Home
http://www.faz.net/-gqg-14e2g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Heinz Buschkowsky Der Poltergeist aus Berlin-Neukölln

Heinz Buschkowsky regiert Berlin-Neukölln, mitsamt seinen Arbeitslosen, Migranten und Unterschichtlern. Multikulti ist gescheitert, sagt er - und das als SPD-Mann. Jetzt macht er wieder Furore - mit der Aussage das geplante Betreuungsgeld für Kinder werde in der Unterschicht nur „versoffen“. Ein Porträt.

© Julia Zimmermann / F.A.Z. Vergrößern Heinz Buschkowsky mischt seinen Berliner Stadtteil immer wieder auf - vor allem mit seinen markigen Formulierungen

„Grenzverletzungen sind ein zulässiges Mittel in der Politik“, sagt Heinz Buschkowsky. In seinem Satz schwingt kein bisschen Süffisanz mit, auch kein Stolz darüber, mit welcher Raffinesse er seine Themen immer wieder in die Öffentlichkeit schleudert. Sein Satz ist eine Feststellung nach Jahren politischer Erfahrung.

Inge Kloepfer Folgen:  

Die Themen des Bürgermeisters von Berlin-Neukölln sind „Schmuddelthemen“, das sagt er selbst, aber sie seien eben auch „von höchster gesellschaftlicher Relevanz“. In Buschkowskys Reden geht es um die Integration von Migranten, um Parallelgesellschaften, um Bildungsferne, um Jugendgewalt, um die Flucht der Mittelschicht aus bestimmten Vierteln. Es geht um Wachdienste an Schulen, verzweifelte Lehrer, mangelhafte Deutschkenntnisse und schulpflichtige Kinder, die sich in den Bildungsanstalten nicht blicken lassen. Kurz: Es geht um Teile einer neuen deutschen Unterschicht.

Mehr zum Thema

Buschkowskys Methode ist die Grenzverletzung. Nicht permanent, aber hin und wieder. Ausgerechnet in Deutschland, einem Land, dem die politische Korrektheit zur Verharmlosung dramatischer Probleme hochwillkommen ist, nennt Buschkowsky die Dinge recht drastisch beim Namen. Der kleine umtriebige Bezirksbürgermeister kennt die Reaktionsmuster und weiß, dass die öffentliche Empörung nach ein paar Wochen versiegt und die große Politik zum Tagesgeschäft übergeht.

„2004 habe ich mit meiner Aussage, dass Multikulti in Deutschland gescheitert ist, so eine Grenze überschritten“, erklärt er. „Von da an wurde das Thema diskutiert.“ Und gerade jetzt hat er sie mal wieder überschritten, diese Grenze, indem er das Betreuungsgeld der schwarz-gelben Koalition mit derben Worten anprangerte. Glaubt man Buschkowsky, dann wird dieses Geld niemals bei den Kindern ankommen. „Im Klartext: In der deutschen Unterschicht wird es versoffen, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt.“ Kinder würden so noch mehr zum Einkommensfaktor.

Nicht nur er setzt auf den Tabubruch

Buschkowsky ist allerdings nicht der Einzige, der auf den Tabubruch setzt. Als Grenzverletzung bezeichnet er auch die Kapitulation des Lehrerkollegiums der Rütli-Schule, das untragbare Verhältnisse anprangerte. Das war 2006. Später habe Roland Koch dann versucht, „mit der Hilfe von zwei Schlägern“ aus München seine Landtagswahl zu retten. „Und neulich war es Thilo Sarrazin, Berlins ehemaliger Finanzsenator, mit seinen suboptimalen Formulierungen zur Integration“, zählt Buschkowsky auf.

Er selbst ist wegen Sarrazins Sprüchen im Moment wieder einmal gefragt. Er gibt Interviews, sitzt in Talkshows, muss reden über seinen Berliner Bezirk, der mit mehr als 300.000 Einwohnern schon eine Großstadt ist und der mit der Rütli-Schule bundesweit traurige Berühmtheit erlangt hat. Über den Neuköllner Norden mit seinen 160.000 Menschen, von denen knapp 90.000 Migranten sind - fast alle bildungsfern.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Maybrit Illner Kiefersfelden als Vorort von Lampedusa

Die Debatte über die Flüchtlingspolitik hat immer ein Problem: Sie ignoriert die Fakten. Das ermöglicht, sich vor der Verantwortung zu drücken. Gestern Abend war das wieder zu erleben. Mehr Von Frank Lübberding

14.11.2014, 06:36 Uhr | Feuilleton
Gespräch mit Martina Gedeck Ich ertrage diese Storys nicht mehr

Im Fernsehfilm Das Ende der Geduld spielt Martina Gedeck eine Jugendrichterin in Neukölln. Im Gespräch erklärt sie, warum sie Kirsten Heisig, das reale Vorbild für die Figur, nicht als Märtyrerin sieht. Mehr

19.11.2014, 13:41 Uhr | Feuilleton
Ende der Geduld im Ersten Eine Frau verschwindet

Die Geschichte dieses Films hat ein reales Vorbild: jene der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die es mit kriminellen Clans aufnahm und in den Freitod ging. In Das Ende der Geduld setzt Martina Gedeck ihr ein Denkmal. Mehr Von Ursula Scheer

19.11.2014, 13:29 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.11.2009, 14:27 Uhr

Klima-Soli-Meise

Von Holger Steltzner

Erst erweckte Sigmar Gabriel den Eindruck, sich für den Erhalt der Kohlekraftwerke einzusetzen, jetzt will er er sie indirekt zum Abschalten zwingen. Seine Wendigkeit hat Gabriel schon oft unter Beweis gestellt. Mehr 1 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --