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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik Wenig Geld, große Ansprüche

 ·  An Geld fehlt es armen Familien nicht, darüber waren sich bei Günther Jauch fast alle einig. Allerdings haben Familien und Staat mehr gemeinsam, als man zunächst denkt.

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Haben die Reichen zu viel Geld, haben die Armen zu wenig? Neu ist die Diskussion nicht, aber sie scheint nicht langweilig zu werden - zuletzt befeuert vergangene Woche durch den neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen hätten die Hälfte des Vermögens, steht darin, und die ärmsten 50 Prozent hätten quasi nichts.

Neu ist das Problem nicht - aber bei Günther Jauch kamen am Sonntagabend wenigstens in Halbsätzen neue Antworten zum Vorschein. Zum Beispiel von Pfarrer Bernd Siggelkow, der das Berliner Jugendhilfswerk „Die Arche“ leitet und die Linkspartei-Chefin Katja Kipping mit seinen Erfahrungen in die Ecke der Diskussion stellte. 1000 Euro für jeden Hartz-IV-Empfänger hatte sie gefordert, und Siggelkow konterte kühl: „Einem Hartz IV-Empfänger fehlt es nicht an Geld, sondern an Perspektive und Würde.“

Drei Berufswünsche haben die armen Kinder

Drei Berufswünsche hätten die Kinder, die sein Team betreut, erzählte Siggelkow: Erstens Popstar, zweitens Arche-Mitarbeiter - und drittens Hartz-IV-Empfänger. Das sind die Berufe, die sie kennen. „Bis ich groß bin, gibt es Hartz V“, dächten manche, „dann geht es mir vielleicht noch etwas besser.“

Dabei geht es den Kindern heute - trotz aller Schwierigkeiten - schon viel besser als vor 50 oder 60 Jahren. Bayern-Manager Uli Hoeneß und Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber erzählten aus ihrer Kindheit im Bayern der 50er-Jahre. Stoiber wurde damals von seinen Eltern an einigen Tagen krank gemeldet, weil sie die Fahrt zum Gymnasium nicht bezahlen konnten. Dabei war es schon eine Besonderheit, dass er als Landkind das Gymnasium überhaupt besuchen konnte, erzählt er. Drei Prozent der bayerischen Kinder hätten damals das Gymnasium besucht - kein Vergleich mit heute.

Deutschland steht gut da

Dabei steht Deutschland nicht nur im Vergleich mit früher gut da. „Wenn ich in Deutschland durch die Medien schaue, hat man das Gefühl, uns geht’s dreckig“, schimpfte Hoeneß. „Dabei ist Deutschland ein Paradies.“

Wie aber können die armen Kinder heute Perspektiven bekommen? Schnell kreiste die Frage doch ums Geld - nämlich um das des Staates, der mehr Lehrer, Sozialpädagogen und Erzieher für junge Kinder bereithalten müsse, wie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bemerkte.

Woher soll das Geld kommen?

Wie also finanziert man die Förderung? Mit höheren Steuern für Reiche? Kein gutes Thema für Uli Hoeneß, der diesen Gedanken nicht ausstehen kann. Oskar Lafontaine habe ein Schloss, „dagegen ist mein Haus am Tegernsee sozialer Wohnungsbau“, fand er. „Wir müssen die Reichen hier halten, damit sie weiter gemolken werden können, wie das in der Vergangenheit der Fall war.“

Für ihn liegt die Lösung woanders. „Wir haben eine prosperierende Wirtschaft wie noch nie. Staat und Länder müssen endlich anfangen, Ausgaben zu kürzen. Es kann nicht sein, dass wir in so einer Situation noch Schulden machen.“ Ob er da so glücklich wäre mit einer Regierung Merkel/Kraft, die er herbeireden wollte, ist unklar - schließlich legte Kraft im Jahr 2010 in Nordrhein-Westfalen einen verfassungswidrig defizitären Landeshaushalt hin.

So stand Hoeneß’ Forderung zu sparen gegen Krafts Ziel, arme Kinder früh zu fördern - und niemand dachte daran, dass Hannelore Kraft keineswegs nur arme Kinder fördert, sondern allein 250 Millionen Euro im Jahr an zusätzlichen Schulden macht, weil sie die Studiengebühren abgeschafft hat, die ohnehin kaum eines der armen Kinder aus Hartz-IV-Haushalten bezahlte - weil nur wenige von ihnen das Abitur erreichen.

Da geht es den Politikern nicht besser als vielen Familienoberhäuptern: Sie kommen schlicht mit ihrem Geld nicht aus. Am Ende geht es darum, die Ansprüche im Zaum zu halten. Das Wachstum der Wirtschaft in Europa hält nicht Schritt mit dem Wachstum der Ansprüche, sagte Edmund Stoiber - und fand damit, ohne das auszusprechen, die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen dem Staat und den Familien.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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