Home
http://www.faz.net/-gqg-10byq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Höchste Lohnforderung seit 16 Jahren IG Metall will sieben bis acht Prozent mehr

08.09.2008 ·  In der Metallindustrie droht eine scharfe Auseinandersetzung. Mit einer Forderung nach sieben bis acht Prozent mehr Lohn will die IG Metall in die kommende Tarifrunde gehen. Es ist die höchste Empfehlung des Vorstands seit 16 Jahren. Der Kommentar der Arbeitgeber: „Unberechtigt und gewaltig überzogen“.

Von Sven Astheimer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Der Bundesvorstand der Gewerkschaft IG Metall will mit einer Lohnforderung von sieben bis acht Prozent in die kommende Tarifrunde gehen, wie der erste Vorsitzende Berthold Huber am Montag in Frankfurt bekanntgab. Diese Empfehlung geht an die regionalen Tarifkommissionen. Am 23. September wird vom Vorstand die konkrete Lohnforderung für die fast 3,3 Millionen Beschäftigten der Branche festlegt.

Die IG Metall, Deutschlands größte Einzelgewerkschaft, steuert damit auf die höchste Lohnforderung seit 16 Jahren zu. Nach dem Ende der Friedenspflicht kann es vom 1. November an zu Warnstreiks kommen, Mitte des Monats wäre ein unbegrenzter Arbeitskampf denkbar. Huber betonte, er wolle die Verhandlungen zügig abschließen. „Es gibt keinen Grund, die Runde in die Länge zu ziehen, uns sitzt das Christkind im Nacken.“

Die Gewerkschaft steht unter dem Druck der Basis

Die Arbeitgeber reagierten mit scharfer Kritik auf die Forderung der Gewerkschaft. Angesichts der sich eintrübenden Weltkonjunktur und der sinkenden Nachfrage keinen Spielraum für einen Abschluss in dieser Höhe. Martin Kannegiesser, der Präsident der Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, sagte, im wirtschaftlichen Abschwung eine solche Forderung zu stellen sei Unvernunft und „leichtfertig“. Die Arbeitgeber prognostizieren, dass das Wachstum der Industrieproduktion bis zum Jahresende unter ein Prozent fällt. Die Auftragseingänge sind seit Ende 2007 deutlich rückläufig.

Kannegiessers Ansicht nach ist der Verteilungsspielraum deshalb deutlich kleiner als in der Verhandlungsrunde im vergangenen Jahr, als die Gewerkschaft ein Lohnplus von 6,5 Prozent forderte. Als Ergebnis stand damals neben einer Einmalzahlung von 400 Euro eine sofortige Erhöhung von 4,1 Prozent sowie ein zweiter Zuschlag von 1,7 Prozent am 1. Juni dieses Jahres. Er sprach angesichts der bevorstehenden Verhandlungen von einem „Balanceakt, dem wir uns nicht verweigern werden“. Dieter Hundt, der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, nannte die Forderungsempfehlung „unberechtigt und gewaltig überzogen“.

Die Gewerkschaftsführung steht in den Verhandlungen unter Druck ihrer Basis. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es schon mal so schwierig war wie im Moment“, hatte Huber im Vorfeld gesagt. Denn die Lage in der Metall- und Elektroindustrie, vor allem im Maschinenbau, sei derzeit deutlich besser als in der Gesamtwirtschaft. In Gesprächen mit der Basis sehe er sich mit Lohnforderungen konfrontiert, „die ich mich früher nie getraut hätte, zu formulieren“, sagte Huber. Er rechnete damit, dass rund die Hälfte der Beschäftigten mit der Vorstandsempfehlung vom Montag unzufrieden seien, weil sie ihn für zu niedrig hielten.

„Tarifpolitik ist nicht nur mathematisch zu begreifen“

Traditionell basiert die Forderung der Gewerkschaft auf einer Lohnformel, die sich traditionell an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung orientiert. Aus den beiden Komponenten Produktivitätszuwachs (1,5 Prozent) und Inflation (2,5 Prozent) lässt sich zusammen jedoch nur eine Forderung von 4 Prozent ableiten. Deshalb fordert die IG Metall erstmals eine „Gerechtigkeitskomponente“. Tarifpolitik sei nicht nur mathematisch zu begreifen, sagte Huber. Man wolle deutlich machen, dass die Lohnrunde auch eine Umverteilungsfunktion erfülle. Es sei an der Zeit, etwas an dem „ungerechten Aufschwung“ zu ändern.

Die Masse der Beschäftigten habe nicht von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre profitiert, sagte Huber. Zwischen 2004 und 2007 seien die Nettogewinne der Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie um 220 Prozent gestiegen, die Entgelte der Arbeitnehmer dagegen nur um 10 Prozent. Huber nannte diese Situation „historisch einmalig“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

Jüngste Beiträge

Barrosos Verantwortung

Von Werner Mussler, Brüssel

Die EU-Kommission schaut den EU-Staaten auf die Finger: Sind ihre Haushalte in Ordnung? Wie sie diese Kontrolle ausübt, wird sich in der Politik entscheiden - abhängig davon, ob sich der französische Weg oder der deutsche Weg zur Krisenbekämpfung durchsetzt. Mehr 4 5

30.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.280,80 −1,81%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.368,84 −1,82%
Dow Jones 12.420,20 −1,28%
EUR/USD 1,2404 −0,68%
Rohöl Brent Crude 103,07 $ −3,54%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.