11.11.2009 · Asien arbeitet in dieser Woche weiter an seiner Regionalarchitektur. Während die Unternehmen Europas von China bis Indien stark vertreten sind, mutig investieren und überall auf Anerkennung treffen, gibt die europäische Politik ein trauriges Bild ab. Dabei müsste sie jetzt Pflöcke einrammen.
Von Christoph HeinAsien arbeitet in dieser Woche weiter an seiner Regionalarchitektur. Auf den Gipfeln der Pazifik-Anrainer (Apec) und der Länder Südostasiens (Asean) unter Beteiligung Amerikas in Singapur geht es auch um das Zusammenwachsen der Region. Mindestens vier Entwürfe für neue Zusammenschlüsse liegen auf den Schreibtischen der Minister in Peking, Tokio, Neu-Delhi und Canberra. Die Vorhaben widersprechen sich in der Zahl der Mitglieder, dem Zeitrahmen, dem Grad der Nähe untereinander. Gemein ist ihnen das Ziel, den innerasiatischen Handel auszubauen, die Region zu stärken.
Vieles wird Makulatur bleiben. Asien umfasst mit gut drei Milliarden Menschen die Mehrheit der Weltbevölkerung. Es ist ein diverses Gebilde, in dem Militär- und Parteidiktaturen auf große Demokratien treffen, mächtige Miniaturstaaten mit rohstoffreichen Flächenstaaten übereinkommen, Muslime, Hindus, Buddhisten und Christen ein Auskommen finden müssen.
Eine Union wie in Europa wird nicht angestrebt
Eine Union wie in Europa wird nicht angestrebt. Statt um den ganz großen Wurf geht es den Asiaten um so viel Nähe, wie die Realität diktiert: Die Krise hat die Schwäche ihres Exportmodells offenbart. Die heimische Nachfrage, ein wachsender Regionalhandel, soll diese Hälfte der Erde besser schützen, wenn die andere Hälfte in die nächste Krise taumelt. Angesichts der Globalisierung ist ein Großteil dieses Konzepts Wunschdenken. Richtig aber ist, dass Asien seinen Handel untereinander stärken muss. Richtig ist auch, dass das Vernetzen Asiens begonnen hat - obwohl seine Handelsströme durch Korruption, nichttarifäre Hindernisse und Bürokratie weiter belastet bleiben.
Trotz der Schwachpunkte der innerasiatischen Annäherung war der Zeitpunkt dafür nie günstiger als heute. Mit einem erwarteten Wachstum von fast sechs Prozent im kommenden Jahr gewinnt die Region immer schneller wirtschaftliches Gewicht. Die Krise wirkte als Beschleuniger, auch in Asien mussten die Staatsmänner miteinander reden. Das Dringen des Westens auf Lösungen in der Klimafrage schweißt die asiatische Front ebenfalls zusammen. Bei allen Animositäten waren sich China und Indien schon in ihrer Kritik an der Welthandelsrunde von Doha einig. Auch hat die Abstinenz Amerikas in den vergangenen Jahren China und Japan den Boden bereitet, ihren Einfluss im Süden Ostasiens auszubauen. Tokio hat den Prozess mit Entwicklungshilfe geölt, Peking mit Geld und meisterhafter Wirtschaftsdiplomatie. Auch Indien hat nun entdeckt, dass es dank seiner Größe durchaus die Hand gen Westen öffnen, den Blick dabei aber nach Osten richten kann. Dass sie dabei auf wenig Gegenliebe von Ostasiens Platzhirsch China treffen, spüren die Inder auf jedem Gipfeltreffen.
Die Amerikaner werden mit offenen Armen empfangen
Insgesamt profitiert die Region von der Rückkehr Amerikas. In Südostasien werden die Amerikaner mit offenen Armen empfangen (Apec-Treffen in Singapur: Der China-Faktor. Gleiches gilt für Japan und Korea. Mit China indes bahnt sich ein Konflikt um die Vormachtstellung an. Die Ausgangsposition Pekings ist stark: Washington kann keine gewichtige Entscheidung mehr treffen, ohne die chinesische Regierung zu konsultieren.
Wo bleiben die Europäer bei der Neuordnung in Asien? Während die Unternehmen Europas von China bis Indien stark vertreten sind, mutig investieren und überall auf Anerkennung treffen, gibt die europäische Politik ein trauriges Bild ab. Aus asiatischer Sicht ist Europa je nach Lesart zu blind oder zu zerrüttet, um seine Chancen wahrzunehmen. Mit gelegentlichen Kanzlerreisen nach Peking oder Delhi ist es nicht getan.
Asien arbeitet selbstbewusst an einer Regionalarchitektur, die es für Dekaden prägen wird. Wer darauf Einfluss ausüben will, ist besser früher als später zur Stelle. Auch durch seine koloniale Vergangenheit in vielen Ländern Asiens besitzt Europa noch eine gute Ausgangsstellung. Doch so, wie das vereinte Deutschland wenig aus dem positiven Erbe der DDR in den kommunistischen Ländern Südostasiens zu machen wusste, vernachlässigt nun auch Brüssel seine Chancen.
Das Hinausschieben des Freihandelsabkommens zwischen Indien und der EU Ende vergangener Woche war ein weiterer Beweis dafür, wie schwer sich Europa mit Asien tut. Auch wenn es ihnen nicht gefällt, müssen die Europäer lernen, dass Asien sich den Regeln Brüssels immer weniger beugt. Die Änderung der amerikanischen Burma-Politik erweist sich als klüger: Washington hat erstens erkannt, dass die Asiaten in dieser Frage auf stur schalten, und zweitens die reine Blockadepolitik nichts bringt. Ähnlich flexibel muss sich Brüssel zeigen. Nur auf das eigene Gewicht zu setzen zeugt nicht von diplomatischem Geschick - auch wenn man sich größter Handelspartner Asiens nennen darf.
Maximalforderungen etwa zur Kinderarbeit sind gut und richtig. Doch ist es weltfremd, sie in Handelsverträgen festschreiben zu wollen. Klüger erscheint es, sich zunächst Einfluss zu sichern und dann auf Änderungen hinzuarbeiten. Sonst überlässt man das Feld den Chinesen, die sich um Kinderarbeit wenig scheren. Um Asien buhlen viele. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, Pflöcke einzurammen. Und nicht beleidigt im Abseits zu stehen.
Pruegelknabe EU
Harald Wenig (wenigfr)
- 11.11.2009, 18:42 Uhr
Die EU gibt überwiegend....
claus bronner (kritiker111)
- 11.11.2009, 20:22 Uhr
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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