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Großbritannien Milliarden für kürzere Wartezeiten

28.06.2006 ·  Wer an Großbritannien denkt, verbindet die Insel mit dreierlei: schlechtem Wetter, schlechtem Essen und einem unterfinanzierten Gesundheitswesen. Wetter und Essen sind gar nicht so übel... Teil 2 der F.A.Z.-Serie über Gesundheit im Ausland.

Von Claudia Bröll, London
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Wer an Großbritannien denkt, verbindet die Insel mit dreierlei: schlechtem Wetter, schlechtem Essen und einem chronisch unterfinanzierten Gesundheitswesen. Wetter und Essen mögen bei näherer Betrachtung gar nicht so übel sein. Der staatliche Gesundheitsdienst (NHS) jedoch steckt trotz Milliardeninvestitionen in den vergangenen Jahren noch immer in Finanznöten. Das frustriert Patienten und treibt Krankenschwestern und Ärzte auf die Barrikaden.

Im Finanzjahr 2005/06 hat der Behördenkoloß NHS ein Defizit von 512 Millionen Pfund (750 Millionen Euro) verbucht, gut 300 Millionen Pfund mehr als von der Regierung angestrebt. Die Gesundheitsministerin Patricia Hewitt kündigte Stellenstreichungen an. Einige Krankenhäuser mußten Abteilungen schließen, Operationen wurden verschoben.

Kapazitäten der Kliniken werden ausgebaut

Dabei läßt der britische Staat jedes Jahr mehr Geld in das über lange Zeit hinweg vernachlässigte Gesundheitswesen fließen. Seit 1997 haben sich die Ausgaben auf mehr als 76 Milliarden Pfund verdoppelt. Damit nähert sich Großbritannien dem Ausgabenniveau vieler anderer europäischer Staaten an. 1997 machten die Gesundheitsausgaben 5,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, im vergangenen Jahr waren es 6,9 Prozent, und in zwei Jahren sollen es 9,4 Prozent sein. Der europäische Durchschnitt liegt bei 8 Prozent, die Deutschen gaben 2004 mehr als 10 Prozent des BIP für die Gesundheit aus.

Mit dem Geld wurden vor allem die Kapazitäten der Kliniken ausgebaut. Lange Zeit war Großbritannien berüchtigt für monate- oder sogar jahrelange Wartezeiten auf ein Krankenhausbett oder eine Operation. Nach Angaben der Denkfabrik King's Fund warteten 1989 mehr als 96.000 Menschen länger als zwei Jahre auf ein Bett in einer Klinik. Heute müssen sich wenige länger als acht Monate gedulden. Bis Ende 2008 soll es nach dem Willen der Regierung maximal 18 Wochen dauern.

Größter Arbeitgeber der Welt nach der Chinas Volksarmee

Die kürzeren Wartezeiten gingen einher mit einer kräftigen Personalausweitung. Durchschnittlich stellte der NHS seit dem Wahlsieg von Labour 1997 im Jahresdurchschnitt 3 Prozent mehr Menschen ein: Ärzte, Krankenschwestern, aber auch etliche Verwaltungskräfte und Managementberater. Im vergangenen Jahr wuchs die Mitarbeiterzahl auf 1,37 Millionen - Spötter bezeichnen die Organisation nicht ganz korrekt entweder als zweitgrößten Arbeitgeber der Welt nach der chinesischen Volksarmee oder der indischen Eisenbahn. Dennoch wird in Krankenhäusern und Hausarztpraxen über Überbelastung beklagt. Ein Hausarzt, ein sogenannter "GP", betreut auf der Insel im Schnitt etwa doppelt so viele Patienten wie sein deutscher Kollege.

Der "National Health Service" basiert auf dem Modell einer Bürgerversicherung. Er finanziert sich zu 74 Prozent aus den allgemeinen Steuereinnahmen, die restlichen 26 Prozent stammen aus Sozialabgaben und Gebühren. Das Grundprinzip lautet gleiche medizinische Versorgung für alle unabhängig vom Einkommen. Die Behandlung beim Arzt ist für die Patienten kostenlos, Praxisgebühr oder Selbstbeteiligungen sind unbekannt. Für Medikamente müssen Patienten zwar umgerechnet etwa 9 Euro zuzahlen. Allerdings ist eine große Gruppe, darunter Schwangere, Kinder und Rentner, ausgenommen, so daß weniger als die Hälfte der Kranken in der Apotheke tatsächlich bezahlt.

Die Postleitzahl bestimmt den Hausarzt

Als erste Anlaufstelle bei Krankheit dient den Briten der Hausarzt, der sich im Gegensatz zu Deutschland auch um die Windpocken der Kinder und die Krebsvorsorgeuntersuchungen der Frauen kümmert. Entscheidungsfreiheit haben die Patienten im britischen Gesundheitssystem kaum. Die Wahl des GP hängt allein von der Postleitzahl des Wohnorts ab. Zwar finden sich in Städten mehrere GPs in einem Bezirk. In der Regel sind die Praxen aber so überfüllt, daß man sich glücklich schätzen kann, von einem in die Patientendatei aufgenommen zu werden.

An einen Spezialisten können sich die Briten nur nach einer Überweisung von ihrem GP wenden. Die Fachärzte arbeiten in der Regel in einem Krankenhaus. Niedergelassene Fachärzte gibt es kaum, abgesehen von teuren Privatpraxen. Um einen Termin beim Facharzt zu bekommen, müssen sich NHS-Patienten jedoch lange gedulden. Mediziner warnen seit langem, daß Krankheiten dadurch verschleppt werden. "Bis ein Patient mit einem Nierenstein eine Ultraschalluntersuchung bekommt, kann es fünf bis sechs Monate dauern. Das Risiko in dieser Zeit trägt der GP", erklärt der deutsche Arzt Fred Hansen, der vor einigen Jahren nach Großbritannien ausgewandert ist. Deutlich wird dies beispielsweise an den Beiträgen zur Haftpflichtversicherung der Ärzte. Hansen zahlt mehr als das Zwanzigfache für die Versicherung, seit er in England arbeitet.

Engpässe überall spürbar

Trotz des staatlichen Geldstroms sind die Engpässe im britischen Gesundheitswesen überall spürbar. Wer in ein Krankenhaus eingeliefert wird, muß sich oft mit großen Krankensälen und minimalem Komfort zufriedengeben. Irene Mandri lag nach der Geburt ihres Kindes in einem NHS-Krankenhaus in London in einem Achtbettzimmer zusammen mit anderen Müttern und Neugeborenen. Noch am gleichen Tag verließ sie die Klinik. Erholen konnte sie sich besser zu Hause.

Die eng bemessenen Budgets machen sich auch bei der Medikamentenverschreibung bemerkbar. Regelmäßig sorgen in den britischen Medien Debatten um die Aufnahme von Medikamenten in das "British National Formulary", das Verzeichnis verschreibbarer Arzneien, für Schlagzeilen. Vor kurzem setzte eine Patientin, die an Brustkrebs in einem frühen Stadium erkrankt war, vor Gericht durch, daß ihr das Brustkrebsmedikament Herceptin verschrieben wird. Die regionale Gesundheitsbehörde hatte dies abgelehnt, weil der Tumor drei Millimeter zu klein gewesen war.

Marktnähere strukturen sollen das System heilen

Für Entrüstung sorgte auch Anfang des Jahres die Nachricht, daß ein NHS-Trust eine bestimmte Behandlung von Herzrhythmusstörungen aus dem Programm genommen hatte, um sein Finanzziel zu erreichen. Zwei Jahre zuvor hatte sich Premierminister Tony Blair noch dieser Behandlung unterzogen. Der Medikamentenkatalog, aus dem britische Ärzte auswählen können, ist nicht umsonst sehr viel dünner als das Medikamentenverzeichnis in Deutschland.

Seit ihrem Amtsantritt versucht die Labour-Regierung mit marktnäheren Strukturen die Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung zu steigern. Die Budgets der Krankenhäuser richten sich jetzt nach der Zahl der Behandlungen. Patienten haben die Wahl zwischen vier verschiedenen Krankenhäusern, von denen eines privat geführt sein darf. "Independent Sector Treatment Center", von privaten Unternehmen geführte Operationszentren, führen gegen Bezahlung auch kleinere Operationen für NHS-Patienten durch. Auch GP-Praxen sollen von privaten Gesundheitsdienstleistern geführt werden. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist jedoch heute noch auf den NHS angewiesen.

Britanniens Mediziner zählen zu den bestbezahlten Europas

Ähnlich wie in Deutschland stoßen die Veränderungen im Gesundheitswesen auch in Großbritannien auf Protest. Am Dienstag liefen Ärzte auf der Jahreskonferenz der "British Medical Association" Sturm gegen die Privatisierungsbemühungen. Dabei hat die Zunft, abgesehen von der hohen Arbeitsbelastung, bisher wenig Grund zur Klage. GPs und Fachärzte gehören ungeachtet der Finanznot immer noch zu den bestbezahlten Medizinern in Europa.

Quelle: F.A.Z., 28.06.2006, Nr. 147 / Seite 12
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