27.08.2010 · Die Griechenland-Krise ist in Europa schon fast wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Dabei hat sich der Athener Alltag gehörig verändert - vor allem für die Ladenbesitzer. Die Kunden bleiben aus, Geschäfte gehen pleite. Stadtbummel durch eine krisengezeichnete Metropole.
Von Christina Kyriasoglou, AthenEs gilt, die Zeit totzuschlagen. Zwei Frauen sitzen auf einer kleinen Mauer in der Sonne. Sie trinken Frappé, typisch griechischen Kaffee, mit Strohhalmen aus Plastikbechern und unterhalten sich. Ein dicker Mann sitzt neben ihnen und liest Zeitung. Es sind noch ein paar Stunden, bis sie endlich ihre Läden schließen können: den Schmuck-, den Bio- und den Fliesenladen. Bis dahin hoffen sie, dass noch der ein oder andere Kunde vorbeischaut.
Dimitra Tsagogeorga ist eine der Frauen. Ihr gehört der Laden mit Bio-Lebensmitteln auf der Straße Píndou in Nea Filadelfia, einem Vorort von Athen. „Das Geschäft ist sehr zurückgegangen“, sagt sie. „Aber noch komme ich gerade so durch.“ Das liege allerdings nur daran, dass sie weder Angestellte noch Familie habe. „Viele Freunde von mir haben ihre Arbeit verloren“, sagt die 32-Jährige.
In diesem Sommer prägen Polizisten das Athener Bild
Nach einer Studie des griechischen Einzelhandelsverbandes schlossen gerade in den ärmeren Außenbezirken Athens viele Läden. Reiche Vororte wie Kifissiá stecken die Krise leichter weg. Trotzdem gingen hier noch elf Prozent der Geschäfte pleite. Boutiquen, die Kleidung und Schuhe verkaufen, mussten am häufigsten dicht machen. Das Bild der Ladenbesitzer, die vor ihren Türen stehen und gelangweilt mit dem Komboloi, der typischen griechischen Perlenkette, spielen, ist allgegenwärtig.
Erst in Richtung Stadtmitte werden die Straßen etwas voller. Hier schieben sich Touristen durch die engen Gassen der Altstadt und es gibt viel Laufkundschaft. Normalerweise prägen die sonnenverbrannten, Shorts-tragenden Reisenden mit Fotoapparat das Stadtbild. Diesen Sommer ist allerdings alles etwas anders: Polizisten, die mit Maschinengewehren bewaffnet sind, stehen an jeder Ecke. Sie wollen für Sicherheit sorgen und Ausschreitungen vermeiden.
Demonstrationen schaden dem Handel
Dem Handel hilft das nicht viel. Das Geschäft leidet stark unter den zahlreichen Demonstrationen und Streiks, die vor allem auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament stattfinden. Dort schließt die Ermou an, die größte Athener Einkaufsstraße. Trotz Tourismus mussten hier 15 Prozent der Läden schließen. Am schlimmsten ist die Lage in der Stadiou-Straße. Hier brannte am 5. Mai eine Bankfiliale ab, drei Menschen starben. Jedes vierte Geschäft ging pleite.
Zehn Minuten Fußweg von dort liegt eine Sprachenschule für Griechisch. In der Pause zwischen dem Unterricht läuft die Lehrerin Anthoula Arvaniti die Treppen hinunter, hinaus auf die Straße. Im Café um die Ecke holt sie sich einen Frappé. „Der muss sein“, sagt sie. Arvaniti spart an anderen Ecken: „Ich kaufe weniger Kleidung, weniger Schuhe, aber ohne Kaffee können wir Griechen nicht.“
Das Bild ist in den Nebenstraßen im Zentrum ähnlich wie in den Außenbezirken. Viele Ladenbesitzer sitzen vor ihren Geschäften und vertreiben sich die Zeit. Sie lesen Zeitung, spielen Komboloi oder telefonieren mit ihren Handys. Die Läden, die schon geschlossen haben, bleiben leer. Zu-Vermieten-Schilder hängen in vielen Schaufenstern. „Einige sind schon seit Monaten da. Hier geht so viel kaputt“, sagt Arvaniti.
Ein düsteres Szenario - droht eine schlimmere Rezession?
Sie selbst habe aber Glück, noch zumindest. „Studenten, Geschäftsleute - es wollen immer noch viele Griechisch lernen“, sagt sie. Etwas anderes mache ihr viel mehr Angst. „Die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Angestellten hat sich sehr verändert. Ich habe viele Freunde, die verunsichert sind. Wir haben Angst, dass wir jederzeit unsere Arbeit verlieren.“
Auch der Einzelhandelsverband befürchtet, dass noch 100.000 Menschen arbeitslos werden könnten. Er zeichnet ein düsteres Szenario. Die kleinen Läden in den Vierteln sterben aus, dann sinkt der Wert der Wohnungen. Also verdienen die Immobilienbesitzer weniger - ein Teufelskreis, der in eine noch tiefere Rezession führen könnte.
Aus der Traum
Die Zukunftsaussichten für griechische Jugendliche sind schon lange schlecht. Viele sahen in einer Ladeneröffnung die einzige Möglichkeit, etwas aus ihrem Leben zu machen. Als das Geschäft noch lief, hielten sie sich gerade so über Wasser. Der Zusammenbruch der Wirtschaft bedeutete für viele das Aus.
Ein weiteres Problem ist, dass manche Besitzer kleiner Läden nie gelernt haben, wie man ein Geschäft richtig führt. Einige besitzen nicht einmal ein Bilanzprogramm, sodass sie schnell den Überblick über ihre Einkäufe verlieren. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Kunden ihre Schulden nur unwillig und verspätet zurückzahlen. Das gaben 91 Prozent der Ladenbesitzer bei einer Umfrage der griechischen IHK an.
„Die Krise wird vergehen“
Die Erfahrung teilt Bioladenbesitzerin Dimitra Tsagogeorga. „Viele nehmen Waren mit und sagen, sie brächten das Geld morgen vorbei. Oft muss ich den Leuten dann wochenlang hinterherlaufen“, sagt sie. Nun hätte sie aufgehört, diesen Kunden überhaupt etwas zu verkaufen. „Das gibt sowieso nur Stress.“
Anthoula Arvaniti versucht, positiv zu bleiben. Für sie ist es auch nicht so schwierig, wie für die Ladenbesitzer. Arvaniti kennt noch niemanden, der seine Arbeit tatsächlich verloren hat. „Ich habe aber auch nur einen Bekannten, der selbstständig ist. Und bei ihm läuft es leider auch nicht gut“, sagt sie. Die Hoffnung hat sie noch nicht verloren. „Mein Bruder hat diese Woche zum Beispiel endlich Arbeit gefunden. Die Krise kam, sie wird auch vergehen.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.427,30 | −1,22% |
| EUR/USD | 1,2398 | −0,73% |
| Rohöl Brent Crude | 103,44 $ | −3,19% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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