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Großbritannien Neuer Vertrag beschert englischen Ärzten deftige Gehaltssteigerung

12.05.2006 ·  Die Reform der Vergütungsstruktur in Großbritannien hat englischen Medizinern seit 2003 eine rasante Gehaltssteigerung von 49,4 Prozent eingebracht. Jetzt beunruhigt die britische Regierung der enorme Zustrom von ausländischen Ärzten.

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Wer in England als Arzt für das öffentliche Gesundheitssystem NHS arbeitet, konnte sich in den vergangenen drei Jahren über deftige Gehaltssteigerungen freuen. Das Grundgehalt ist seit dem Jahr 2001 von umgerechnet 74.000 Euro auf 110.000 Euro im Jahr heraufgesetzt worden. Nach Angaben des Berufsverbandes, der British Medical Association, verdienen Hausärzte in England im Schnitt 137.750 Euro im Jahr. In besonderen Einzelfällen können die Gehälter gar mehr als 350.000 Euro im Jahr ausmachen.

Englische Ärzte haben gegenüber ihren kontinentaleuropäischen Kollegen aufgeholt, verdienen in vielen Fällen gar mehr. Grund für die finanzielle Verbesserung der etwa 30.000 Ärzte in England war der im Jahr 2003 eingeführte „New Contract“, ein zwischen dem Gesundheitsministerium und der British Medical Association (BMA) ausgehandelter Vertrag. Er reformierte die Bezahlungsstruktur der Ärzte im National Health Service (NHS).

Neue Vergütungsstruktur

Ausgangslage für die Reform war ein veraltetes Bezahlungssystem im Gesundheitswesen, das kaum Transparenz zuließ, den Gesundheitsbehörden und Krankenhäusern oft keinen Einblick in die Tätigkeit der Ärzte in ihren Privatpraxen ermöglichte, zu ineffizienter Arbeitsverteilung führte, gleichzeitig aber Ärzte für ihre Tätigkeit nicht ausreichend entschädigte. Die Mißstände spornten die Mediziner an, sich Privatpatienten zuzuwenden und ihre Arbeit im öffentlichen Gesundheitssystem zu vernachlässigen. Nicht zuletzt diese Arbeitsverlagerung erklärt die Kapazitätsengpässe des NHS in früheren Jahren und die ehemals langen Wartelisten für Operationen.

Der neue Vertrag, der bis Mai vergangenen Jahres von 82 Prozent aller Ärzte akzeptiert wurde, räumt mit diesen Mißständen auf. Der Vertrag führte eine neue Vergütungsstruktur für Ärzte ein. Nach ihr wird eine Grundleistung von 40 Stunden die Woche großzügiger als früher entlohnt, dazu kommen Sonderzahlungen für Überstunden und Extraarbeit. Zudem führt der Vertrag zu mehr Transparenz zwischen dem Arbeitgeber, also den Krankenhäusern, und den Medizinern.

Bessere Transparenz

Jetzt kann der Arzt nach individuellen Verhandlungen festlegen, wie viele Stunden er im NHS tätig sein muß und in welchem Umfang er Privatpatienten behandeln darf. Diese bessere Transparenz erleichtert es den Krankenhäusern, die Schichtdienste anzupassen und entsprechend Personal einzustellen.

Drei Jahre nach Einführung des Vertrages muß die britische Regierung jedoch erkennen, daß die Reform kostspieliger war als geplant und daß sie anhaltend höhere Gesundheitsausgaben bedeutet. Das Gesundheitsministerium hatte die Arbeitsbelastung der Ärzte und damit die ihnen zustehenden Gehaltssteigerungen unterschätzt. Nach Angabe des Parlaments beliefen sich die Kosten der Reform auf 340 Millionen Pfund und damit 90 Millionen Pfund mehr als erwartet.

Das Gesundheitsministerium hatte nicht einkalkuliert, daß Ärzte in der Regel gut 45 Stunden arbeiten. Die Gehaltssteigerungen fielen zudem deftig aus: Das Grundgehalt der Ärzte wurde im Jahr 2002 rückwirkend um 11,1 Prozent angehoben, im Jahr der Vertragseinführung nochmals um 17 Prozent erhöht und in den beiden Folgejahren abermals um 6,5 und 7,9 Prozent. Dies war nach Angaben des King's Fund, der in einer Studie die Auswirkungen der Reform analysiert hat, eine kumulative Steigerung der Vergütung von 49,4 Prozent.

Explosion der Personalkosten

Ein Teil der heutigen Finanzmisere im NHS und der - trotz höherer Gesundheitsausgaben - auflaufenden Defizite vieler Gesundheitsbehörden geht auf diese Explosion der Personalkosten zurück. Der King's Fund schätzt, daß von den 4,5 Milliarden Pfund, die in diesem Jahr in England für das Gesundheitswesen zusätzlich ausgegeben werden, fast 40 Prozent auf höhere Personalkosten entfallen. Das Gesundheitsministerium ließ daher im März mitteilen, daß die Vergütung der Ärzte in diesem Jahr nur um 2,2 Prozent steigen werde. Das könne zwar enttäuschend für die Ärzte sein, räumte das Gesundheitsministerium ein. Aber schließlich müsse die finanzielle Lage des NHS berücksichtigt werden. Die Ärzte waren dennoch verärgert. Der Branchenverband kritisierte die Gehaltssteigerungen als „kümmerliche Behandlung“ der Ärzteschaft.

Der neue Vergütungsvertrag hat die Beziehung zwischen Gesundheitsbehörden und Ärzten auf eine neue Basis gestellt. Die Arbeit der Mediziner ist heute transparenter, sie wird korrekter bezahlt, aber es wird um sie auch härter verhandelt. Gesundheitsbehörden und Krankenhäuser sind nach Umfragen des King's Fund in London seltener bereit, Ärzte zu Fortbildungskursen und Fachseminaren reisen zu lassen, weil sie die Facharbeit der Ärzte, für die sie zahlen, lieber im Krankenhaus sehen wollen. Gleichzeitig pochen die Ärzte, vor allem junge Mediziner, heute mehr auf die Bezahlung von Überstunden.

Lukrative Privatpraxen

Die Hoffnung der Regierung, daß der neue Vertrag die Ärzte etwas von ihrer Privattätigkeit abhalten könnte, erfüllt sich zudem nicht. Eigentlich sollen Ärzte zunächst dem NHS Mehrarbeit anbieten, bevor sie sich ihren Privatpatienten zuwenden. Diese Regelung gilt allerdings nur für Ärzte, die weniger als 44 Stunden arbeiten. Da die meisten Ärzte jedoch mindestens 44 Stunden im Dienst sind, können sie ihre Restzeit frei einteilen.

Nach Angaben des BMA verdienen mehr als 25 Prozent der englischen Ärzte, die auch Privatpatienten behandeln, weniger als 10.000 Pfund aus dieser Tätigkeit. Aber 14 Prozent der Mediziner, die Privatpatienten sehen, verdienen mit ihrer Privatpraxis mehr als 150.000 Euro im Jahr. Hochspezialisierte Fachärzte, die neben ihrer NHS-Tätigkeit vor allem Privatpatienten in sehr lukrativen Privatpraxen behandeln, haben sich dem neuen Vertrag daher gar nicht erst angeschlossen. Dies gilt nach Angaben des King's Fund vor allem für Fachärzte wie Chirurgen der Orthopädie.

Zustrom junger Mediziner

Die rasante Steigerung der Vergütung englischer Ärzte hat dazu geführt, daß eine Welle ausländischer Mediziner nach Großbritannien gekommen ist, um dort zu praktizieren. Die Zahl der ausländischen Ärzte, die jährlich neue Beschäftigung in Großbritannien sucht, ist von 1.000 Medizinern im Jahr 1998 auf fast 9.000 Ärzte im vergangenen Jahr gestiegen. Die Hinwendung der Ärzte aus der Dritten Welt nach Großbritannien hat zu öffentlicher Kritik in afrikanischen Ländern geführt. Sie werfen Großbritannien vor, die wenigen Ärzte, auf die Afrika dringend angewiesen sei, mit hohen Gehältern in das NHS zu locken. Der Vorwurf ist: Afrika bildet aus, aber Großbritannien wirbt die jungen Ärzte ab, nur weil Ausbildungskapazitäten in England fehlen und die Vergütung praktizierender Ärzte so hoch ist.

Für die ausländischen Mediziner ist es allerdings zunehmend schwierig, eine Anstellung zu finden, vor allem wenn es sich um junge Ärzte in der Ausbildung handelt. Der Zustrom junger Mediziner veranlaßte die britische Regierung kürzlich zu einer Verschärfung der Einstellungsbedingungen für Mediziner in der Ausbildung. Danach müssen Krankenhäuser Bewerbungskandidaten aus der Europäischen Union den Vorrang geben.

Quelle: F.A.Z., 13.05.2006, Nr. 111 / Seite 14
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