31.03.2004 · Griechenland wäre ohne die EU verloren - das bestreitet mehr als zwei Jahrzehnte nach der Aufnahme als zehntes Mitglied der EG im Jahr 1981 zwischen Thessaloniki und Kreta kaum noch jemand.
Von Michael MartensGriechenland wäre ohne die EU verloren - das bestreitet mehr als zwei Jahrzehnte nach der Aufnahme als zehntes Mitglied der EG im Jahr 1981 zwischen Thessaloniki und Kreta außer den linken Splitterparteien kaum noch jemand. Die beiden großen Volksparteien - die konservative Nea Dimokratia und die oppositionelle Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) - sind sich einig, daß Griechenland in der EU bestens aufgehoben ist.
Das war nicht immer selbstverständlich im einzigen Staat der alten Gemeinschaft, der keine Landesgrenze mit einem anderen Mitgliedsland hat. Noch in den achtziger Jahren kämpfte die Pasok im Wahlkampf mit antiwestlichen Parolen ("Griechenland gehört den Griechen") und dem Versprechen, das Land über Volksabstimmungen wieder aus EG und Nato herauszulösen. Längst ist jedoch der damalige Gegenslogan der Konservativen ("Griechenland gehört zum Westen") parteiübergreifend akzeptiert.
Kein ungetrübtes Verhältnis zum Resteuropas
Natürlich belastet es das Selbstbewußtsein der Nation, daß die neuen Mitglieder Slowenien und Zypern schon ein ebenso hohes Pro-Kopf-Einkommen erwirtschaften wie Griechenland (wo es im Jahr 2002 bei knapp 67 Prozent des EU-Durchschnitts lag). Doch angesichts der Ausgangsposition des Landes, in dem nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1949 ein Bürgerkrieg wütete, dessen Nachbeben noch nach Jahrzehnten zu spüren waren, ist viel erreicht worden. Entscheidend dafür waren die Zahlungen der EU. Allein im Jahr 2001, als Griechenland nach Jahren einer Konsolidierungspolitik der Eurozone beitrat, erhielt Athen 4,7 Milliarden Euro von der EU - das entsprach fast vier Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. Im gleichen Jahr billigte die Europäische Kommission ein gut neun Milliarden Euro teures Infrastrukturprogramm mit mehreren Jahren Laufzeit für die Modernisierung der Häfen, Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel, zu etwa einem Drittel finanziert aus europäischen Töpfen. Auch im Folgejahr war Griechenland (nach Spanien und vor Portugal) der zweitgrößte Nettoempfänger.
Ungetrübt ist das griechisch-resteuropäische Verhältnis dennoch nicht immer gewesen. Daran hatte vor allem die Balkan-Politik der Pasok-Regierung unter Andreas Papandreou in der ersten Hälfte der neunziger Jahre ihren Anteil. Zunächst isolierte der Namenskonflikt mit Mazedonien Athen in der EU. Griechenland wollte der ehemaligen jugoslawischen Republik an seiner Nordgrenze den Staatsnamen verbieten und versuchte die junge Demokratie mit einer Blockade wirtschaftlich auszuhungern, weil sie angeblich Ansprüche auf die gleichnamige nordgriechische Provinz Makedonien erhebe.
Ungern werden zudem vor allem Politiker der Pasok daran erinnert, daß Athen das Milosevic-Regime unterstützte und den bosnischen Serbenführer Karadzic mit allen Ehren empfing. Erst nach dem Tode des Populisten Andreas Papandreou, als sein Sohn Giorgios Außenminister und der überlegt handelnde Kostas Simitis Ministerpräsident war, wurde Athen dem eigenen Anspruch besser gerecht, die Interessen der anderen Balkan-Staaten mitzuvertreten.
Verhältnis zur Türkei zur Durchsetzung eigener Interessen
Als Hebel zur Durchsetzung eigener Interessen setzte Griechenland zudem das Verhältnis der EU zur Türkei und die Erweiterungspläne der Union ein. Die noch Mitte der neunziger Jahre vorherrschende Haltung in den EU-Hauptstädten, Beitrittsverhandlungen mit Zypern könne die Gemeinschaft nur aufnehmen, nachdem die Teilung auf der Insel überwunden sei, scheiterte letztlich an der Drohung Griechenlands, den gesamten Erweiterungsprozeß zu blockieren, wenn nicht auch Zypern in die Kandidatenliste aufgenommen werde. Aus griechischer Sicht hat sich das gelohnt: Nicht wenige Griechen sehen den Traum der Enosis, des Anschlusses Zyperns an Griechenland, nun unter dem Dach der EU erfüllt.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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