriam Migliazzi Vergrößern Mit Spezialauftrag: Umweltminister Peter Altmaier

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat viel Freude an seinem Amt und der Kernaufgabe Energiewende, wenn man seinen Äußerungen im Fernsehen glaubt. Ein normal belastbarer Mensch hätte allerdings die Faxen langsam dicke von all den Widrigkeiten, die das Amt derzeit mitbringt. Die Energiewende, eines der wichtigsten Vorhaben der Bundesregierung, hat ihren Zauber verloren, seit sie auf der Stromrechnung sichtbar wird: Sie ist teuer, das merken die Leute jetzt schon.

Sobald im August die Höhe des neuen Öko-Zuschlags für 2014 berechnet ist, wird es brenzlig. „Wenn der Sommer nicht komplett verregnet wird, dann steigt die Ökostrom-Umlage noch einmal auf deutlich mehr als sechs Cent pro Kilowattstunde“, rechnet EU-Energiekommissar Günther Oettinger vor. Derzeit sind es 5,3 Cent. Gut ein Cent Mehrwertsteuer kommt dann noch hinzu, ergänzt der Schwabe mit CDU-Parteibuch.

„Ein enormer Luxus“

Wenn es im Sommer nicht regnet, liefern die 1,3 Millionen Photovoltaik-Anlagen in Deutschland jede Menge teuren Strom - an sonnigen Tagen bis zu 40 Prozent des Bedarfs. Bezahlt wird er zum großen Teil aus der Ökoenergie-Umlage. Sie steigt jährlich an, weil immer noch ständig neue Windräder und Solarzellen ans deutsche Netz gehen, die subventioniert werden müssen. „Deutschland baut neben der funktionierenden Stromerzeugungs-Struktur eine zweite auf. Das ist ein enormer Luxus“, sagt Dieter Heuskel, Energieexperte der Beratungsfirma Boston Consulting Group.

Altmaier hat deshalb den Spezialauftrag des Kabinetts, den Strompreisanstieg entweder zu verhindern - oder doch wenigstens zu verhüten, dass die Bundesregierung für ihn haftbar gemacht wird. Die neue Stromabrechnung vom August könnte zu einer Katastrophe werden, politisch wie wirtschaftlich. Die Industrie nahm den radikalen Umbau der deutschen Energieerzeugung bislang geduldig hin, in der Hoffnung auf gute Geschäfte. Nun schlägt sie Alarm.

„Gerade in Deutschland explodieren die Kosten für Energie. Wir sollten aufpassen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nicht noch weiter beeinträchtigt wird“, warnt Kurt Bock, Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Nervös werden vor allem die Vertreter der Industriekonzerne, die international konkurrieren müssen. Sie sind nicht nur mit der Energiewende in der Heimat konfrontiert, sondern mit einer zweiten in den Vereinigten Staaten: der Schiefergas-Revolution. Sie sorgt dafür, dass Amerikas Energie dramatisch billiger wird.

Die Preise für Erdgas liegen in Amerika auf einem Drittel bis einem Viertel des deutschen Niveaus. Für die dortige Chemieindustrie kann der Vorteil sogar doppelt wirken: Sie nutzen das billige Gas nicht nur als Energielieferanten, sondern auch als Rohstoff. Die amerikanischen Konkurrenten haben sich dadurch von Importeuren zu Exporteuren gewandelt - dank Investoren, die ihr Geld vor fünf bis zehn Jahren anderswo gelassen hätten. Die Deutschen haben dazu selbst beigetragen, zum Beispiel die BASF mit Engagements in Texas und Louisiana.

Von der ganzen Welt bewundert

Damit wird die zentrale Grundannahme der deutschen Energiewende brüchig, dass Strom aus konventionellen Quellen wie Erdgas oder Kohle zwangsläufig immer teurer wird und den deutschen Ökostrom relativ billiger macht. Jetzt stellt sich heraus: Der Preis für Strom aus Kohle und Gas kann sogar sinken. Das macht die hohen Energiekosten in Deutschland, die umweltpolitisch motiviert sind, ungewollt zu einem negativen Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb.

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