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Gesundheitsreform Der Fall Mareike Müller

30.03.2007 ·  Die Gesundheitsreform bringt für die Versicherten viele Veränderungen, aber auch neue Möglichkeiten mit sich. Doch welcher Tarif der Versicherung passt zu wem? FAZ.NET zeigt an einem Beispiel, was man bei der Wahl beachten muss.

Von Andreas Mihm, Berlin
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Mareike Müller ist 35 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet in einer Werbeagentur und wird dafür mit knapp 4000 Euro im Monat entgolten. Sie ist gesund, nimmt ihre Vorsorgeuntersuchungen wahr, geht kaum zum Arzt und hat sich schon oft darüber geärgert, dass sie, anders als Studienfreundin Kerstin, nie eine Rückzahlung von ihrer Kasse bekommen hat.

Immerhin zahlt sie jeden Monat mehr als 500 Euro an ihre Kasse, wovon der Arbeitgeber knapp die Hälfte übernimmt. Selbst für ein Badetuch als Bonusangebot ihrer gesetzlichen Kasse reichte es in der Vergangenheit trotz regelmäßiger Besuche im Fitness-Club kaum, weil Mareike Müller weder rauchte (und damit keine Punkte für das Aufhören kassieren konnte) noch sich in ein spezielles Behandlungsprogramm einschreiben konnte oder musste (weil sie gesund war).

„Bis zu 600 Euro pro Jahr Bonus sind möglich“

Künftig hofft Mareike Müller auf eine satte Rückzahlung ihrer Kasse. Denn sie will einen der neuen Wahltarife auswählen, den ihr die AOK anbietet. „Wer mit seinem Einkommen über 3500 Euro im Monat liegt und den Selbstbehalttarif wählt, kann bis zu 600 Euro pro Jahr Bonus erhalten“, wirbt der Marktführer.

Selbst wenn sie, wie kürzlich einmal am heimischen Tisch kurz durchgespielt, auf eine Zweidrittelstelle wechseln würde, wäre (bei mehr als 2100 Euro Einkommen im Monat) ein „Grundbonus“ von 200 Euro im Jahr drin, verspricht die AOK. Das finanzielle Risiko scheint Müller überschaubar. Auch wenn sie einmal ins Krankenhaus müsste, und damit der schöne Bonus verlorenginge, wäre das finanzielle Risiko mit 120 Euro (360 Euro in drei Jahren) maximaler Zuzahlung überschaubar.

„Geht die Wette auf die gesundheitliche Zukunft auf?“

Andererseits, ginge alles glatt, könnte sie am Ende des für drei Jahres festgeschriebenen Vertrages 1800 Euro Bonus kassiert haben. Anders als bei der privatversicherten Freundin Silke würden Arztbesuche nicht einmal ins Gewicht fallen. Denn für die zahlt Mareikes Kasse eh mit einer Pauschale an die Kassenärztliche Vereinigung. Die Kosten für Müllers minderjährige Kinder fallen ebenso wenig ins Gewicht wie die für ihre Vorsorgeuntersuchung und die bald anstehende Auffrischung der Impfungen.

Auch Mareikes älterer Mann Volker Vollmann überlegt, ob er in einen Rabatttarif wechseln soll. Er ist Angestellter und bei einer großen Ersatzkasse versichert. Die bietet ihm nun bei seinem Einkommen von 40.000 Euro eine Prämie von 400 Euro im Jahr an, wenn er im Gegenzug einen Selbstbehalt von 580 Euro akzeptiert. Volker zögert noch, weil er unsicher ist, ob „diese Wette auf meine gesundheitliche Zukunft aufgehen wird“. Die Frau aus der Verbraucherzentrale hat ihm zur Vorsicht geraten: Erst einmal die Lage sondieren und die Angebote unterschiedlicher Kassen vergleichen.

Bonus bei Behandlungsprogramm für Diabetiker

Seiner Mutter, der alleinstehenden Rentnerin Renate Vollmann (67), hat der Kassenvertreter von eine Rabatttarif abgeraten. Denn Renate Vollmann ist chronisch krank und Diabetikerin (Typ I). Sie weiß, dass sie regelmäßig zum Arzt muss, viele Medikamente benötigt und ein Prämientarif deshalb für sie finanziell nicht attraktiv ist. Schon im vergangenen Jahr hat sie so viele Zuzahlungen für Arztbesuche und Medikamente geleistet, dass sie die Zuzahlungsgrenze von einem Prozent ihres Jahreseinkommens erreicht hat und deshalb von ihrer Kasse von weiteren Zuzahlungen freigestellt wurde. Frau Vollmann hat sich deshalb schon in ein Behandlungsprogramm für Diabetiker eingeschrieben. Als Gegenleistung gibt die Kasse ihr einen Bonus.

Das benachbarte Rentnerehepaar Schmitz wiederum ist gesundheitlich für sein Alter recht fit, sie scheuen aber (“Man weiß ja nie, was kommt.“) das finanzielle Risiko eines Rückerstattungstarifs. Die Schmitz haben sich schon im vergangenen Jahr in ein Hausarztprogramm eingeschrieben. Hier hat ihnen ihre Kasse - die Offerten sind auch da unterschiedlich - angeboten, zumindest auf die Praxisgebühr von zehn Euro im Quartal zu verzichten, wenn sie immer zunächst den vereinbarten Hausarzt aufsuchen und dann nur die Fachärzte, zu denen er sie überweist.

Quelle: F.A.Z., 31.03.2007, Nr. 77 / Seite 11
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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