28.05.2006 · Sie fälschen Abrechnungen, verschreiben zu teure Medikamente und schummeln mit Billigprothesen. Deutsche Ärzte betrügen die Kassen. Und die Patienten müssen es zahlen.
Von Dyrk ScherffEs war einer der größten Skandale im Gesundheitswesen seit Jahrzehnten: Mehrere hundert Zahnärzte waren verstrickt, ein Schaden in dreistelliger Millionenhöhe war entstanden. Deutsche Zahnärzte hatten im Jahr 2002 über das Unternehmen Globudent Zahnersatz billig in Asien eingekauft und bei den Krankenkassen die rund doppelt so hohen deutschen Preise abgerechnet.
Kein schlechtes Geschäft für die Trickser: Die Ärzte bekamen 20 Prozent Gewinnbeteiligung in bar, der Rest ging an Globudent. Und alle kamen auf ihre Kosten.
Globudent ist kein Einzelfall. Jedes Jahr entsteht durch Betrug der Ärzte ein Milliardenschaden für die Kassen. Auf acht bis 24 Milliarden Euro im Jahr schätzt Transparency International Mehrausgaben. Das sind immerhin zwischen sechs und 17 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Kassen von 140 Milliarden Euro. Zahlen müssen dies letztlich die Versicherten. Zehn Milliarden Euro Mehrkosten erhöhen den Beitragssatz um etwa einen Prozentpunkt. Ein Gutverdiener muß dadurch rund 420 Euro im Jahr zusätzlich bezahlen.
Rechnungen nur schwer zu kontrollieren
Die Kassen selbst sind etwas vorsichtiger als die Korruptionsexperten von Transparency. Aber Betrugsgelder von rund eine Milliarde Euro jährlich halten auch sie für gesichert. Die Unsicherheit erklärt sich dadurch, daß Arztrechnungen nur schwer zu kontrollieren sind, weil dazwischen die Kassenärztlichen Vereinigungen geschaltet sind, die die Interessen der Ärzte vertreten. „Wir schätzen lieber konservativ“, sagt Gernot Kiefer, Vorstand des federführenden IKK Bundesverbandes. Weitere Schäden in Milliardenhöhe hält er gleichwohl nicht für ausgeschlossen.
Wie tricksen die Ärzte? Besonders verbreitet ist es, Leistungen gegenüber der Kasse abrechnen, die gar nicht oder nur zum Teil erbracht wurden. Die viertgrößte deutsche Krankenkasse KKH berichtet von einem Arzt, der bei einem einfachen Behandlungsfall umfangreiche Magenspiegelungen und Ultraschalluntersuchungen geltend machte, die der Patient aber nie bekommen hat und die auch gar nicht nötig waren. Ein anderer Arzt rechnete Krebsvorsorgeuntersuchungen für einen schon Verstorbenen ab. Und ein dritter speicherte die Daten der Versichertenkarte eines Patienten und nutzte sie ein Quartal später, um eine vermeintliche, aber tatsächlich nie stattgefundene Folgeuntersuchung abzurechnen.
Dame mit Erektionsstörungen
Ein anderer Betrug lief eher im Kleinen ab. Jahrelang gab ein Arzt vor, ausführliche Befunde zu schreiben, die von den Kassen einige Euro besser vergütet werden als die tatsächlich erstellten Kurzberichte. Jahrelang praktizierte der Arzt dieses Verfahren, bis er aufflog. Schaden: Rund 800.000 Euro.
Besonders delikat war dieser Fall: Bei einer Augenoperation tauchte auf der Rechnung unter der üblichen Buchstabenkombination neben Behandlungskosten von 1300 Euro ein weiterer Posten im Wert von 1000 Euro auf. Damit wurde der älteren Dame die Behandlung von Erektionsstörungen berechnet.
Da die Versicherten nicht sehen, was der Arzt bei der Kasse geltend macht, fällt solcher Betrug so schnell nicht auf. Die Krankenkassen wiederum erfahren nicht, welche Untersuchungen im konkreten Fall nötig waren und zahlen.
Doppelt kassieren
IKK-Chef Kiefer kennt weitere Tricks der Ärzte. „Einige überweisen gegen Provision zur Weiterbehandlung an einen Physiotherapeuten - auch wenn das gar nicht immer nötig ist.“ Andere behaupteten, eine Leistung werde von den Kassen nicht angeboten. Dafür kassieren sie dann von ihren Patienten privat und machten die gleiche Leistung auch noch gegenüber der Kasse geltend.
Einige Ärzte sind zudem empfänglich für finanzielle Lockmittel von Pharmaunternehmen. „Ärzte werden immer wieder von Vertretern einzelner Pharmaunternehmen angesprochen. Sie bekommen bis zu 600 Euro, wenn sie einen ihrer Patienten auf das teurere Medikament des Herstellers umstellen, auch wenn es nicht besser ist als das Konkurrenzprodukt“, beschreibt Peter Schönhöfer, emeritierter Professor für klinische Pharmakologie und Mitherausgeber des „arznei-telegramms“, eine Variante, die noch nicht als Betrug gilt.
Der kranke Blindenhund
Niedergelassene Ärzte sind aber weitem nicht die einzigen, die tricksen. Krankenhäuser, die 30 Prozent der Ausgaben der Kassen verursachen, kaufen zu teure Medikamente und medizinische Geräte ein, weil die Verantwortlichen mit Bargeld oder sogar Fußball-Tickets geködert wurden, wie das bei der Weltmeisterschaft 1998 geschehen ist. Ein Apotheker erhöhte auf Rezepten die Menge und rechnete sie ab, ohne sie dem Kranken auszuhändigen. Schaden: mehrere hundertausend Euro. Die Inhaberin einer Blindenhundeschule fälschte die Herkunftspapiere eines Hundes. Sie vertuschte damit, daß das Tier zu alt und zu krank war, um einen Blinden zu führen. Der Schaden für die Kassen und damit auch die Versicherten betrug mehr als 20.000 Euro.
In den vergangenen Jahren ist der Betrug ein bißchen schwerer geworden. Die Kassen wurden gesetzlich verpflichtet, Ermittlungsstellen einzurichten. In der KKH sind acht Leute mit dieser Aufgabe beauftragt. „Wir bekommen Hinweise von anderen Ärzten und Krankenhäusern oder unzufriedenen Mitarbeitern“, erklärt die Leiterin der Gruppe, Dina Michels. Manchmal hilft auch die neue Computertechnik. So hätten elektronische Plausibilitätsprüfungen aufgedeckt, daß die abgerechneten Leistungen, wären sie wirklich erbracht worden, den Arzt mindestens 30 Stunden am Tag beschäftigt hätten.
90 Prozent rechnen korrekt ab
Fliegt jemand durch solche Prüfungen auf, wird Strafanzeige erstattet. Bei den Untersuchungen mauerten die Kassenärztlichen Vereinigungen, klagt der Frankfurter Staatsanwalt Alexander Badle, der für Hessen seit vier Jahren 1800 Fälle behandelt hat. „Antworten auf Schreiben kommen nicht und Rückruf-Bitten werden ignoriert.“
Nicht nur die Kassen, auch die Patienten haben einige, aber wenige Möglichkeiten, Betrug zu verhindern. Dabei jeden Arzt unter Verdacht zu stellen, sei übertrieben, sagen auch die Kassen. Schließlich rechneten mindestens 90 Prozent korrekt ab.
Aber wenn etwa der Arzt dem Patienten eine Privatrechnung stellt, lohnt eine Nachfrage bei der Kasse, ob die Leistung nicht vielleicht doch übernommen wird. Hier kann der Versicherte auch melden, wenn er ein Verdacht hat. Dann werden die Ermittler der Krankenkassen aktiv. Und er kann den Arzt um eine kostenlose Patientenquittung bitten. Sie führt auf, was der Doktor abrechnet und erhöht damit den Druck auf ihn, korrekte Rechnungen zu schreiben.
Manchmal waren aber sogar die Patienten die Übeltäter. In mehreren Fällen sammelten sie Rezepte, lösten aber nur einen Teil ein. Für den Rest ließen sie sich das Geld von den Apothekern in bar auszahlen. Die Apotheker holten sich die Beträge von der Kasse zurück.
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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