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Grüne Revolution Die herzliche Ökodiktatur

16.05.2011 ·  Ministerpräsident Kretschmann ist das Gesicht der grünen Revolution. Die zwingt die Bürger zu Biosprit, Wärmedämmung und Solarstrom. Gegenwehr? Absolut zwecklos.

Von Winand von Petersdorff
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Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat ein freundlich-harmloses Gesicht. Am vergangenen Donnerstag, als er Geschichte schreibt, spricht er die Gottesformel „So wahr mir Gott helfe“. Bodenständig ist er, konservativ, moralisch fundiert und bescheiden. Das verbreiten seine Leute. „Ich bin ein langsamer Politiker“, sagt er selbst. Er passt zum Bundesland, das er nun führt. Allein, er wird sich nicht lange mit der geerbten S-Klasse seines Vorgängers durchs Land kutschieren lassen. Es geht ja auch kleiner und sauberer. Kretschmann und seine Konsorten zeichnen das Bild eines Machtwechsels, der nicht radikaler ist als ein Dienstwagen-Downgrading.

Doch Kretschmann verdient einen zweiten Blick. Wenn man grüne Spitzenpolitiker unterteilt, dann gibt es jene, die von Nachhaltigkeit reden und die Macht meinen, und jene, die von Nachhaltigkeit reden, und es ernst meinen. Zu den Letzteren gehört Kretschmann, den nach eigenen Angaben „die emphatische Liebe zur Natur“ bewogen hat, die grüne Partei mit zu gründen. Deshalb sind seine Sätze nicht polittaktische Provokation oder reiner Balsam für die Basis, sondern bitter ernst zu nehmen: „Wir müssen unser Lebensmodell mit den Grundlagen des Planeten übereinbringen. Wir schädigen mit unserer Wirtschaftsweise den Planeten.“ Für die Fahrzeugbranche heißt das dann: „Wenn die Automobilindustrie es nicht schafft, grüner zu werden, wird sie keine Zukunft haben.“ Konkret wird der Ministerpräsident dann beim Energiekonzern ENBW, an dem das Land eine Minderheit hält. Er muss zum Ökostromanbieter umgebaut werden, das ist das klare Ziel. Kretschmanns Umweltminister entwirft schon die Unternehmensstrategie: Der Energiekonzern ENBW könnte sein Stromnetz verkaufen, um die Erträge in Ökoenergie zu investieren.

Stichwort Konsumentensouveränität

Das ist nicht mehr harmlos: Kaum im Amt, beginnt schon die mentale Verstaatlichung von Konzernen, an denen das Land nicht die Mehrheit hält. Doch niemand bekrittelt solche Eingriffspläne in einer Zeit, in der die Vorkämpfer für Ökologie und gegen Atomkraft die Leute wie die Moral auf ihrer Seite wissen. Es sind längst nicht mehr nur die Grünen, die in private und unternehmerische Freiheiten hineinregieren, um das Volk auf einen ökologischen Lebensstil zu trimmen. Es wächst eine Ökotyrannei in Deutschland, sie stützt sich auf eine große Mehrheit. Und die Bundesregierung steht an der Spitze.

Beispiele? Stichwort Konsumentensouveränität: Deutschland zwingt seine Autofahrer, ein Produkt zu konsumieren, das diese nicht wollen. Sie müssen den (ökologisch übrigens hochumstrittenen) Biosprit tanken, der schon lange vor der Einführung von E10 dem Kraftstoff beigemischt war. Stichwort Mieterrechte: Die Bundesregierung will das Recht der Mieter einschränken, wenn der Vermieter sein Haus öko-saniert. Gewöhnlich durften Mieter, wenn sie durch Renovierungen stark belastet wurden, die Miete reduzieren. Das dürfen sie nicht mehr, wenn die Renovierung dem Klima nützt. Dass darüber hinaus Hausbesitzer noch nicht zur Wärmedämmung gezwungen werden, wie es die CDU wollte, ist allein dem liberalen Koalitionspartner zu verdanken. Die Idee wird wieder hochkommen, wenn die Haushalte weniger Energie sparen, als von der Bundesregierung kalkuliert. Stichwort Ökostrom: Die Bürger sind nicht nur gezwungen, für teure Photovoltaik und Windkraftwerke zu bezahlen, die sie nicht bestellt haben. Die gewaltigen Zahlungen mit langen Laufzeiten sind – einmal vom Parlament beschlossen – weitgehend der demokratischen Kontrolle entzogen, was sie von klassischen Subventionen unterscheidet.

„Wir bewegen uns in Richtung Ökodiktatur“

Doch die Vorzugsbehandlung geht noch weiter: Im Baurecht werden Windkraftwerke jetzt schon privilegiert. Nun will man die Genehmigungen der heftigst umstrittenen Hochspannungsleitungen beschleunigen, seit sie von Bürgerinitiativen blockiert werden. Man braucht die Leitungen, um den norddeutschen Windstrom nach Süden zu bringen. Für das große Ziel sollen Beteiligungsrechte der Bürger beschränkt werden. „Zwangsernährung mit ökologisch korrekten Produkten“ nennt der Ökonom Carl-Christian von Weizsäcker den Regierungsstil, der Konsumenten-Souveränität und die Entscheidungsfreiheit der Bürger nicht ernst nimmt. Wer nicht mitzieht, wird diffamiert. Der Porsche-Fahrer, der Fernreisende, der Fleischesser, keiner kann sich mehr sicher sein vor dem öffentlichen Pranger. „Es ist schlimm, von einer Minderheit unterdrückt zu werden, aber es ist schlimmer, von einer Mehrheit unterdrückt zu werden“, formulierte der britische Liberale Lord Acton schon vor mehr als 100 Jahren. „Wir bewegen uns in Richtung Ökodiktatur“, sagt Weizsäcker heute.

Manche finden das nicht schlimm. Vor allem Klimaforscher verlieren die Geduld mit zähen demokratischen Prozessen. Der weltberühmte Klimaforscher James Hansen, der das renommierte NASA Goddard Institute for Space Studies in New York leitet, äußert regelmäßig laute Zweifel, dass Demokratien die Klimaerwärmung stoppen können. Jüngst lobte er Chinas autokratisches Regime als Hoffnung. Dort könnte das nachhaltige Leben einfach verordnet werden. Von Angela Merkels oberstem Klimaberater Hans Joachim Schellnhuber stammt der Vorschlag, das Parlament um einen ungewählten Zukunftsrat zu ergänzen, der Gesetze mitbestimmt und dabei als Anwalt künftiger Generationen agiert – eine Art Wohlfahrtsausschuss.

Bescheidenheit ist angesagt

Der von Schellnhuber geführte „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderung“ drückte dem Kabinett jetzt ein 32-Seiten-Papier in die Hand, das den Titel trägt „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Es ist die Kurzversion eines Empfehlungskatalogs, der im Juni veröffentlicht werden soll. Er ist voller Moral und Revolution. Die Autoren halten das deutsche Wirtschaftsmodell („fossiler industrieller Metabolismus“) für ethisch untragbar. „Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit“. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft muss schnell gehen, auf Kernenergie und Kohle ist gleichzeitig zu verzichten.

Und weil Not regiert, und es schnell gehen muss, braucht es einen starken Staat, der für die notwendige Änderung der heutigen Lebensstile und die „gesellschaftliche Problematisierung“ nicht nachhaltiger Lebensstile sorgt. Er überwindet „Interessengruppen“ und „Vetospieler“, die „den Übergang zur nachhaltigen Gesellschaft erschweren.“ Das ist nicht weniger als ein gesellschaftliches Umerziehungsprogramm. Die Legitimation dafür wird auch geliefert. „Es ist unmoralisch, die Lebenschancen künftiger Generationen durch einen nicht nachhaltigen Lebensstil zu begrenzen“, argumentiert der Gesellschaftswissenschaftler Claus Leggewie, einer der Mitautoren des Berichts. „Der Genuss der Freiheitsrechte Einzelner darf nicht zur Blockade Dritter führen“, sagt er. Bescheidenheit ist jetzt angesagt, wenn auch nicht Askese: „Freiheit kann auch in der Selbstbeschränkung liegen. Man muss ja nicht im Winter Spargel aus Chile kaufen, wenn damit exzessive Treibhausgasemissionen verbunden sind.“

Grüner Ministerpräsident mit Ambitionen

Der Soziologe argumentiert dabei ausgesprochen listig mit dem „Ihr wollt es doch auch“-Argument. Die Lebensstile verändern sich global ja ohnehin Richtung Nachhaltigkeit, da ist es halb so wild, wenn der Staat etwas nachhilft. Das wirkt verharmlosend, zumal gerade die Bürger der aufsteigenden Schwellenländer schwer von klimaschädlichen Aktivitäten abzuhalten sind. Leggewie ist ein bewährter Kapitalismus- und Wachstumskritiker, der sich im „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Umweltveränderungen“ mit den Klimaforschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung verbündet hat. Er spürt Aufwind. Gemeinsam gestalten die Wissenschaftler auf dem Papier die ganze Welt um, als sei es unausweichlich. Doch es kommt auch Kritik. „Das Gutachten offenbart im Tenor ein problematisches Demokratieverständnis“, formuliert Klimaforscher Hans von Storch. Zudem: „Die Autoren reduzieren die Weltprobleme auf das Thema Kohlenstoff. Das ist eindimensional und sogar ziemlich arrogant.“ Es gäbe noch den Welthunger, der gerade aber keine Konjunktur hat.

Ökologie und Wachstumskritik dagegen entsprechen voll dem Zeitgeist. Der hat Deutschland jetzt erst einmal einen grünen Ministerpräsidenten mit Ambitionen beschert. Auch Minister, die vor Fukushima abgemeldet schienen, wittern Chancen: „Die Vorschläge des Beirats unterstützen uns bei den jetzt anstehenden Maßnahmen beim Ausbau der erneuerbaren Energien, bei der Energieeffizienz und beim Klimaschutz“, freut sich der Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

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