27.10.2004 · Osteuropäer können ehemals deutsche Exportschlager preiswerter herstellen. Doch es ist kein unabwendbares Schicksal, daß deshalb Deutschland seine industrielle Basis verliert. Die Globalisierung ist ein harter Lehrmeister. Man muß aber auch lernen wollen.
Von Patrick WelterAngesichts der Opel-Krise hat Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement die Deutschen aufgefordert, mehr deutsche Automobile zu kaufen. Der Ratschlag ist ungefähr so sinnvoll wie die Empfehlung, im Supermarkt regelmäßig zehn oder zwanzig Prozent mehr als die Rechnungssumme zu zahlen. So etwas können sich Politiker leisten, die bestellen und andere zahlen lassen. Der Bürger aber, der unter der Steuer- und Abgabenlast stöhnt, ist gut beraten, dort zuzugreifen, wo er das meiste für sein Geld bekommt - unabhängig von der Herkunft der Güter.
Es ist der wichtigste Vorteil des freien Handels und der Globalisierung der Produktion, daß die Verbraucher die Freiheit erhalten, aus mehr und aus preiswerteren Produkten auszuwählen. Diese Freiheit mit der Moralkeule „Kauft deutsche Produkte!“ anzuprangern steht keinem zu und erst recht nicht denen, die den Bürgern das Steuergeld aus der Tasche ziehen und deren verfügbares Einkommen schmälern. Clements Aufruf wäre einen Rüffel durch Verbraucherschutzministerin Renate Künast wert.
Ökonomie des ersten Anscheins
Clements Denken ist die Ökonomie des ersten Anscheins. Er wünscht, daß die Deutschen ihr Geld hierzulande ausgeben, damit der Konsum steigt und die deutsche Wirtschaft stärker in Schwung kommt. Aber hat der Minister sich je gefragt, womit ausländische Käufer die Devisen verdienen, mit denen sie deutsche Güter nachfragen und die hiesige Exportwirtschaft von einem Ausfuhrrekord zum nächsten tragen? Der internationale Handel ist ein Geben und Nehmen. Nur wenn Deutsche ausländische Produkte und Dienste kaufen, verdienen ausländische Unternehmen und Verbraucher Devisen, mit denen sie deutsche Ausfuhrgüter bezahlen können. Das gilt auch umgekehrt. Clements Gedanke zu Ende gedacht heißt, sich aus dem internationalen Handel zurückzuziehen und die Absatzmärkte der Ausfuhrwirtschaft zu zerstören. Das ist so sinnig wie die Idee, die Bayern würden sich aus der innerdeutschen Arbeitsteilung ausklinken und nur noch BMW kaufen. Falls Mercedes-Arbeiter aber kein Automobil mehr in Bayern absetzen können, fehlt ihnen am Ende auch das Geld, einen BMW zu kaufen. Der Schwabe in Untertürkheim unterscheidet sich dabei nicht vom Polen in Gleiwitz und vom Chinesen in Schanghai.
Der Konsum fremder Waren wird oft als störend empfunden, weil er mit der Verlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen ins Ausland verbunden ist. Astra und Agila werden (auch) in Polen gebaut, die Motoren „deutscher“ Audi laufen in Ungarn vom Band, und wer Kochgeschirr im deutschen Handel kauft, kann nicht mehr sicher sein, „deutsche“ Töpfe heimzutragen. Deutsche Unternehmen produzieren zunehmend im Ausland oder lassen dort vorproduzieren. Mit diesem internationalen Strukturwandel fährt Deutschland gut. Der Teil der hiesigen Wertschöpfung, der am Export hängt, trägt seit Jahren überdurchschnittlich viel und steigend zum Wirtschaftswachstum bei. Die Deutschen sind Gewinner der Globalisierung, ebenso wie die Rumänen am Band von Continental in Hermannstadt.
Raus aus der Produktion, rein in die Dienstleistungen
Der außenwirtschaftlich bedingte Strukturwandel läßt sich auch anders beschreiben. Die Deutschen haben seit 1995 rund 2,3 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie und am Bau verloren - und zugleich 3,2 Millionen Stellen im Dienstleistungsbereich geschaffen. Vor diesen Zahlen verblassen alle Horrorgemälde, nach denen andere Nationen den Deutschen die Arbeit stehlen. Doch werden die Deutschen künftig anderes arbeiten. Das ist keine Revolution, sondern nur eine Beschleunigung des seit jeher steten Wandels. Die früher heimische Textilindustrie ist fast vollständig ins Ausland abgewandert. Keinen Verbraucher stört das, solange er gute Qualität für weniger Geld bekommt.
Je mehr sich China, Indien, die neuen EU-Staaten und Entwicklungsländer zum eigenen Nutzen in die Arbeitsteilung einklinken, je mehr sie ihr Wissen mehren und intelligenter produzieren, desto vielfältiger und preiswerter werden die Waren und Dienste, die der deutsche Konsument kaufen kann. Desto größer wird auch das Einkommen, das die Neuen für hiesige Produkte ausgeben können. Desto mehr aber müssen die Deutschen sich auch anstrengen, ihre Standortvorteile zu verbessern, wollen sie ihren Wohlstand weiter steigern. Die unsichtbare Hand des Marktes streichelt den, der zur Anpassung fähig ist, und sie ohrfeigt den, der sich der Anpassung verweigert.
Wandel mit Wucht
Dank niedriger Arbeitskosten und Unternehmensteuern können Osteuropäer ehemals deutsche Exportschlager preiswerter herstellen. Doch es ist kein unabwendbares Schicksal, daß Deutschland seine industrielle Basis verliert. Tausende Mittelständler zeigen, wie man durch Spezialisierung in technischen Nischen mit gut ausgebildeten Mitarbeitern sehr wohl in Deutschland produzieren und Geld verdienen kann. Wenn die Bundesregierung aber Staatsausgaben und Sozialleistungen, Steuern und Sozialbeiträge nicht ernsthaft senken will, und wenn Gewerkschaften zu echter Lohnmäßigung und -differenzierung nicht bereit sind, dann darf sich keiner wundern, daß hierzulande kaum noch jemand investieren will. Die Politik, nicht die internationale Arbeitsteilung, ist dann schuld, daß Arbeitsplätze der Industrie schneller abwandern als neue im Dienstleistungsbereich entstehen, und daß den Unternehmen der Freiraum fehlt, neue Vorteile zu entdecken und zu schaffen. Dann stehen Fünfzigjährige auf der Straße, ohne Aussicht auf neue Arbeit, und der Strukturwandel trifft Deutschland mit einer Wucht, die der wohlstandsverwöhnten Gesellschaft unheimlich wird.
Der internationalen Arbeitsteilung kann und darf Deutschland im eigenen Interesse nicht ausweichen. Der Strukturwandel ist flexibel zu ermöglichen und noch zu beschleunigen, weil erst in einer wachsenden Wirtschaft jeder Arbeit findet. Die Globalisierung ist insoweit ein harter Lehrmeister. Man muß aber auch lernen wollen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.427,30 | −1,22% |
| EUR/USD | 1,2398 | −0,73% |
| Rohöl Brent Crude | 103,44 $ | −3,19% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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