26.07.2010 · Schlechte Nachricht für Gesundheitsminister Rösler: Da die Generation der Babyboomer altert, treibt dies die Krankenkosten. Eine neue Studie warnt zudem vor den Folgen der Zunahme psychischer Erkrankungen.
Von Andreas MihmSeit drei Jahren steigen die Ausgaben der Krankenkassen für Krankengeld steil nach oben. Im vergangenen Jahr erhöhten sie sich um 10 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro. Im Jahr davor lag die Zuwachsrate bei beachtlichen 9,4 Prozent, im Jahr 2007 bei überdurchschnittlichen 5,4 Prozent. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ist über den Anstieg besorgt. Erst im Juni hat er deshalb von den Kassen eine Analyse und Änderungsvorschläge verlangt.
Die Analyse liegt jetzt vor. Ihre Ergebnisse werden Rösler wohl kaum zufriedenstellen. Die Gründe seien vielfältig, vor allem sind sie wohl durch die Alterung der Gesellschaft bedingt. Zu ändern sei das kaum. "Nach bisherige Analysen wird sich dieser Trend fortsetzen", heißt es in der Analyse, die dieser Zeitung vorliegt. "Steigende Kosten beim Krankengeld werden bleiben." Klarere Abgrenzungen von Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung könnten aber helfen, Kosten zu senken, das System effizienter zu machen und Missbrauch zu verhindern.
Ausgaben schwanken stark
Krankengeld zahlt die Krankenkasse in der Regel an gesetzlich versicherte Arbeitnehmer nach der 6. Krankheitswoche. Zuvor zahlt meist - tarifvertraglich geregelt - der Arbeitgeber weiter den Lohn. Das Krankengeld ist auf 70 Prozent des letzten regulären Arbeitsbruttolohnes begrenzt, darf aber nicht mehr als 90 Prozent des letzten Nettoverdienstes überschreiten. Als Bemessungsmaßstab gilt indirekt die Beitragsbemessungsgrenze von 3750 Euro im Monat.
Die Ausgaben schwanken erheblich: Vor Jahren übertrafen sie schon einmal die Marke von 7 Milliarden Euro, gingen dann aber bis 2006 auf 5,7 Milliarden Euro zurück. Der Gesetzgeber hatte die Leistung in der Vergangenheit mehrfach gekürzt. In den neunziger Jahren wurde die Höhe gesenkt, bei der letzten Reform der Anspruch freiwillig versicherter Selbständiger auf Krankengeld gestrichen.
Der zuletzt wieder starke Anstieg der Ausgaben für das Krankengeld fiel um so mehr auf, als die Kranken- und Fehlzeiten-Statistik ungewohnt niedrige Krankenstände auswies. Die der F.A.Z. vorliegende Analyse zeigt nun, dass es zwischen diesen Faktoren offenbar keinen sächlichen Zusammenhang gibt. Als wesentliche Gründe gelten den Kassen vielmehr die Alterung der Arbeitnehmerschaft. Die große Generation der Babyboomer verbreitert nun die Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen. Diese ist nicht nur öfter, sondern auch länger krank als jüngere Arbeitnehmer. Als kostentreibend erweise sich zudem, dass Ältere in der Regel ein höheres Einkommen hätten, das die Bemessungsgrundlage für das Krankengeld bildet. "Dies wird die Gesetzliche Krankenversicherung auch zukünftig belasten", heißt es.
Krankentage je Fall nehmen zu
Die Kassen stellen auch fest, dass die Zahl der Krankentage je Fall zunimmt. Ein Grund dafür seien veränderte Krankheitsbilder. Seit Jahren stellen die Kassen fest, dass gerade psychische Erkrankungen einen immer größeren Anteil an den Krankmeldungen ausmachen. Diese zu behandeln dauere besonders lange, was die Kosten treibe. Indiz für die Zunahme psychischer Erkrankungen sei auch die in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegene Zahl der Rentenbewilligungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen. Inzwischen seien sie sogar die Hauptursache für Erwerbsunfähigkeitsrenten.
Die wachsende und von der Politik geförderte Ausweitung der Beschäftigung Älterer sei ein weiterer Grund für die steigenden Kosten des Krankengelds. Von 1997 bis 2007 ist die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen von 38 auf 52 Prozent gesteigert worden, hat das Statistische Bundesamt errechnet. Kostentreibend wirkten sich vermutlich auch die Reformen der Rentenversicherung auf die Krankengeldkosten aus: Mehr als die Hälfte der Neurentner habe 2008 Abschläge wegen vorzeitigen Rentenbezugs hinnehmen müssen. "Diese Regelungen erhöhen die Anreize für Krankengeldbezieher höheren Alters, die Rentenantragstellung möglichst hinauszuzögern und den Krankengeldbezug als Überbrückung bis zum Renteneintrittsalter weitgehend zu nutzen", heißt es in dem Papier - allerdings gebe es dafür keine eindeutigen empirischen Belege.
Gleiches gilt für die begründete Vermutung, wonach die wachsende Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse nicht nur Gesundheitsrisiken wegen mehr psychischen Stresses berge, sondern auch einen Anreiz schaffe, kurz vor Auslaufen der Befristung die Existenz durch "Flucht in die Arbeitsunfähigkeit zu sichern". Der Effekt sei "durchaus wahrscheinlich". Ein ähnlicher ökonomischer Anreiz wirke bei Beziehern von Arbeitslosengeldes. Die suchten ein Abrutschen in den Bezug des niedrigeren Arbeitslosengeldes II so lange wie möglich hinauszuzögern, falls nötig durch kassenfinanziertes Krankengeld.
Rolle der Ärzte
Dirk Häßner (Cobalt60)
- 26.07.2010, 14:13 Uhr
Herr Häßner, es ist nicht Rolle des Arztes, AU-Kontrolleur zu sein
Inanc Bardakcioglu (HurraTuerkiye)
- 26.07.2010, 15:41 Uhr
Hier bleibt nur eines:
Stefan Vieregg (Kuselianer)
- 26.07.2010, 16:33 Uhr
Herr Häßner, es ist nicht Rolle des Arztes, AU-Kontrolleur zu sein
Inanc Bardakcioglu (HurraTuerkiye)
- 26.07.2010, 18:03 Uhr
Das Problem bei der Wurzel packen - Lobbyarbeit ist das Krebsgeschwür
Terrence Troesch (twt89)
- 27.07.2010, 13:53 Uhr
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