27.08.2008 · Was macht aus einer Hochschule ein Kostengrab? Und was eine Goldgrube? Antworten aus der privaten deutschen Bildungslandschaft.
Von Sebastian BalzterElke-Katharina Wittich ist immer noch guter Dinge. Mitte September will die Präsidentin der privaten „Akademie Mode & Design“ im neuen Studienzentrum an der Alster die ersten Studenten begrüßen. Das frisch umgebaute Gebäude in bester Hamburger Lage teilt sich die Akademie mit einer neuen Niederlassung der ebenfalls privaten Europa Fachhochschule Fresenius, die dort Bachelor-Studiengänge aus den Fachbereichen Gesundheit, Wirtschaft und Medien anbieten wird. Beide Hochschulen gehören zur Cognos AG, einem Bildungsunternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt 63 Millionen Euro. Der Investor hofft, dass sich der doppelte Einstieg an der Alster rentieren wird: Gewinn sei doch auch sonst in keinem Unternehmen verpönt.
Was so einleuchtend klingt, ist in Deutschland alles andere als selbstverständlich. Hochschulbildung aus privater Hand, zudem noch mit Gewinnabsicht – das weckt bei den einen ideologische Bedenken, bei den anderen sorgt es für kaufmännisches Stirnrunzeln. Denn Wissenschaft kostet viel Geld, und der Ertrag ist ungewiss. Das haben zuletzt die Gründer der Hanseuniversität in Rostock erfahren müssen. Die Educationtrend AG war mit dem Anspruch angetreten, sowohl internationale Forschungsreputation zu erlangen als auch ihrem Eigentümer, der Beteiligungsgesellschaft Aton, eine ansehnliche Rendite zu erwirtschaften. Doch nach nur zwei Semestern hat Educationtrend die Notbremse gezogen: Ganze drei Studenten hatten sich eingeschrieben, unterrichtet wurden sie von sieben Professoren und weiteren Dozenten – heraus kam das Gegenteil von Profit. Jetzt ist der Lehrbetrieb eingestellt, Educationtrend sucht intensiv nach einem neuen Geschäftsmodell für die Universität.
Bodenloses Zuschussgeschäft
Als bodenloses Zuschussgeschäft erlebte den Hochschulbetrieb offenbar auch die Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege International, die sich an der privaten Universität Witten/Herdecke mit einer 12-Millionen-Euro-Spende engagieren wollte. Nach Walter Droeges Darstellung jedoch taten sich immer neue Finanzierungslücken auf, außerdem kritisierte er mangelndes Kostenbewusstsein seitens der Hochschulleitung. „Ich bin nicht die Feuerwehr, die unentwegt Geld nachschießt“, drohte Droege im Juni; in der vergangenen Woche brachten der Spender und die Hochschule ihre ein Jahr währende Zusammenarbeit mit gegenseitigen Vorwürfen zu einem unrühmlichen Ende.
Doch der Trend zum Geschäft mit der Hochschulbildung ist zu mächtig, als dass diese Beispiele ihn umkehren könnten. Als die Uni Witten/Herdecke 1983 gegründet wurde, war das noch eine Pioniertat. Heute verzeichnet die Hochschulrektorenkonferenz 72 private Hochschulen in Deutschland, an ihnen sind etwa 3 Prozent aller Studenten im Lande immatrikuliert. Und seit einigen Jahren entspringen die Gründungen nicht mehr nur den philanthropischen Idealen wohlhabender Stifter oder Projekten, die wie die Hochschulen des Heidelberger Gesundheits- und Bildungskonzerns SRH, mit gut 7000 Studenten der größte private Anbieter von Hochschulbildung in Deutschland, der Gemeinnützigkeit verpflichtet sind. Unternehmen wie Cognos, Educationtrend oder der amerikanische Laureate-Konzern, der mit seiner Mehrheitsbeteiligung an der „Business and Information Technology School“ in Iserlohn seit Januar am deutschen Markt mitmischt, wollen vielmehr ausdrücklich Gewinn machen.
Ein Zwei-Billionen-Dollar-Markt
Die Investmentbank Merrill Lynch liefert die dazu passende Analyse: Auf mehr als 2 Billionen Dollar schätzt sie das weltweite Volumen des Sektors, Tendenz steigend. Ein kleines Stück dieses riesigen Kuchens erwirtschaftet die internationale Fachhochschule in Bad Honnef mit ihrem Etat von rund 8 Millionen Euro. Knapp 1500 Studenten werden dort zu Tourismus-, Hotel-, Event- und Luftverkehrsmanagern ausgebildet, 8400 Euro im Jahr zahlen sie dafür. Seit 2004 ist die Hochschule, die ihr jetziger Präsident Florian Schütz im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Münchner Beteiligungsgesellschaft Auctus gekauft hat, nach eigener Auskunft profitabel. „Wir haben gerade einen zweiten Standort in Bad Reichenhall eröffnet“, berichtet Florian Schütz. „Das Wachstum finanzieren wir problemlos aus dem Cashflow heraus.“ Warum aber funktioniert in Bad Honnef, was in Rostock in die Hose geht?
Fünf Punkte hält Schütz selbst für entscheidend. „Wir finanzieren uns fast zu 100 Prozent aus den Gebühren unserer Studenten“, nennt er den ersten. „Deshalb müssen wir auch auf keine Stifter und Sponsoren Rücksicht nehmen.“ Auf diese Weise lasse sich freilich nicht das Niveau einer Universität erreichen. Die bewusste Beschränkung auf das stärker an der Praxis und am Berufsleben ausgerichtete Selbstverständnis von Fachhochschulen sei deshalb die zweite wichtige Voraussetzung. Drittens kämen Fächer mit großem Bedarf an Investitionen in Labors oder Computer nicht in Frage, stattdessen eigneten sich klassische „Buchwissenschaften“ wie Betriebswirtschaftslehre. In diesem Sektor wiederum sei es wichtig, eine Nische jenseits allgemein gängiger Programme zu finden. Wer so die kritische Größe von rund 600 Studenten erreiche, ohne die sich die nötige Infrastruktur nicht rechne, könne als Anbieter privater Hochschulbildung vernünftige Gewinne einfahren; Margen „wie im gesunden Mittelstand üblich“ hält Schütz für möglich.
Nicht ohne das behördliche Gütesiegel
An allen fünf Kriterien hat sich die Hanseuniversität offenkundig verhoben. Eine sechste Hürde allerdings, die staatliche Anerkennung, hat sie genommen. Ohne das behördliche Gütesiegel dürfen private Hochschulen keine akademischen Titel verleihen, was für die Akquise von Kunden, sprich: Studenten, die für bessere Berufsaussichten für ihre Ausbildung aus eigener Tasche zu zahlen bereit sind, unerlässlich ist. Im Detail ist die staatliche Prüfung von Land zu Land unterschiedlich, erster Anlaufpunkt ist jedoch stets das jeweilige Wissenschaftsministerium. Stimmt die Behörde dem Gründungsantrag zu, setzt sie zugleich meistens fest, bis zu welchem Termin die angebotenen Studiengänge von einer anerkannten Akkreditierungsagentur und die Institution als solche vom Wissenschaftsrat unter die Lupe genommen werden.
Auf diesen akademischen TÜV bereitet sich Elke-Katharina Wittich in Hamburg gerade vor, für Mitte November hat sich eine etwa fünfköpfige Gutachterkommission angekündigt. Die Vorbereitung darauf binde enorme Kräfte in der Verwaltung, sagt Wittich, 2000 Seiten Antragsprosa habe sie selbst im vergangenen Jahr produziert. Aber der Aufwand lohne sich – nicht nur, weil die Studiengebühren von 575 Euro im Monat die Akademie in nicht allzu ferner Zukunft tragen sollen. Sondern auch wegen der Rolle als Impulsgeber, die private Hochschulen ihrer Meinung nach im Bildungswesen einnehmen. „Wir sind viel stärker auf Veränderung angelegt als staatliche Hochschulen“, sagt sie. „Schließlich verstehen wir uns als Dienstleister für unsere Studenten.“
Zwei Tage lang werden die Gutachter im Gespräch mit der Hochschulleitung, mit Dozenten und Studenten herauszufinden versuchen, ob das Konzept und seine Umsetzung wissenschaftlichen Ansprüchen genügen – und wirtschaftlich tragfähig sind. Eine der Auflagen ist, dass unter Rückgriff auf eine Ausfallbürgschaft selbst im Notfall einer finanziellen Havarie der Lehrbetrieb fortgesetzt werden kann, bis alle schon eingeschriebenen Studenten ihren Abschluss gemacht haben. Darauf haben nun auch die drei einzigen Studenten der Hanseuniversität in Rostock einen Rechtsanspruch. Die Hochschulleitung, so heißt es, sucht mit ihnen aber nach individuellen Alternativen.
Die wenigsten Studenten ...
Björn Opitz (hrbjoern)
- 27.08.2008, 11:41 Uhr
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