29.05.2004 · Weniger Arztbesuche, weniger Medikamente und höhere Einnahmen durch Zuzahlungen: den Krankenkassen geht es besser. Beitragssenkungen sollen folgen - aber frühestens zur Jahresmitte.
Erstmals seit Jahren haben die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) im ersten Quartal 2004 wieder einen Überschuß erwirtschaftet - auch als Folge der Gesundheitsreform. Nach ersten Berechnungen der Spitzenverbände, die am Freitag bekannt wurden, dürfte sich der Überschuß auf rund 900 Millionen Euro belaufen. Der Verbund der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) weist ein Plus von 370 Millionen Euro aus. Die zweitgrößte Kassengruppe der Ersatzkassen meldet einen Überschuß von etwa 350 Millionen Euro. Bei den Betriebskrankenkassen überschritten die Einnahmen die Ausgaben um rund 120 Millionen Euro, bei den Innungskassen um 50 Millionen Euro. Mehrere Ortskrankenkassen und Ersatzkassen haben für das laufende Jahr bereits Beitragssatzsenkungen in Aussicht gestellt.
Vertreter der Krankenkassen warnen davor, die Zahlen des ersten Quartals auf das gesamte Jahr hochzurechnen. Die Daten vom Jahresanfang gelten traditionell als korrekturbedürftig. Zu groß seien zudem die Unwägbarkeiten für die weitere Entwicklung bei Einnahmen und Ausgaben. Klarheit über weitere Beitragssatzsenkungen werde es frühestens zur Jahresmitte geben, erklärte der AOK-Bundesverband. Derzeit liegt der durchschnittliche Beitragssatz im hochverschuldeten GKV-System bei etwa 14,2 Prozent. Mit der Gesundheitsreform sollte er nach Plänen der Bundesregierung noch in diesem Jahr auf 13,6 Prozent gesenkt werden. Die meisten Kassen halten aber lediglich einen Satz von leicht unter 14 Prozent für realistisch.
Deutliche weniger Geld für Arzneimittel
Hilfreich sind dabei die sinkenden Ausgaben der Kassen für Arzneimittel. Die Apothekervereinigung Abda erklärte am Freitag in Berlin, die Ausgaben hätten im April um 229 Millionen Euro oder 12,3 Prozent unter denen des Vorjahresmonats gelegen. Im ersten Quartal waren die Ausgaben um 17 Prozent oder 900 Millionen Euro gesunken. Eine Abda-Sprecherin bekräftigte die Schätzung, daß die Medikamenten-Ausgaben der Kassen in diesem Jahr um 15 Prozent oder rund 3,4 Milliarden Euro nachgeben würden. Die Kassen zweifeln diese Rechnung an. 2003 hatten sie knapp 23 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erklärte, der Rückgang sei "eine gute Grundlage für die Konsolidierung der gesetzlichen Krankenversicherung".
Alle Kassenarten berichten, daß die starken Ausgabenrückgänge vor allem auf die Ausgrenzung von Leistungen durch die Gesundheitsreform und auf den höheren Eigenfinanzierungsanteil der Patienten durch Zuzahlungen und Praxisgebühr zurückzuführen sei. Die Ortskrankenkassen, die nach einem Vorjahresdefizit von 395 Millionen nun ein Plus von 370 Millionen Euro ausweisen, gaben bundesweit 4,7 Prozent weniger aus. Wie bei den anderen Kassenarten schlugen hier auch die Vorzieheffekte aus dem vergangenen Dezember durch. Zum Jahresschluß 2003 hatten viele Versicherte sich noch mit Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln eingedeckt; die Ausgaben der Kassen waren entsprechend gestiegen. Auch die Aufwendungen für das Krankengeld seien wegen des niedrigen Krankenstandes gesunken, berichteten die Ortskrankenkassen.
Mitgliederwanderung beruhigt sich wieder
Die Ausgaben der Ersatzkassen sind nur um 1,3 Prozent gesunken. Allein die Gmünder Ersatzkasse verzeichnet ein Minus von 8 Prozent, sie weist aber dennoch kein großes Plus aus. Der Überschuß der Ersatzkassen von 350 Millionen Euro - nach einem nach einem Fehlbetrag von 146 Millionen Euro im Vorjahresquartal - gründet überwiegend in steigenden Einnahmen. Diese legten um 1,4 Prozent zu und damit etwas mehr als bei den AOK mit 1,3 Prozent. Ausschlaggebend dafür seien die höheren Beitragssätze auf Betriebsrenten und Versorgungsbezüge, heißt es. Ohne diese Anhebungen wären die Einnahmen der Ersatzkassen um bis zu 0,8 Prozentpunkte gefallen. Das sei ein Zeichen dafür, daß die wirtschaftliche Konsolidierung der Kassen wegen der anhaltenden Konjunkturschwäche auf unsicherem Grund stehe. Auch die Ortskrankenkassen sprachen davon, daß die Konjunktur "noch keine sich selbst tragende Dynamik entfaltet hat". Bei den Innungskassen stagnierten die Einnahmen.
Derweil scheint sich die Mitgliederwanderung zwischen den gesetzlichen Kassen zu beruhigen. Die Ortskrankenkassen sind mit 18,6 Millionen Mitgliedern und 25,4 Millionen Versicherten weiter die größte Gruppe vor den Ersatzkassen mit 16,7 Millionen Mitgliedern und 23,3 Millionen Versicherten. Innerhalb der Angestelltenersatzkassen wechselten rund 68 000 Versicherte zur Techniker Krankenkasse, während Barmer und DAK etwa in gleicher Höhe verloren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.428,40 | −1,21% |
| EUR/USD | 1,2398 | −0,73% |
| Rohöl Brent Crude | 103,44 $ | −3,19% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?