http://www.faz.net/-gqe-7acro
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.06.2013, 16:55 Uhr

Hohe Energiekosten in Deutschland Die Stromabrechnung

Umweltminister Peter Altmaier soll mit aller Macht die Energiewende retten. Sie wird richtig teuer. Die Bürger sind sauer, die Industrie schlägt Alarm. Doch der Politiker wird die Probleme nicht lösen.

von
© Mart Klein, Miriam Migliazzi Mit Spezialauftrag: Umweltminister Peter Altmaier

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat viel Freude an seinem Amt und der Kernaufgabe Energiewende, wenn man seinen Äußerungen im Fernsehen glaubt. Ein normal belastbarer Mensch hätte allerdings die Faxen langsam dicke von all den Widrigkeiten, die das Amt derzeit mitbringt. Die Energiewende, eines der wichtigsten Vorhaben der Bundesregierung, hat ihren Zauber verloren, seit sie auf der Stromrechnung sichtbar wird: Sie ist teuer, das merken die Leute jetzt schon.

Winand von Petersdorff-Campen Folgen:

Sobald im August die Höhe des neuen Öko-Zuschlags für 2014 berechnet ist, wird es brenzlig. „Wenn der Sommer nicht komplett verregnet wird, dann steigt die Ökostrom-Umlage noch einmal auf deutlich mehr als sechs Cent pro Kilowattstunde“, rechnet EU-Energiekommissar Günther Oettinger vor. Derzeit sind es 5,3 Cent. Gut ein Cent Mehrwertsteuer kommt dann noch hinzu, ergänzt der Schwabe mit CDU-Parteibuch.

„Ein enormer Luxus“

Wenn es im Sommer nicht regnet, liefern die 1,3 Millionen Photovoltaik-Anlagen in Deutschland jede Menge teuren Strom - an sonnigen Tagen bis zu 40 Prozent des Bedarfs. Bezahlt wird er zum großen Teil aus der Ökoenergie-Umlage. Sie steigt jährlich an, weil immer noch ständig neue Windräder und Solarzellen ans deutsche Netz gehen, die subventioniert werden müssen. „Deutschland baut neben der funktionierenden Stromerzeugungs-Struktur eine zweite auf. Das ist ein enormer Luxus“, sagt Dieter Heuskel, Energieexperte der Beratungsfirma Boston Consulting Group.

Altmaier hat deshalb den Spezialauftrag des Kabinetts, den Strompreisanstieg entweder zu verhindern - oder doch wenigstens zu verhüten, dass die Bundesregierung für ihn haftbar gemacht wird. Die neue Stromabrechnung vom August könnte zu einer Katastrophe werden, politisch wie wirtschaftlich. Die Industrie nahm den radikalen Umbau der deutschen Energieerzeugung bislang geduldig hin, in der Hoffnung auf gute Geschäfte. Nun schlägt sie Alarm.

Infografik / Hohe Energiekosten in Deutschland © F.A.Z. Vergrößern Entwicklung der Stromkosten eines durchschnittlichen Privathaushalts seit 1998 und Industriestrompreise 2012 im internationalen Vergleich

„Gerade in Deutschland explodieren die Kosten für Energie. Wir sollten aufpassen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nicht noch weiter beeinträchtigt wird“, warnt Kurt Bock, Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Nervös werden vor allem die Vertreter der Industriekonzerne, die international konkurrieren müssen. Sie sind nicht nur mit der Energiewende in der Heimat konfrontiert, sondern mit einer zweiten in den Vereinigten Staaten: der Schiefergas-Revolution. Sie sorgt dafür, dass Amerikas Energie dramatisch billiger wird.

Die Preise für Erdgas liegen in Amerika auf einem Drittel bis einem Viertel des deutschen Niveaus. Für die dortige Chemieindustrie kann der Vorteil sogar doppelt wirken: Sie nutzen das billige Gas nicht nur als Energielieferanten, sondern auch als Rohstoff. Die amerikanischen Konkurrenten haben sich dadurch von Importeuren zu Exporteuren gewandelt - dank Investoren, die ihr Geld vor fünf bis zehn Jahren anderswo gelassen hätten. Die Deutschen haben dazu selbst beigetragen, zum Beispiel die BASF mit Engagements in Texas und Louisiana.

Von der ganzen Welt bewundert

Damit wird die zentrale Grundannahme der deutschen Energiewende brüchig, dass Strom aus konventionellen Quellen wie Erdgas oder Kohle zwangsläufig immer teurer wird und den deutschen Ökostrom relativ billiger macht. Jetzt stellt sich heraus: Der Preis für Strom aus Kohle und Gas kann sogar sinken. Das macht die hohen Energiekosten in Deutschland, die umweltpolitisch motiviert sind, ungewollt zu einem negativen Alleinstellungsmerkmal im globalen Wettbewerb.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gipfel in Sankt Petersburg Putin fordert normale Wirtschaftsbeziehungen

Deutsche Industriekonzerne hoffen nach dem Petersburger Wirtschaftsforum auf neues russisches Interesse an Spitzentechnologie. Wenn da nicht die Sanktionen wären. Mehr Von Benjamin Triebe, Sankt Petersburg

17.06.2016, 15:39 Uhr | Wirtschaft
Energiewende Weniger Förderung für Windräder an Land

Die Bundesregierung will den Ausbau der Windkraft an Land drosseln und Subventionen kürzen. Statt fester Fördersätze sollen Ausschreibungen für mehr Wettbewerb sorgen. Die Windindustrie ist alarmiert. Mehr

10.06.2016, 12:18 Uhr | Wirtschaft
DIHK Flüchtlinge können Azubi-Mangel nicht ausgleichen

Viele der Flüchtlinge in Deutschland sind jung und wollen arbeiten. Doch bis sie den Mangel an Auszubildenden ausgleichen können, wird es noch Jahre dauern. Mehr

14.06.2016, 12:36 Uhr | Wirtschaft
EEG-Gesetz Kabinett bringt Ökostromreform auf den Weg

Das Bundeskabinett hat eine Neufassung des EEG-Gesetzes gebilligt. Die Reform sieht einen grundlegenden Wechsel im Fördersystem vor. Größere Ökostrom-Projekte werden danach ausgeschrieben und nicht mehr wie bisher über einen Garantiepreis für den produzierten Strom unterstützt. Mehr

09.06.2016, 14:39 Uhr | Wirtschaft
Green Bonds Banken ringen um Kriterien für Öko-Anleihen

Öko-Anleihen, so genannte Green Bonds, sind ein Wachstumsmarkt. Aber was ist eigentlich grün? Das Atomkraftwerk, weil es kein Kohlendioxid ausstößt? Mehr Von Markus Frühauf

13.06.2016, 13:37 Uhr | Finanzen

Ein Urteil über die EU

Von Holger Steltzner

Manche werden den Briten mit ihren Sonderwünschen keine Träne nachweinen. Aber klar ist: Die EU kann nicht weitermachen wie immer. Sie hat berechtigte Reformwünsche zu lange ignoriert. Der Brexit ist die Quittung. Mehr 182 576


Märkte nach dem „Brexit“
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  FTSE 100 --  --
  Dow Jones --  --
  Gold --  --

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 50

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --