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Globalisierung Kampf um Deutschlands Industrie

11.07.2005 ·  Der Produktionsstandort Deutschland schrumpft immer weiter. Still und heimlich schleichen sich die Unternehmen davon. Kann die Verlagerung von Fabriken noch gebremst werden?

Von Winand von Petersdorff
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Die gute Nachricht vorweg: Auslegware und Teppichböden werden wohl auch in zehn Jahren noch in Deutschland produziert werden. Ursache dafür sind allerdings weniger die guten Wettbewerbsbedingungen des Standortes D, sondern physikalische Gesetze. Die Ware verformt sich auf langen Transportwegen durch ihr Eigengewicht.

Und nun die schlechten Nachrichten: Deutschland hat sich schon fast komplett von der Schuhproduktion verabschiedet. Auch die Fertigung von Fernsehern, Autolenkrädern, von großen Kühlschränken oder Memory-Chips hat keine Zukunft mehr in Deutschland. Die Textilindustrie ist verschwunden, große Teile der Elektroindustrie sind auf ihrem Weg in Billiglohnländer nicht aufzuhalten, und selbst Paradebranchen wie die Autoindustrie sind bedroht.

Das sind alles Ergebnisse einer Studie, die die Boston Consulting Group vorgelegt hat. Auftraggeber der Untersuchung ist Jürgen Hambrecht, der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Chemieunternehmens BASF. Ihn treibt die Frage um, wo seine Industriekunden wohl 2015 sein würden. Die Frage ist für die Ludwigshafener deshalb zentral, weil die meisten Erzeugnisse der Chemischen Industrie nur schlecht über weite Strecken transportiert werden können. Also wird produziert, wo der Kunde ist.

„Einige Unternehmen schleichen sich still und leise davon

Für die deutsche Volkswirtschaft ist die Fragestellung noch entscheidender. BASF und viele andere Unternehmen stellen solche Untersuchungen an, um herauszufinden, wann es Zeit ist zu gehen. Und damit wird klar, nicht nur die bekannten Faktoren Lohnkosten, Steuern, Bürokratie und eine gewisse Innovationsmüdigkeit belasten den Standort und bestimmen Wegzugsentscheidungen, sondern auch die komplexen Wertschöpfungs- und Lieferbeziehungen. Viele Erzeugnisse der Chemischen Industrie lassen sich nicht gut transportieren. Verschwindet ein wichtiger Kunde, steigt auch das Abwanderungsrisiko für seine Lieferanten.

Wenn Fabriken verlegt werden, löst das kleine und größere Dominoeffekte aus und gelegentlich Karawanen nach Osten und Fernost. Häufig ohne großes Getöse. „Einige Unternehmen schleichen sich still und leise davon“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Ludolf von Wartenberg.

Knapp acht Millionen Menschen der 38 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland sind in der Industrie beschäftigt. Die meisten davon in den industriellen Clustern Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Energie und Medizintechnik, in denen Deutschland bisher noch gut aufgestellt ist.

Jeder vierte Industriearbeitsplatz ist bedroht

Seit 1970 hat sich der Anteil der klassischen Industrie an der Wertschöpfung halbiert, gleichzeitig hat sich aber ein Sektor unternehmensnaher Dienstleistungen rapide entwickelt. Zusammen mit diesen bilden die industriellen Kerne produktive Konglomerate, die für die deutsche Wirtschaft prägend sind. Und sie müssen gepflegt werden. „Der industrielle Kern ist die Stärke Deutschlands“, so BDI-Hauptgeschäftsführer Wartenberg.

Fest steht jetzt schon, daß der Produktionsstandort in seinen klassischen Industrien weiter schrumpft. Vermutlich dramatisch. „Ohne Gegenmaßnahmen werden wir in den heutigen Industrien binnen der nächsten zehn Jahre bis zu zwei Millionen Jobs verlieren“, sagt Boston-Consulting-Geschäftsführer Peter Strüven. Mit anderen Worten: Jeder vierte Industriearbeitsplatz ist bedroht. Das gilt selbst bei einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent, das durch Produktivitätsfortschritte und zunehmende Kostennachteile neutralisiert werden wird.

Noch nicht in der Studie berücksichtigt sind jüngste Entwicklungen wie der rapide Anstieg der Energiepreise in den vergangenen Monaten, was die Situation in Deutschland noch verschärft und Branchen, die sehr viel Energie verbrauchen, zusätzlich gefährdet. Öffentlich geworden ist, daß mindestens drei größere Produktionsstätten geschlossen werden oder vor der Schließung stehen, weil ihren Betreibern die Energiepreise in Deutschland zu hoch sind.

„Grüne Gentechnik“ wird nicht stattfinden

„Dem Unternehmen ist es nicht gelungen, Stromverträge zu Konditionen abzuschließen, die den weiteren Betrieb von zwei der deutschen Aluminiumhütten erlauben“, schreibt Norsk-Hydro. „Ein starker Anstieg der Strompreise in Deutschland zwingt uns zu diesen Maßnahmen“, erklärt Jon-Harald Nilsen, der Leiter des Geschäftsfeldes Aluminium bei Hydro.

Zusätzlich entsteht Druck zur Produktionsverlagerung durch teures Öl vor allem in der Chemieindustrie. Im Nahen Osten nahe den Rohstoffquellen der arabischen Halbinsel entstehen Ethylen-Fabriken, die von den Grundstoffen Öl und Gas abhängen. Die neuen Wettbewerber aus Saudi-Arabien, Iran und Katar werden die Landkarte der Chemieindustrie verändern, prophezeien Experten.

Zusätzliche Gefährdungen für den Standort entstehen schließlich dadurch, daß neue Technologien es in Deutschland schwer haben, zu gedeihen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Nur in wenigen Forschungsfeldern werden in den nächsten Jahrzehnten Durchbrüche erzielt. Dazu gehört aber die Gentechnologie in all ihren Ausprägungen. Auf Grund von Haftungsregeln wird die „grüne Gentechnik“ nicht stattfinden, beklagt Werner Wenning, der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Herstellers von Pflanzenschutzmitteln, Bayer.

Sind die Arbeitsplätze überhaupt noch zu retten?

Der vielversprechende Gesundheitsmarkt wächst weltweit rapide, nur in Deutschland nicht, was der BDI auf die gewaltige Regulierungsdichte in der Branche zurückführt, durch die die Nachfrage fast erdrosselt wird. Selbst feine Paradebranchen wie die Medizintechnik stagnieren im Inland.

Hoher Lohn, teurer Strom, viel Bürokratie und eine große Skepsis gegenüber neuen Technologien: Sind die Arbeitsplätze überhaupt noch zu retten? Der Kampf hat zumindest begonnen: an der politischen Front verschärft durch den möglichen Regierungswechsel und unter den Tarifparteien.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie verschickte kürzlich eine Broschüre an die politischen Entscheidungsträger mit dem Titel „Für mehr Wertschöpfung am Standort Deutschland“. Es liest sich in Teilen wie ein Rezeptbuch für eine Kanzlerin Merkel, die, wie Beobachter aus der Wirtschaft bemerken, zum Glück eine Naturwissenschaftlerin ist.

Geißinger: Personalkosten senken

Doch an der Tariffront gibt es Bewegung, neues Denken und scharfe Töne. Einer der streitbaren Spitzenmanager ist Jürgen Geißinger, Chef des Wälzlagerherstellers INA-Schaeffler, der 58.000 Mitarbeiter weltweit auf der Lohnliste hat, die Hälfte in Deutschland.

Er kämpft mit hochgekrempelten Ärmeln für niedrigere Arbeitskosten. „Wir werden hier keine einzige zusätzliche Maschine aufstellen ohne Zugeständnisse“, adressierte er an Arbeitnehmervertreter. Seine Forderung: Die Personalkosten müssen um 20 Prozent herunter in den nächsten zwei Jahren. Und dafür würde er einen Arbeitskampf riskieren: „Dann haben wir eben vier oder sechs Wochen Generalstreik.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.07.2005, Nr. 27 / Seite 34
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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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