12.03.2008 · Ausgerechnet Gewerkschaften des DGB haben hunderte Tarifverträge abgeschlossen, die Einstiegslöhne von deutlich weniger als sechs Euro pro Stunde vorsehen. Damit liegen sie deutlich unter dem selbst geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro.
Von Sven Astheimer und Kerstin SchwennDie Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben rund 670 Flächen- und Haustarifverträge abgeschlossen, die Einstiegslöhne von weniger als 6 Euro vorsehen. Dies geht aus einer Erhebung der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) hervor. Der CGM-Bundesvorsitzende Reinhardt Schiller kritisierte, dass der DGB gleichzeitig einen für alle Branchen geltenden gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro fordere. Der DGB verlange damit „in sozialistischer Manier“ vom Staat die Durchsetzung von Lohnuntergrenzen, um eigene Fehler zu kaschieren. „Damit wird die bisher so hochgeschätzte Tarifautonomie aufgegeben.“
3,82 Euro für Friseure in Sachsen
In Sachsen hat Verdi einen Einstiegslohn für das Friseurhandwerk von 3,82 Euro ausgehandelt, den 4,57 Euro für ungelernte Floristen in Brandenburg hat die IG Bau zugestimmt. Im Westen erhalten Helfer im nordrhein-westfälischen Hotel- und Gaststättengewerbe 5,34 Euro, Wachmänner in Schleswig-Holstein 5,45 Euro. Der DGB wollte sich nicht zu den Zahlen äußern. Die Angaben seien schwierig, da sie nichts über die Anzahl der tatsächlich Betroffenen aussagten.
So dürfte es Fälle geben, in denen nur zwei oder drei Beschäftigte nach der untersten Lohngruppe bezahlt würden. Verdi-Sprecherin Cornelia Haß sagte zur Begründung für den Abschluss solcher Verträge, in einigen Branchen sei es wichtig, auf diese Art und Weise „einen Fuß in die Tür zu bekommen“, um dann bei nächster Gelegenheit höhere Löhne anzustreben. Außerdem biete selbst ein „Tarifvertrag mit lausigen Bedingungen“ dem Arbeitnehmer mehr Sicherheit – etwa im Hinblick auf Arbeitszeit und Urlaub – als gar keiner.
Schiller forderte, der DGB solle sich lieber um seine schlechten Tarifabschlüsse kümmern, als auf dem Wege von Gerichtsprozessen zu versuchen, die Tarifkonkurrenz aus dem Weg zu räumen. Die Tariffähigkeit der CGM mit nach ihren Angaben knapp 100.000 Mitgliedern war jahrelang von der IG Metall bezweifelt worden. 2006 zog das Bundesarbeitsgericht einen Schlussstrich unter den Streit, seitdem wirbt die CGM für sich als „einzige gerichtlich anerkannte Gewerkschaft für die Metall-, Elektro- und IT-Branche“.
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Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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