27.07.2010 · Die Zusatzbeiträge wirbeln das Gesundheitssystem durch: Große Krankenkassen mit Beitrag verlieren Hunderttausende Mitglieder. Das folgt aus einer Statistik des Gesundheitsministeriums und der Kassenverbände, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Gewinner sind bisher die AOK und die Techniker Krankenkasse.
Von Andreas Mihm, BerlinDie Einführung von Zusatzbeiträgen hat die Mitgliederwanderung in der gesetzlichen Krankenversicherung deutlich verstärkt. Gewinner sind bisher die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) und die Techniker Krankenkasse. Sie konnten die Zahl ihrer Versicherten 2010 um mehrere Hunderttausend steigern. Hohe Wanderungsverluste haben einige Betriebs- und Ersatzkrankenkassen erlitten. Das folgt aus einer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegenden Statistiken des Gesundheitsministeriums und der Kassenverbände. Gesundheitspolitiker könnten sich durch die Zahlen in der Erwartung bestätigt sehen, dass die Einführung von Zusatzbeiträgen die Wechselbereitschaft der Kunden und damit den Wettbewerb der Krankenkassen untereinander anheizt.
Die AOK, die bislang keinen Zusatzbeitrag verlangt, kommt demnach auf ein Plus von 510 000 Versicherten. Zusammen versichern die Ortskrankenkassen nun 24,2 Millionen der bundesweit 70 Millionen GKV-Versicherten. Geht die Steigerung so weiter, könnten sie den Ersatzkassen den Rang als größter Kassenverband bald wieder ablaufen. Die Ersatzkassen haben bis Anfang Juni 60 000 Versicherte verloren. Allein im Laufe des Juni kamen 59 000 Abgänge hinzu. Damit zählt der Verband zum Halbjahresende noch 24,6 Millionen Versicherte.
Die BKK Gesundheit verlor jedes fünfte Mitglied
Das Minus von 0,5 Prozent verdeckt die massiven Veränderungen, die innerhalb des Ersatzkassenlagers im Gange sind. Die DAK, die im Februar den Zusatzbeitrag von 8 Euro einführte, verlor bis Juli 5 Prozent oder 241 000 Mitglieder. Zuletzt verfügte sie über 4,6 Millionen Mitglieder. Allerdings hat sich das Tempo der Abwanderungen offenbar stabilisiert. Schlimmer traf es die KKH-Allianz, die seit März einen Zusatzbeitrag von 8 Euro verlangt. Sie verlor von Januar bis Juli 7,6 Prozent oder 116 000 ihrer 1,5 Millionen Mitglieder. Gewinner im Ersatzkassenlager war die mit 233 000 Mitgliedern kleine hkk aus Bremen mit einem Plus von 7,2 Prozent. Sie hatte im Dezember 2009 angekündigt, einen Zusatzgewinn an die Mitglieder auszuschütten. Die Hamburger Ersatzkasse HEK legte 2,6 Prozent auf 270 000 Mitglieder zu. Am deutlichsten profitiert die Techniker Krankenkasse von der Schwäche der Konkurrenz: Sie steigerte ihre Mitgliederzahl um 238 000 auf 5,2 Millionen (plus 3,5 Prozent). Branchenprimus Barmer/GEK legte dagegen nur um 0,8 Prozent auf 6,5 Millionen beitragszahlende Mitglieder zu.
Mitgliederverluste erleiden viele Kassen aus dem Lager der Betriebskrankenkassen. Sie galten vor Einführung des einheitlichen Beitragssatzes oft als besonders günstig und haben mobile Kunden angezogen, die in Krisenzeiten schnell die Kasse wechseln. So hat die BKK Gesundheit, die größte BKK bis zu 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren, seit sie einen Zusatzbeitrag von 8 Euro verlangt.
„Kein Zusatzbeitrag, individuelle Betreuung und umfassende Leistungen“
Fachleute warnen vor Fehldeutungen der Daten, da sie kassenartenübergreifende Fusionen nicht berücksichtigen. Markant ist das Beispiel der Innungskrankenkassen (IKK) mit 3,8 Millionen Mitgliedern. Die haben laut IKK-Verband durch die Fusion der IKK Niedersachsen mit der AOK etwa 280 000 Mitglieder an die AOK abgegeben. Rechnerisch weist die Statistik nur 140 000 weniger Versicherte aus. Demnach haben die verbliebenen IKK 140 000 Versicherte hinzugewonnen.
Nach dieser Betrachtung haben die AOK laut IKK-Verband 228 000 neue Versicherte, die IKK 142 000 und die Knappschaft-Bahn-See 39 000 Versicherte hinzugewonnen. „Kein Zusatzbeitrag, individuelle Betreuung und umfassende Leistungen - die Bürger erkennen das an“, sagte IKK-Verbandsgeschäftsführer Rolf Stuppardt. Ob die Wechselquote weiter hoch bleibt, kann bezweifelt werden. Durch die Beitragserhöhungen und Steuerzuschuss sollen die Kassen laut Gesundheitsministerium im nächsten Jahr so gestellt werden, dass sie rechnerisch keinen weiteren Zusatzbeitrag erheben müssten.