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Hartz IV Arbeitsplätze im Reformschatten

17.06.2005 ·  Oliver Kalkofe verdient Geld mit der „Single Disc Hartz IV Edition“, Diskotheken feiern Hartz-IV-Parties, das gleichnamige T-Shirt schafft Arbeitsplätze. Wie die Arbeitsmarktreform ein bizarres Eigenleben entwickelt.

Von Hanno Beck
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Es ist längst mehr als ein Gesetz, eine Sozialreform: Das Wörtchen "Hartz", versehen mit dem unscheinbaren Zusatz "IV", ist zu einer Zeitgeistvokabel mutiert, zu einer Chiffre für den Wechsel von der rheinisch-kapitalistischen Sozialstaatsgemütlichkeit hin zur Post-Wohlfahrts-Ära, die sich mit den rauhen Winden der Globalisierung, den Wohlfahrtsexzessen früherer Generationen und dem Protest derer, die nun die Zeche zahlen müssen, konfrontiert sieht. Innerhalb weniger Monate hat das H-Wort in Ex-Sozialstaats-Deutschland Karriere gemacht: Der Zeitgeist buchstabiert sich längst mit einer römischen Vier am Ende.

Ein Blick in die Internet-Suchmaschine Google macht deutlich, wie sehr die Deutschen Hartz beschäftigt: Mehr als 900.000 Einträge finden sich dort - für "Lessing" sind es 800.000, für "Klinsmann" gerade einmal 440.000 Einträge. Auch beim Online-Buchhändler Amazon wird man rasch fündig: Mehr als hundert Titel versprechen den knapp viereinhalb Millionen Empfängern des Arbeitslosengeldes II Analyse, Aufklärung, Abrechnung zum Thema Hartz IV - die Buchindustrie dankt es. Lediglich die größten Hits von Hans Hartz gab es schon vor Inkrafttreten des vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, wie Hartz in der Amtssprache korrekt heißt. Der Mann hat jetzt ein Imageproblem.

Spaßgesellschaftsverwirrte Erben

Daß in Zeiten von Hartz IV - die Gesellschaft für deutsche Sprache erklärte die Sozialstaatskältechiffre zum Wort des Jahres 2004 - Schluß mit lustig für die Spaßgesellschaft ist, begreift diese nur zögerlich: Noch wirbt der Mattscheibenkomiker Oliver Kalkofe mit der "Single Disc Hartz IV Edition", und Diskotheken in Eisenach und Schweinfurt feiern Hartz-IV-Parties ("Wir zeigen Gerhard, wie man's richtig macht").

Doch Hartz ist eine zu ernste Sache, um sie Komikern oder spaßgesellschaftsverwirrten Erben der Generation Golf zu überlassen, die wohl eher eine Generation Aldi zu werden drohen - schließlich geht es um Arbeitsplätze.

Hartz-IV-Sub-Industriekultur

Nicht, daß es im Rahmen der verhaßten Reform an Versuchen zur Schaffung solcher mangeln würde: Da sind zum einen die Ich-AGs, immerhin 240.000 Arbeitslose haben sich und die Zuschußgelder der Bundesagentur versucht. Leider haben 48.000 davon Ende 2004 schon wieder aufgegeben.

Doch jetzt entstehen auch Arbeitsplätze im Reformschatten, indem sich eine Industrie um die Arbeitsplatzbeschaffungs- und Arbeitslosenverwaltungsindustrie bildet: Da offeriert eine Anwaltshotline für 1,86 Euro die Minute Rechtsberatung zu Hartz IV, ein Finanzdienstleister sorgt sich darum, ob unsere Ersparnisse auch sicher sind vor dem Ex-Sozialstaats-Zugriff, und auf der Internetseite www.reichimschlaf.de lernt man, daß der Arbeitslose trotz römisch Vier 1.750 Euro monatlich verdienen könne. Weitere Beschäftigungseffekte verspricht die Hartz-IV-Sub-Industriekultur, die allerorten blüht: Wer weiß schon, wie viele Arbeitsplätze durch das Hartz-IV-Kochbuch ("Für Sperrzeiten: Arme-Leute-Parmesan"), die Hartz-IV-T-Shirts ("Auch als Continental Salon Polo oder Baseball Longsleeve erhältlich") oder durch die Herstellung der für alle Hartz-IV-Demos offiziell empfohlenen Gerhard-Schröder-Maske geschaffen wurden?

Sozialstaatsrasenmäher

Rund 120.000 Ein-Euro-Jobs sind im Zuge der besten CDU-Politik, die je eine SPD-Regierung gemacht hat, entstanden, und all diesen Menschen wird nun geholfen - getreu der Sonntagsreden-Devise, daß die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft in der Dienstleistungsbranche liegt. So kann, wer einen der 1,4 Millionen Vermittlungsgutscheine erhalten hat und nicht zu den 111.000 gehört, die ihn auch eingelöst haben, die Kneipe "Sozialreform" in Köln besuchen oder in Berlin bei der Flexfon GmbH kostenlos innerhalb der Stadt telefonieren, oder er heuert am Dresdner Staatsschauspiel an, wo "Hartz IV - das Musical" aufgeführt werden soll.

So zeitigt der vielgeschmähte Sozialstaatsrasenmäher seine eigenen Beschäftigungseffekte, bringt aber auch Unternehmen in Bedrängnis: Der Softwarehersteller Prosoz sah sich jüngst in einer "schwierigen Situation", hervorgerufen durch einen Großauftrag im Zeichen der römischen Vier. Dabei sollte man meinen, daß das Produkt von Prosoz krisenfest ist: Das Unternehmen entwickelt die Software A2LL zur Zahlbarmachung des Arbeitslosengeldes II im Rahmen von - Hartz IV.

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