19.04.2009 · Deutschland mobbt die grüne Gentechnik aus dem Land. Die Leute finden es gut. Doch die Antistimmung ist auch gefährlich. Sie treibt Hochschulen dazu, ihre Versuche abzubrechen und schafft ein innovationsfeindliches Umfeld.
Von Winand von PetersdorffAngst ist ein Nährboden, auf dem Hass gedeiht. In Deutschland wird die grüne Gentechnik gehasst. Rund hundert Versuchsfelder sind von militanten Gegnern der Gentechnik in den vergangenen 15 Jahren zerstört worden. Die Pflanzen werden zertrampelt oder abgeschnitten. Manchmal säen die Gegner konventionelles Saatgut ein und machen somit die Versuchsergebnisse unbrauchbar. Zuweilen hängen die „Aktivisten“ kleine Betonzylinder an die Pflanzen und zerstören so die Mähwerke der Erntemaschinen. Manchmal halten sie Felder wochenlang besetzt. Am Tag, als die Entscheidung der Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) bekannt wurde, den Anbau des Monsanto-Mais zu verbieten, stellten Witzenhäuser Studenten eine Betonpyramide auf ein Versuchsfeld der Kleinwanzlebener Saatzucht KWS, in der die Arme zweier Demonstranten feststeckten.
Die Aktionen treffen Landwirte, die den bis kürzlich noch genehmigten Genmais angebaut haben, sie treffen die Saatgutfirmen wie Monsanto, KWS oder Pioneer. Und sie treffen Hochschulen. Ob der Freisetzungsversuch untersuchen soll, wie sich die Pflanze optimieren lässt, oder ob er die Gefahren der gentechnisch veränderten Pflanzen ausleuchten soll, ist den Zertramplern in der Regel unwichtig. Forscher und Mitarbeiter von Saatgutfirmen werden in ihren Büros und Labors inzwischen regelmäßig heimgesucht, sie werden auch persönlich angegangen, ihre Familien belästigt, wie ein Wissenschaftler berichtet, der sich aus der Forschung zurückgezogen hat.
„Meine Reputation hat gelitten“, klagt ein Wissenschaftler
Dazu passt das bittere Zeugnis eines Nachwuchswissenschaftlers an der Technischen Hochschule Aachen, der erforscht, wie sicher unter anderem der jetzt verbotene Bt-Mais für die Umwelt ist. Er hat, wie er berichtet, Glück gehabt: Seine Versuchsfelder wurden nicht plattgemacht. „Das Einzige, was in den letzten Jahren gelitten hat, ist meine Reputation als Wissenschaftler: Als ein Forscher, der keinen einzigen negativen Einfluss durch Bt-Mais gefunden hat, trotz all der Jahre des Forschens, muss ich bestochen worden sein, nur positive Resultate zu veröffentlichen, um meinen Finanziers aus der Industrie (höchstwahrscheinlich der amerikanische Konzern Monsanto) gefällig zu sein. Dass ich vom Bundesforschungsministerium bezahlt werde und dass ich damit eigentlich ein Angestellter der Steuerzahler bin, ist ein Argument, das oft auf taube Ohren stößt.“
Die Fanatiker können sich nicht auf wissenschaftliche Ergebnisse berufen, weshalb sie in der Regel die klassische Wissenschaft selbst als korrupt diskreditieren. „Wissenschaft kann heute alles beweisen, es hängt nur von der Wahl der Methode und einer entsprechenden großzügigen Interpretation der Daten ab“, heißt es in einem Beitrag des sogenannten gen-ethischen Netzwerks über die EFSA. Das ist eine EU-Einrichtung, die nach der BSE-Krise gegründet wurde, um die Bürger vor gefährlichen Lebensmitteln zu schützen. In der EFSA, so der Vorwurf, seien verdächtig viele Gentechnikbefürworter vertreten. Für die Gentechnikgegner ist das ein Grund, die Einrichtung zu verdammen, statt ihre eigenen Positionen zu überprüfen.
Wir kennen die Risiken nicht - so ist das eben mit neuer Technik
Die zweite rhetorische Figur lautet, die Menschheit werde dem landwirtschaftlich-industriellen Komplex und seiner Profitgier ausgeliefert, wenn sie sich auf Gentechnik einlässt. Tatsächlich beherrschen wenige große Unternehmen das Geschäft mit genetisch verändertem Saatgut, darunter die zentrale Hassfigur Monsanto. Tatsächlich streben die Unternehmen nach Gewinn und Marktanteilen. Möglicherweise bedienen sie sich gelegentlich unsauberer Methoden. Aber man hat auch schon von Medizintechnikfirmen gehört, die Hospitäler bestachen, Ultraschallgeräte zu kaufen. Damit ist die Technologie des Ultraschalls noch nicht diskreditiert.
Das einflussreichste Argument der Gentechnikgegner aber lautet: Wir kennen die Risiken dieser Technik nicht. Dieses Argument ist so wirkungsvoll, weil es stimmt. Aber so ist das eben mit neuer Technik. Die gesellschaftspolitische Frage an technologischen Schwellen kann deshalb nur lauten, ob die Gesellschaft bereit ist, gewisse Risiken zu tragen. Sie ist es immer weniger.
Parteichef Franz Müntefering konstatiert nüchtern, dass aus der Fortschrittspartei SPD, die in den sechziger und siebziger Jahren für Atomkraft, individuelle Mobilität und moderne Architektur stand, eine Partei der Technikfolgenabschätzung geworden sei. Die Diagnose trifft das ganze Land. Der Optimismus, technischer Fortschritt könne breite Schichten der Bevölkerung reicher machen und ihr Leben verbessern, ist einer allgemeinen Verkniffenheit gewichen.
Eine Denkart, die Risiken betont
Wann der Wendepunkt kam, ist schwer zu ermitteln. Das Club-of-Rome-Buch „Die Grenzen des Wachstums“, eine bemerkenswert erfolgreiche Ansammlung von Fehlprognosen, traf in den siebziger Jahren einen Nerv, die Antikernkraftbewegung erlebte nach dem Tschernobyl-GAU 1986 schon ihren zweiten Frühling. Zehn Jahre zuvor hatte es schon Großdemonstrationen gegen das Atomkraftwerk Brokdorf gegeben. Ob damals eine durchs Wirtschaftswunder gesättigte Gesellschaft plötzlich die nötige Muße fand, sich zu ängstigen, ist schwer zu beurteilen. Vielleicht entspringt die Ablehnung technologischer Neuerungen auch dem Wunsch, dass sich nichts ändern soll, weil es gut ist, wie es ist.
Restrisiko, Nachhaltigkeit und Technikfolgenabschätzung sind die Wortblüten einer Denkart, die Risiken betont. Hätte James Watts wichtigste Erfindung eigentlich heute noch die Chance, zugelassen zu werden? Seine Dampfmaschine ist schließlich schuld an der Klimaerwärmung. Man man muss ja nicht glauben, dass gentechnisch veränderte Pflanzen bessere Ernten liefern, mit weniger Wasser auskommen und sogar den Einsatz von Spritzmitteln reduzieren. Aber die begründete Chance bieten sie doch.
Statt dessen gedeiht das Ressentiment gegen Technik unter hingebungsvoller Pflege der Politik. Das Gabriel-Trittin-Aigner-Modell hat der Publizist Thomas Deichmann auf den Punkt gebracht: „Erst die Leute kirre machen und dann als Warner punkten.“ In der Gentechnik wird seit 15 Jahren die Angst vor einer hypothetischen Gefahr am Leben erhalten. Dass sie immer noch nicht aufgetaucht ist, ist, so möchte man meinen, gerade das Teuflische dieser Technik.
Die Antistimmung ist so groß, dass Unis ihre Versuche abbrechen
Die Gegner haben ganze Arbeit geleistet und finden inzwischen unglaublich viel Rückhalt. Linke und Grüne geben in Mitteilungen regelmäßig zum Ausdruck, dass sie mit den Feldbesetzungen sympathisieren, die in den Texten allerdings regelmäßig Feldbefreiungen genannt werden. Die Gegnerschaft reicht bis weit ins konservative Lager hinein. Die bayrische CSU hat die Ablehnung der grünen Gentechnik inzwischen als Gewinnerthema entdeckt, so dass die Landwirtschaftsministerin Aigner innerparteilich kaum anders konnte, als den Anbau der einzigen in Deutschland kommerziell angebauten gentechnisch veränderten Pflanze zu verbieten. Imker sind gegen gentechnisch veränderte Pflanzen, viele Bauern und eine große Mehrheit der Städter und die Kirchen.
Die Antistimmung ist so groß, dass inzwischen zwei Hochschulen nach Besetzungen von Versuchsfeldern Versuche abgebrochen haben. Die Gießener Universität, die den Namen des Kunstdünger-Erfinders Justus Liebig trägt, und die FH Nürtingen-Geislingen, deren Leitung nach der siebten Attacke auf Versuchsfelder im Laufe von elf Jahren die Arbeit der Forschungsgruppe gegen deren Widerstand stoppte. „Ich bin nicht glücklich mit der Entscheidung“, sagt Stefan Hormuth, Präsident der Gießener Universität, ein Sozialpsychologe. „Leider sind wir nicht länger in der Lage, mit der massiven Opposition von Politikern und der Öffentlichkeit angemessen umzugehen.“ Die Universität könne es sich nicht erlauben, ihren Ruf in der Region aufs Spiel zu setzen. Und der Ruf der Hochschule als Refugium der Forschungsfreiheit?
Forschungsministerin Schavan wirkt geradezu rührend hilflos
Viele Länder erlebten Vandalismus, aber Deutschland sei das einzige demokratische Land, in dem Hochschulen vor den Öko-Strolchen kapitulierten, schreibt Henry Miller, amerikanischer Wissenschaftler der Denkfabrik Hoover. Er warnt, nun würden gewalttätige, technologiefeindliche Aktivisten Blut lecken und Forschungsrichtungen als „entartete Forschung“ flächendeckend mobben. Miller zieht Parallelen zur „Entarteten Kunst“ des Nationalsozialismus, der damals avantgardistische Künstler vertrieb. Der Vergleich ist nicht abwegig. Die Bereitschaft, so hohe ideelle Güter wie die Forschungsfreiheit dem Mob zu opfern, schockiert dann doch. Forscher berichten, dass sie inzwischen nur noch unter außergewöhnlichen Schwierigkeiten Versuchsfelder finden.
Der Beitrag der Bundesforschungsministerin Annette Schavan, die grüne Gentechnik sei eine Zukunftstechnologie, wirkt geradezu rührend hilflos. Ihr Ministerium finanziert Forscher, denen von Landesregierungen und der Kabinettskollegin Aigner im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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