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Hartz-IV-Kinder „Die Karte lenkt ab vom größeren Problem“

14.08.2010 ·  Mit einer Chipkarte will Ursula von der Leyen Kinder aus Hartz-IV-Familien in Musikschulen und Sportclubs locken. Die wahren Probleme löst das nicht. Wer Kindern aus schwierigen Familien helfen will, muss sie früher betreuen.

Von Patrick Bernau
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Am Montag werden in Stuttgart 500 Kinder zu Bäckern, Schneidern, Apothekern oder Bankangestellten. Denn sie spielen eine Stadt nach. Sie lernen, wie man arbeitet und wie die Welt der Erwachsenen funktioniert. Das Spiel kostet für eine Woche rund 100 Euro - oder rund 40 Euro, wenn die Eltern einen Zuschuss von der Stadt in Anspruch nehmen. In Stuttgart bekommen viele Familien bis in die Mittelschicht jährlich einen Betrag von 60 Euro auf einer Chipkarte, den sie zum Beispiel für die Kinderspielstadt verwenden können, für die Mitgliedsbeiträge in Vereinen, das Schullandheim oder für andere Dinge, die Kindern guttun.

Dieser Tage richten sich viele Blicke nach Stuttgart. Denn Sozialministerin Ursula von der Leyen will so eine "Bildungs-Card" überall ausgeben, zunächst an Hartz-IV-Empfänger. Nachhilfe soll damit bezahlt werden, Schulmaterial und Mittagessen, die Musikschule oder der Beitrag zum Sportverein. Außerdem sollen nach den Vorstellungen der Sozialministerin Firmen und Stiftungen das Projekt mit Spenden unterstützen: "Am Ende könnte im Prinzip jedes Kind die Bildungs-Card nutzen", sagte die Ministerin dem "Spiegel". Den Anlass für die Debatte hatte das Verfassungsgericht geliefert - doch was jetzt geschieht, ist von der Leyens ganz eigener Politikwechsel. Das Gericht hatte nur vorgeschrieben, dass die Hartz-IV-Sätze für Kinder neu berechnet werden müssen. Von der Leyen macht mehr. Sie nutzt die Gelegenheit, sich zum neuen Kopf der schwarzen Sozial- und Wirtschaftspolitik aufzuschwingen - und krempelt das Hartz-System um. So definiert sie, was unter einer modernen Unionspolitik zu verstehen ist, und provoziert damit nicht nur die CSU, die Bildungsgutscheine als diskriminierend kritisiert.

Tatsächlich wird den Eltern mit der Karte vorgeschrieben, wie sie das Geld für ihre Kinder ausgeben. Das könnte sogar ganz sinnvoll sein. Denn es deutet einiges darauf hin, dass Kinder von schlecht gebildeten, arbeitslosen Eltern tatsächlich oft schlecht gefördert werden - und dass ihnen deshalb im Leben eine Menge Chancen entgehen. Dummerweise wird die Idee der Sozialministerin daran nicht viel ändern.

Klar ist: Wenn Eltern schlecht ausgebildet sind, werden sie schneller arbeitslos, und dann haben auch ihre Kinder deutlich schlechtere Bildungschancen. Sie kommen seltener ins Gymnasium, studieren so gut wie nie. Klar ist auch: Ihren Eltern fällt es oft schwer, mit Geld umzugehen - selbst denen, die es nicht nur in Flachbildschirme und Zigaretten stecken. Das beobachten sogar Forscher, die sich um solche Fragen normalerweise nicht kümmern. An der Universität Frankfurt stellte Bernd Skiera in einer Untersuchung von Handyverträgen fest, dass Menschen mit geringer Schulbildung mangels Wissen zu viel Geld für ihre Handys ausgeben - selbst wenn sie wenig telefonieren. "Wir haben es mit Haushalten zu tun, die in der Budgetplanung nicht sonderlich gut sind", sagt Holger Bonin, der am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim Arbeitsmärkte und Sozialsysteme untersucht. Bewiesen ist, dass Empfänger von Sozialleistungen am Zahltag besonders viel Geld verprassen, gerne dem Klischee entsprechend in der Kneipe. "Das ist menschlich", sagt Bonin. "Das Budget ist knapp, und es ist nicht leicht, da viel Geld zurückzulegen."

Dabei verlangt Hartz IV auch von weniger intelligenten Menschen, gut mit Geld umzugehen. Früher, in der Sozialhilfe, lief es anders. Das Sozialamt zahlte erst mal weniger Geld, dafür gab es immer wieder Zuschüsse für Schullandheime, Wintermäntel oder einen neuen Kleiderschrank. Mit der Einführung von Hartz IV wurden die Zuschüsse abgeschafft und auf die monatliche Auszahlung aufgeschlagen. Jetzt müssten die Hartz-IV-Empfänger jeden Monat Geld zurücklegen für den Fall, dass der Kühlschrank kaputtgeht oder das Schullandheim bezahlt werden muss. "Das kriegen viele Eltern nicht hin", sagt Forscher Bonin.

Kein Wunder, dass jetzt die Idee populär wird, statt zusätzlichem Geld lieber Gutscheine oder eben eine Chipkarte zu verteilen. Laut einer Umfrage für diese Zeitung sind 71 Prozent der Bevölkerung dafür, dass der Staat den Hartz-IV-Empfängern Sachleistungen statt Geld gibt. Dabei hoffen die Befürworter nicht nur, dass die Kinder häufiger ins Schullandheim oder die Musikschule gehen. Sie setzen auch darauf, dass mit dem Geld der Chipkarte zusätzliche Angebote für arme Familien entstehen. In Stuttgart funktioniert das in Ansätzen: Dem Jugendhaus hat die Chipkarte die Entscheidung erleichtert, an verschiedenen Schulen Kinderbetreuung mit Mittagessen einzurichten - nur weil sich mehr Eltern diesen Service leisten können: Die (von der Familienkarte angeregte) Nachfrage schafft sich ihr Angebot.

Als das Arbeitsamt Bildungsgutscheine verteilte, formierte sich eine Bildungsindustrie - so ähnlich könnte es jetzt mit Sportvereinen und Musikschulen laufen, hoffen die Befürworter. Tatsächlich könnten Gutscheine für Sozialministerin von der Leyen der effizienteste Weg sein, ihre Ziele zu erreichen.

Doch das heißt noch lange nicht, dass ihre Ziele die richtigen sind. Die Probleme sind viel zu groß, um mit Nachhilfestunden und Musikschulen dagegen anzukämpfen. "Musikschulen sind ein Luxusproblem", sagt Arbeitsmarktforscher Bonin. "Die Karte erlaubt Dinge, die man irgendwie gut findet. Aber bevor ich darüber nachdenke, ob das Kind eine Musikschule bekommt, sollte ich lieber gute Grundlagen legen."

Am besten in den ersten Lebensjahren

Tatsächlich sind die Probleme so groß, dass Bildungsforscher sich schon darüber freuen, wenn die Kinder - wie in Stuttgart - mit der Karte oft ins Schwimmbad gehen. Lehrer berichten, dass die Kinder sonst oft stundenlang zu Hause sitzen, ohne auch nur mit ihren Eltern zu sprechen. Im Schwimmbad dagegen treffen sie Freunde, sie kommen über den Spaß zur Bewegung. Und Sport sei wichtig, sagt Axel Plünnecke am Institut der Deutschen Wirtschaft - schon allein, weil die Kinder dabei lernten, dass man durch Anstrengung tatsächlich vorankommt. Doch von Schwimmbädern sagt die Ministerin nichts - dabei wären auch die nur eine kleiner Schritt auf dem Weg zur Chancengleichheit.

"Man kann mit einer Karte nicht alle Probleme lösen, die Kinder aus bildungsfernen Schichten haben", sagt Plünnecke. Bildungsforscher wissen seit Jahren: Wer Kindern aus schwierigen Familien helfen will, muss sie früh betreuen. Wer wartet, bis sie ins Schwimmbad oder die Musikschule gehen können, kommt zu spät. Schon vor einigen Jahren hat der Nobelpreisträger James Heckman herausgefunden, dass Geld für die Bildung von Kindern umso stärker wirkt, je früher es eingesetzt wird - am besten in den ersten Lebensjahren.

"Die Karte lenkt ab vom größeren Problem", sagt Sozialforscher Holger Bonin. "Man braucht mehr frühkindliche Bildung und Sozialarbeit." Dazu müssten die Familien intensiv betreut werden oder die Kinder in Krippen versorgt werden. "Das machen die Eltern nicht von selbst", sagt Bonin. "Dazu bringt sie auch kein Gutschein."

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